Lea Grundigs „Hungernder Proletarierjunge“ und sein Geheimnis

Simone Erpel und Ulrike Hügle | 13. September 2019

Ein schmaler, kränklich aussehender Junge mit verletztem Arm sitzt in sich gefallen vor einem kahlen Hintergrund und schaut mit großen, müden Augen aus dem Bildraum hinaus. Ein Junge, der wohl alles andere als eine sorglose Kindheit verlebt. Das Gemälde „Hungernder Proletarierjunge“ aus dem Jahr 1928 von der deutsch-jüdischen Künstlerin Lea Grundig (1906 – 1977, ehemals Lea Langer) ist Teil unserer Ausstellung „Weimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie“ und verbildlicht die teils bedrückenden Schicksale der Proletarier*innen in der Weimarer Republik. In Vorbereitung zur Ausstellung wurde in der Gemälderestaurierung während einer routinemäßigen Untersuchung eine spannende Entdeckung gemacht, die den von Armut, Krankheit und Tod geprägten Entstehungskontext noch intensiver vor Augen führt. Ulrike Hügle, Restauratorin am Deutschen Historischen Museum in der Gemälderestaurierung, und Dr. Simone Erpel, Kuratorin der Ausstellung, berichten über den eindrucksvollen Fund.

Lea Langer (später Grundig), Hungernder Proletarierjunge, 1928, Öl auf Leinwand, 71 x 56,5 cm, © Deutsches Historisches Museum, Berlin.

Links: Lea Langer (später Grundig), Hungernder Proletarierjunge, 1928, Öl auf Leinwand, 71 x 56,5 cm, © Deutsches Historisches Museum, Berlin. Rechts: Infrarotaufnahme, © DHM/Ulrike Hügle.

Unsichtbares sichtbar machen

Um den Zustand eines Ausstellungsobjekts festzuhalten werden Exponate vor jeder Ausstellung gründlich untersucht. So auch das Werk von Lea Grundig. Eine Methode ist die Infrarotreflektografie. Das zu untersuchende Bild wird mit Infrarotlicht einer bestimmten Wellenlänge bestrahlt. Die Lichtstrahlen dringen in die Malschicht und können den maltechnischen Aufbau eines Gemäldes erkennbar machen, beispielsweise eine auf der Grundierung liegende Entwurfszeichnung. Das entstandene Bild wird von der Infrarotkamera mit einem speziellen Programm digital auf ein Computersystem übertragen und auf dem Bildschirm abgebildet. Feststellbar sind auch spätere Abänderungen, Übermalungen und sogar Beschädigungen, deren Kenntnisse für den Erhalt eines Werkes bedeutend sind.

Doch mit einem Blick unter die Malschicht werden nicht nur Schäden und Retuschen deutlich, sondern auch ursprüngliche Planungen sowie Werkprozesse hinter den Gemälden, die sonst im Verborgenen bleiben. Im Fall des „Hungernden Proletarierjungen“ erkennt man in der Infrarotaufnahme, dass sich unter der sichtbaren Malerei ein ganz anderes Bild befindet. Zu sehen ist hier sehr wahrscheinlich der Leichnam eines verstorbenes Kindes, dessen Lieblingspuppe tröstend mit in den Sarg gelegt wurde.

Grafische Verdeutlichung des gefundenen Motivs von Lea Langer (später Grundig), © DHM/Ulrike Hügle.

Sterbende bzw. Verstorbene sind kein ungewöhnliches Motiv im Schaffen der Künstlerin: Bei Recherchen fand sich eine von Lea Grundig stammende Radierung aus dem Jahr 1935 mit einem bis aufs Skelett abgemagerten sterbenden Kind. Eine Darstellung, die dem mit der Infrarotkamera sichtbar gemachten Motiv ähnelt.

Lea Grundig, „Das sterbende Kind (Das kranke Kind)“, 1935, Radierung, 25,2 × 27 cm. Blatt 11 der Folge „Frauenleben“, © akg-images, Lea Grundig / VG Bild-Kunst 2019.

