Zeughauskino erhält Kinopreis des Kinematheksverbundes

26. Oktober 2026 Lesedauer 5 Min.

Jörg Frieß leitet seit August 2006 das Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums (DHM). In diesem Jahr wurden er und sein Team mit einem Kinopreis des Kinematheksverbundes, dem ersten Preis in der Kategorie „Kino, das zurückblickt“, ausgezeichnet. Ein guter Anlass, um das Zeughauskino und sein Programm im DHM Journal vorzustellen.

Verschiedene Menschen mit einer Preisurkunde

Jörg Frieß (links), Dorlis Blume (2.v.l.), Direktorin der Abteilung Ausstellungen am Deutschen Historischen Museum, und ein Teil des Teams des Zeughauskinos bei der Preisverleihung; Foto: Julka Seifert

DHM Journal: Jörg Frieß, am 24. Oktober wurde das Zeughauskino in der Kategorie „Kino, das zurückblickt“ mit einem ersten Preis des Kinematheksverbundes auszeichnet, herzlichen Glückwunsch! Wofür wird dieser Preis vergeben? 

Jörg Frieß: Der Kinematheksverbund, ein Zusammenschluss der zentralen deutschen Filmerbe-Institutionen, zeichnet mit dem Kinopreis öffentlich geförderte Kinos aus, die im vergangenen Jahr, also 2025 ein filmkulturell herausragendes Programm angeboten haben. Die Preise werden in verschiedenen Kategorien vergeben. Eine Sparte trägt den schönen Titel „Kino, das zurückblickt“ und prämiert Kinos, deren filmhistorische Reihen besonders originell und vielfältig waren.

Was zeichnet das Zeughauskino-Programm des letzten Jahres aus? Welche herausragenden Reihen standen auf dem Spielplan?

Die Jury, die die Preise vergibt, erwähnte in ihrer Begründung die beiden Retrospektiven „Filmpionierinnen! Regisseurinnen in Deutschland 1917 bis 1932“ und „Was von der DDR bleiben sollte. Die Staatliche Filmdokumentation der DDR“. Das waren sicher zwei außergewöhnliche Reihen, weil sie auf umfangreichen Archivrecherchen der Kuratorinnen und Kuratoren fußten und auch die Präsentationen im Zeughauskino voller Entdeckungen und Erkenntnisse waren. Mir persönlich fällt es schwer, einzelne Retrospektiven hervorzuheben. Aber das gesamte Programm des vierten Quartals war meines Erachtens ein großer Wurf. In gleich mehreren Reihen stand der weibliche Anteil an deutscher und internationaler Filmgeschichte im Mittelpunkt, wobei ganz unterschiedliche filmhistorische, ästhetische und gesellschaftliche Aspekte zum Tragen kamen, neben den deutschen Filmpionierinnen auch die Arbeit der feministischen Kuratorin Vivian Ostrovski, die internationale Karriere der in der Kyjiw geborenen Schauspielerin Anna Sten und die Werke der Filmemacherin Viola Stephan. Ein ungewöhnlich buntes, entdeckungsreiches Quartalsprogramm.

Gab es besondere Herausforderungen, die Sie und Ihr Team meistern mussten?

Die Beschaffung so mancher historischer Filmkopie und die Organisation einiger Stummfilmkonzerte waren auch im vergangenen Jahr langwierig beziehungsweise aufwändig. Aber dank meines hervorragenden Teams und der Improvisationskunst unserer Musikerinnen und Musiker konnten alle Hürden genommen werden. Eine außergewöhnliche Maßnahme war am Ende des Jahres der eigentlich für später geplante Umzug unseres digitalen Projektors aus dem Zeughaus in den Pei-Bau, in dessen viel kleinerem Vorführraum die Projektoren neu angeordnet werden mussten. Eine aufregende und komplizierte Aktion, die zum Glück erfolgreich verlaufen ist. 

Wie entstehen die Retrospektiven des Zeughauskinos? Welche Etappen durchläuft die Vorbereitung einer Filmreihe?

