Rosmarie Beier
Zeughaus Berlin, 26. März - 15. Juni 1993
Bericht zur (mentalen) Lage der Nation
Was die Besucher einer Berliner Ausstellung über die deutsch-deutsche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken
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Katalog

Vorwort
Einführung

Deutschland um 1900

DDR
BRD


Aufsätze



Ausstellungsarchitektur



Besucherreaktionen

Aus Politk und Zeitgeschichte


Virtueller Spaziergang



Ausstellungsgrundriss



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II. Selektive Erinnerung: Der staatlich verordnete Lebensweg in der DDR und die individuelle Biographie

Was hatte uns überhaupt bewogen, die Darstellung der Lebensstationen in Ost und West so hart zu kontrastieren? Ausschlaggebend waren, über die unmittelbaren Eindrücke und Erfahrungen im deutsch-deutschen Alltag hinaus, die Erkenntnisse der Sozialwissenschaften. Schon ein erster Blick auf rein quantitative Werte lehrt die Einsicht, daß der Lebensweg in der DDR im allgemeinen auf festen Gleisen verlief. 80 Prozent der Säuglinge kamen in die Krippe, 98 Prozent der Kinder wurden mit der Einschulung "Junge Pioniere". Es folgten die Freie Deutsche Jugend (FDJ), der rund drei Viertel aller Jugendlichen beitraten, und der "Überführungsritus" der Jugendweihe, an der 98 Prozent aller Vierzehnjährigen teilnahmen. Die Phase der Bildung und Ausbildung unterlag einem strikten Zeitplan (J. Zinnecker spricht hier vom "selektiven Moratorium" ), und der Übergang ins Arbeitssystem war weitgehend vorgeplant. Dementsprechend blieb den Jugendlichen in der stärker reglementierten und auch auf sozio-kulturellem Gebiet durch einen "Modernisierungsrückstand" charakterisierten DDR wenig Raum oder Zeit für Reifungskrisen und für die Identitätssuche. Der Übergang ins Berufsleben vollzog sich zumeist prompt, und der Arbeitsplatz wurde zu einer Art Heimat. Während einer Psychotherapie-Tagung 1993 in Potsdam fiel folgerichtig das Wort von der "Verkrippung der DDR", und es bezog sich nicht nur auf die fast "flächendeckende" sozialistische Krippenerziehung der Kleinkinder. "Wir wurden ja immer ans Händchen genommen, das ganze Leben lang", sagte eine Ärztin aus dem Plenum.

Ein anderes Ergebnis legen die Befunde der Sozialwissenschaften bezogen auf den Westen nahe. Hier ist die Bildungszeit offener und durch ungeplante Verlängerungen gekennzeichnet. Der Übergang ins Berufsleben ist wenig geregelt, und durch einen lockeren Zeitplan kommt es häufig zu einer Verzögerung dieser Statuspassage. Charakteristisch für den "westlichen Lebensweg" ist, daß der Zeitpunkt der Gründung einer eigenen Familie zumeist hinausgeschoben wird und daß die gewonnene Zeit zur Erprobung von Partnerschaften) und Sexualität verwandt wird. Demgegenüber fand im Osten die Ablösung von der Herkunftsfamilie durch die frühe Neugründung einer eigenen Familie statt; eine "Probephase" entfiel zumeist. 1981 lag das durchschnittliche Heiratsalter für Frauen bei 23 Jahren (I971 sogar bei 21 Jahren); nur wenige heirateten - anders als im Westen - jenseits der dreißig zum ersten Mal . Es ist nur folgerichtig, daß die meisten Frauen ihre Kinder zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr zur Welt brachten. Danach war, in den Termini der Demographen, die "generative Phase" im allgemeinen abgeschlossen.

Der Übergang ins Erwachsenenalter und die Annäherung an den Status der eigenen Eltern vollzogen sich in der DDR also sehr viel schneller als in der Bundesrepublik. Fazit: Die Lebenswege unterschieden sich in Ost und West hinsichtlich der Vorgaben, der Verbindlichkeit und der Steuerung durch überindividuelle Faktoren grundlegend.

Auffällig ist nun, daß nur wenige Besucher aus dem Westen sich mit der Gegenüberstellung der Lebenswege auseinandersetzten. Eine der wenigen Äußerungen lautete: "Gegenseitiges Kennenlernen ist zum gegenseitigen Verständnis wichtig. Dazu trägt diese Ausstellung bei!" (7: 11. 06. 93, w, Berlin-Steglitz)
Der geradlinige, verordnete Lebensweg in der DDR wurde dagegen von den meisten Besuchern aus den neuem Bundesländern als ein Spiegel betrachtet - ein Spiegel, in dem auch sie und ihre Biographie sichtbar wurden. Die je individuelle Biographie in diesem Spiegel sehen zu müssen, war für viele nur schwer erträglich: "Wir haben nicht nur strammgestanden und das FDJ-Hemd getragen" (6: 5.8.95, m, Ostdeutschland), so und ähnlich lauteten etliche Einträge. In den Nischen der Gesellschaft aber hätten viele ihr Auskommen und ihre Zufriedenheit gefunden, das war oft die Selbst- und Fremddeutung: "Ich war in der DDR trotz allem, was man im nachhinein als organisiert und manchmal auch stumpfsinnig bezeichnen möchte, glücklich. Glücklich, weil ich kein ,Held` war, weil ich oft meine Klappe hielt und die Nischen fand, die ich für mich suchte." (3: 13. 11. 93, m, Wittenberge)

Die ehemaligen DDR-Bürger insistierten darauf, den offiziellen, verordneten Teil ihres Lebens, die ,Rahmung` sozusagen, als den nicht-eigentlichen, nicht-authentischen Part beiseite zu lassen. Insofern diente die Ausstellung mit den jeweils schematisierten Lebensläufen Ost- und Westdeutscher auch als Feld, das Distanzierungen von einer spezifischen Form der Analyse und Betrachtung von Vergangenheit, einer an den Strukturen orientierten Geschichtsschreibung, provozierte.

 
           
 
 
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