
Reinls Verbindungen zu Leni Riefenstahl (1902-2003) reichen bis in die frühen 1930er Jahre zurück, als dieser, selbst ein versierter Skiläufer, den späteren NS-Filmstar in Arnold Fancks Stürme über dem Mont Blanc (1930) doubelt. Später produzierte Riefenstahl gar Reinls Kulturfilme mit alpinen Sujets, darunter Osterski-Tour in Tirol (1939). Riefenstahls letzter Spielfilm Tiefland (1944) war schließlich Reinls erste Regie-Beteiligung an einer abendfüllenden Produktion: ein in Tirol und in den Dolomiten gedrehter, vor Leidenschaft und Intrige überquellender Historienpomp, dessen Geschichte im Spanien des 18. Jahrhunderts angesiedelt ist.
Die mystisch-verklärte Ästhetik und Gefühlsschwere von Tiefland färbte auf Reinls Frühwerk im Berg- und Heimatfilm ab und belud Reinl mit Schuld. Denn wie Nina Gladitz‘ investigativer und wegen eines von Riefenstahl erwirkten Aufführverbots erst seit Kurzem wieder greifbarer Dokumentarfilm Zeit des Schweigens und der Dunkelheit (1982) zeigt, wurden bei den Drehbearbeiten zu Tiefland, der im Auftrag Adolf Hitlers entstand und Regieassistent Reinl von 1940 bis 1944 vom Kriegsdienst freistellte, Sinti und Roma aus einem nahegelegenen Lager für die Komparserie zwangsrekrutiert und unter menschenunwürdigen Bedingungen am Set festgesetzt. Viele von ihnen starben im Konzentrationslager Auschwitz. Ein Umstand, dessen Kenntnis Riefenstahl und Reinl zeitlebens bestritten. (ts)
Maja Roth forscht als Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Ein Fokus ihrer Arbeit sind ideologiekritische Perspektiven auf die deutsche Dokumentar- und Kulturfilmgeschichte.
Tiefland
R: Leni Riefenstahl, R-Ass.: Harald Reinl, B: Leni Riefenstahl, Harald Reinl, K: Albert Benitz, Leni Riefenstahl, M: Herbert Windt, D: Leni Riefenstahl, Bernhard Minetti, Aribert Wäscher, Franz Eichberger, Louis Rainer, Maria Koppenhöfer, Karl Skraup, 98‘
Zeit des Schweigens und der Dunkelheit
R/B/K/S: Nina Gladitz, 60‘