Lea Grundig, „Das sterbende Kind (Das kranke Kind)“, 1935, Radierung, 25,2 × 27 cm. Blatt 11 der Folge „Frauenleben“, © akg-images, Lea Grundig / VG Bild-Kunst 2019.

Unzufrieden oder doch sparsam?

Es kann nur gemutmaßt werden, warum die Künstlerin das erschütternde erste  Gemälde mit der Darstellung des „Hungernden Proletarierjungen“ übermalt hat. Vielleicht war sie mit dem Ergebnis ihres ersten Werkes nicht zufrieden. Möglicherweise hat sie es auch aus Sparsamkeitsgründen in Zeiten von Materialknappheit übermalt, was durchaus üblich war. Blickt man auf die Lebensumstände Lea Grundigs, scheint diese Annahme  plausibel zu sein. Die 1906 in Dresden geborene Malerin und Grafikerin ist als überzeugte Kommunistin zu ihrer eigenen „kapitalistischen“ Familie schon früh auf Distanz gegangen. Ihr Vater ist ein jüdisch-orthodoxer, aus der Ukraine eingewanderter Kleider- und Möbelhändler. Ihre Mutter liberal und musisch interessiert. Bereits im Alter von 18 Jahren verlässt sie ihr Elternhaus und studiert an der Dresdner Kunstgewerbeschule und anschließend an der Dresdner Akademie der Bildenden Künste. Dort lernt sie ihren späteren Mann Hans Grundig (1901–1958) kennen. Gemeinsam treten sie 1926 in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. 1928 heiraten sie. Das Paar lebt – wie man heute sagen würde – in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen.[1]

„Was ich mache, ist Gebrauchskunst“[2]

Mit diesen Worten charakterisiert die Künstlerin Lea Grundig rückblickend ihre Arbeiten aus den 1920er und 1930er Jahren. Neben Otto Griebel (1895–1972) und Hans Grundig gehört Lea Grundig 1930 zu den Gründungsmitgliedern der Dresdner Regionalgruppe der „Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands“, kurz „Asso“, die in der Weimarer Republik eine aktiv eingreifende linke Kunst fordert.[3] Die Asso steht der KPD nahe. Die Hauptaufgabe der Künstler*innen ist es, für die ideologische Linie der KPD eine wirksame Bildagitation zu entwickeln. Dem Kunsthistoriker Eckhart Gillen zufolge liegt die agitatorische Wirkung der Arbeiten von Lea Grundig und anderen Asso-Künstlern in den realistischen und sehr präzise festgehaltenen Verhältnissen.[4] Der „Hungernde Proletarierjunge“ ist denn auch als eine stumme Anklage des sozialen Elends der proletarischen Unterschichten zu verstehen. Eine stumme Anklage, die durch die Entdeckung des verborgenen Bildes einer  toten Person im Sarg, erschreckend verstärkt wird.

Die Ausstellung „Weimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie“ ist noch bis zum 22. September 2019 im PEI-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen.

VERWEISE

[1] Zur Biografie Lea Grundigs: https://www.dhm.de/lemo/biografie/lea-grundig;
[2] Lea Grundig, zitiert nach Karoline Müller, Erinnerungen an Lea Grundig, in: Lea Grundig. Arbeiten der zwanziger und dreißiger Jahre, Ausstellungskatalog Bonner Kunstverein 1984, S. 33.
[3] Matthias Wagner, Kunst als Waffe, Die „Asso“ in Dresden 1930 bis 1933, in: Die Neue Sachlichkeit in Dresden. Malerei der Zwanziger Jahre von Dix bis Querner, Ausstellungskatalog Dresden, Dresden 2011, S. 130–135.
[4] Eckhart Gillen, Jüdische Identität und kommunistischer Glaube. Lea Grundigs Weg von Dresden über Palästina zurück nach Dresden, Bezirkshauptstadt der DDR 1922-1977, siehe: http://www.hans-und-lea-grundig.de/wordpress/wp-content/uploads/2014/12/Lea-Grundig_Vortrag-E_Gillen.pdf (zuletzt aufgerufen am 23.08.2019).