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Zu Gast: Gisela Tuchtenhagen

Heimkinder

Eigentlich sollte Gisela Tuchtenhagens Abschlussfilm an der Filmakademie von jenem geschlossenen Erziehungsheim handeln, in das sie als Jugendliche mit der Diagnose „nicht erziehbar“ gesteckt worden war und aus dem sie ausbrechen konnte, um sich nach Paris durchzuschlagen, wo sie ein paar Jahre mit Straßenkünstlern und ‑musikerinnen lebte. Mitte der 1980er Jahre begleitet Tuchtenhagen schließlich drei Monate lang ein Pilotprojekt des Johannes-Petersen-Heims in Hamburg-Volksdorf, das kriminelle und gewalterfahrene Jugendliche aus ihrem gewohnten Umfeld nimmt, sie auf eine gemeinschaftlich durchgeführte Reise schickt und in einer mobilen Schule auf ihren Schulabschluss vorbereitet.

Was zunächst anmutet wie unabhängige Fernseh-Berichterstattung, entwickelt sich schnell zu einem offenen Selbstbericht, in dem die Kinder ihre Erfahrungen der Reise schildern. Konterkariert mit den Urteilen ihrer Akten, werden die Aussichtslosigkeit und Ratlosigkeit gegenüber den Jugendlichen und ihren Zukunftschancen spürbar, in dieser Gesellschaft irgendwann Fuß zu fassen. „Du kannst sie entweder brechen oder versuchen, sie zu überzeugen“ – dieser Satz eines Sozialarbeiters macht die Notwendigkeit einer Heimreform deutlich, die unter anderem im Anschluss an dieses Projekt in Gang kam, welches nicht ohne Widerspruch geschah. So stand die Reise auch unter Beobachtung der Presse, da sie als Erziehungsmethode kritisch beäugt wurde. Die Dokumentarfilme stellen sich dementgegen wird und verlangen nach gesellschaftlicher Verantwortung. So beeindruckt vor allem der respektvolle Umgang und die fürsorgliche Konfliktaustragung der engagierten Sozialarbeiter, von dem dieses besondere Reisetagebuch zeugt. (fib)