
Shoah ist ein hebräisches Wort. Es bedeutet großes Unheil, Katastrophe. Seit 1985, der Premiere von Claude Lanzmanns gleichnamigem Dokumentarfilm, hat es sich im deutschen Sprachgebrauch als Bezeichnung für die systematische Ermordung der in Europa lebenden Jüdinnen und Juden zur Zeit des Nationalsozialismus etabliert. Schon dieser Einfluss veranschaulicht die epochale Bedeutung von Shoah, dessen Produktion außergewöhnlich war: 12 Jahre lang arbeitet Lanzmann an seinem Opus magnum, 350 Stunden Drehmaterial verdichteten er und die Filmeditorin Ziva Postec
zu einer über neunstündigen einzigartigen Filmerfahrung.
Lanzmann spricht mit Überlebenden, Zeug*innen und Tätern. Ihre Stimmen und Sprechweisen, ihre Abbrüche und erneuten Versuche zu sprechen, ihre Akzente und unterschiedlichen Timbres prägen die Tonebene des Films. Diese ist verschränkt mit Gegenwarts-Bildern, die die Orte der Gewaltverbrechen und die sich erinnernden Gesichter der Augen- und Zeitzeugen erfassen. „Hätte ich einen Film [von einem SS-Mann aus Auschwitz] gefunden, […] ich hätte ihn nicht nur nicht gezeigt, ich hätte ihn zerstört“ schreibt Lanzmann bezüglich seiner Entscheidung, auf jegliches Archivmaterial zu verzichten. Seine erinnerungspolitische Position ist radikal, lehnt sie darüber hinaus auch jegliche Spielfilme über die Shoah ab, denn: „Die Fiktion ist eine Übertretung und es ist meine tiefste Überzeugung, dass jede Darstellung verboten ist.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.3.1994) (lv)
Shoah, Teil 2
- FR 1985
- 35mm
- OmU
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R: Claude Lanzmann, Teil 1: 274’, Teil 2: 292’
Claude Lanzmanns 1985 uraufgeführter Dokumentarfilm Shoah gehört zu den wichtigsten filmischen Reflexionen über die Judenvernichtung während des „Dritten Reichs“. Bereits früh entschied sich Lanzmann dafür, kein historisches Filmmaterial zu verwenden. Längst seien diese Bilder durch ihren inflationären Gebrauch etwa in Schulbüchern und Illustrierten vom historischen Geschehen losgelöst. Im Zentrum von Shoah steht daher auch nicht die Rekonstruktion des Vergangenen, sondern die Spur der Verbrechen in der Gegenwart. Lanzmann bringt die Zeugen der Shoah in einen räumlichen Bezug zu ihren Erfahrungen. Er rekonstruiert die Vergangenheit in der Gegenwart, indem er etwa mit Überlebenden an die historischen Orte zurückkehrt, die Situation ihrer Pein nachstellt oder eine künstliche Umgebung in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation schafft. (teh)