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Die Degenhardts zeigt Heinrich George in der ‚Glanzrolle‘ eines stolzen Patriarchen, dem die lang ersehnte Beförderung verweigert wird. Stattdessen schickt man ihn in Pension. Seiner Familie verschweigt er diese beschämende Nachricht und spielt ihr einen sinnentleerten Beamtenalltag vor, bis der Kriegsausbruch ihn mit neuer Tatkraft erfüllt. So sehr das Handlungsmuster an F. W. Murnaus Klassiker des Weimarer Kinos Der letzte Mann (1924) erinnert, so sehr lässt sich Werner Klinglers ‚Durchhaltefilm‘ auch als deutsches Pendant zum amerikanischen Erfolgsfilm Mrs. Miniver (1942) verstehen, den Propagandaminister Joseph Goebbels als sehr wirkungsvollen Propagandafilm empfohlen hatte.

Nur sehr wenige Filme der NS-Zeit spielen in der Gegenwart und wohl als Einziger bindet Die Degenhardts die jüngsten Kriegsschäden mit ein, darunter die Zerstörung eines jahrhundertealten nationalen Kulturerbes durch die alliierten Luftangriffe. Diese Einbindung sei hier „in einer sehr taktvollen und psychologisch klugen Weise“ gelungen, notierte Goebbels am 5. März 1944 in seinem Tagebuch. Trotz knapper Ressourcen scheute man bei dieser Tobis-Produktion keine Kosten: Als Filmkulisse wurde das Lübecker Wahrzeichen eigens nachgebaut, die beim Bombardement von März 1942 verbrannte Marienkirche. Mittels optischer Kunstgriffe und unterstützt durch die Kleinarbeit der Bühnenbildner erstanden auf der Leinwand die berühmte ‚Buxtehude-Orgel’, auf welcher Johann Sebastian Bach gespielt haben soll, sowie der mittelalterliche ‚Totentanz‘ Zyklus von Bernt Notke wieder. Götzen-Dämmerung, Biedersinn und danse macabre: Das sind passende Metaphern für einen Spielfilm, der Deutschland als ‚Kulturnation‘ und die Zivilbevölkerung als Opfer verklärte und zugleich die Sterbestunde der NS-Propagandamaschinerie einläutete. (ed)

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