Da die Spielpläne des Zeughauskinos als Quartalsprogramme erscheinen, planen wir sehr weit im Voraus. Ideen entstehen auf ganz unterschiedliche Art. Manche Reihen begleiten Ausstellungen des DHM. In diesem Fall stehen Gespräche mit den Ausstellungskuratorinnen und -kuratoren am Anfang der Programmplanung. Die meisten Filmreihen sind aber unabhängig vom Ausstellungsprogramm des DHM. Sie verdanken sich eigenen Ideen oder Anregungen von externen Kuratorinnen und -kuratoren. Wir diskutieren mögliche Themen und Profile der Reihen, sichten Filme, erstellen Wunschprogramme, die sich dann im Austausch mit Archiven und Rechteinhabern herunterbrechen auf das, was möglich ist, welche Filme ausleihbar und vorführbar sind. Am Ende steht die Frage, wie wir die Filme präsentieren, welche Gäste wird einladen möchten.

Pianist und Publikum im Kino

Stummfilm mit Klavierbegleitung im Pei-Bau, Foto: DHM/David von Becker

Leere Kinosessel

Kinosessel im Pei-Bau; Fotos: DHM/Yu Minobe

Kinopreisurkunde

Die Urkunde des Kinematheksverbundes

Können Sie uns bereits verraten, auf welche Programme wir uns freuen dürfen?

Da unser Programm für das vierte Quartal bereits bekannt ist, verrate ich zwei Reihen, die im ersten Quartal 2027 stattfinden werden und auf die wir uns schon sehr freuen. Die eine Reihe wird das Kinomachen selbst zum Thema haben und Geschichten vom Filmevorführen, von Projektionisten und Erfahrungen aus dem Vorführraum erzählen. Außerdem werden wir unser Langzeitprojekt „Dokumentarische Positionen“ fortsetzen, das deutsche Dokumentarfilmschaffende vorstellt, die jenseits des Mainstreams arbeiten. Wir freuen uns, dass im Februar und März Christoph Hübner und Gabriele Voss unsere Gäste sein werden.

Welche Bedeutung hat für Sie der Umstand, dass das Zeughauskino Teil des Deutschen Historischen Museums, also eines nationalen Geschichtsmuseums ist?

Diese Rahmung ist zentral für unsere Programm- und Vermittlungsarbeit. Die Retrospektiven des Zeughauskinos verstehe ich als eine Einladung an unser Publikum, die ausgewählten Filme als historische Zeugnisse zu verstehen und dabei auch filmhistorischen und ästhetischen Aspekten nachzugehen. Viele unserer Programme widmen sich ja der Frage, wie Filme in der Geschichte stehen, wie sie sich zu historischen Prozessen verhalten, wie sie historische Vorstellungen prägen oder von diesen geprägt sind. Mir ist weltweit kein Geschichtsmuseum bekannt, dessen Kino sich mit einem ähnlich umfangreichen Programm diesen Fragen widmet.

Das Kino, heißt es immer wieder, steckt in der Krise – trifft das auf das Zeughauskino zu? Was sind die Herausforderungen, denen Sie sich stellen müssen?

Das Zeughauskino sehe ich nicht in einer Krise. Wir können nach wie vor abwechslungsreiche Retrospektiven programmieren, die aus der gesamten Filmgeschichte schöpfen und die beim Publikum auf Resonanz, auf Zuspruch und Interesse stoßen. Freilich ist diese Arbeit nicht ohne Herausforderungen, etwa hinsichtlich der Umsetzung anspruchsvoller Retrospektiven, für die analoge Kopien zunehmend schwieriger zu disponieren sind. Auch die Notwendigkeit, fortwährend auf neue technische Entwicklungen reagieren zu müssen, aktuell beispielsweise bei der Bereitstellung digitaler Kopien, ist eine große Herausforderung. Glücklicherweise eine Herausforderung, die wir zu meistern in der Lage sind.

Vielen Dank!

Die Autor*innen

Redaktion
Jörg Frieß

Jörg Frieß ist der Leiter der Kinemathek und des Zeughauskinos am Deutschen Historischen Museum.

Quellen und Nachweise

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