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Fluchtweg nach Marseille

1940/41 fliehen unzählige Deutsche, unter ihnen zahlreiche Intellektuelle, über Marseille aus Europa, während die Nationalsozialisten den Sieg über die dritte Französische Republik feiern und Richtung Süden vorrücken. Anna Seghers führt in ihrem Roman Transit ihre eigene Fluchterfahrung mit der ihrer Zeitgenoss*innen zusammen, 1947 wird ihr Text in Deutschland erstmals veröffentlicht.

30 Jahre später nehmen sich Ingemo Engström und Gerhard Theuring des Stoffes in der multiperspektivischen Versuchsanordnung Fluchtweg nach Marseille an. Passagen aus Seghers‘ fiktivisierten Erlebnissen stehen neben Aussagen und Erinnerungen von Zeitzeug*innen, filmische Dokumente der 1940er Jahre neben inszenierten Szenen und dokumentarischen Aufnahmen aus den 1970er Jahren. Der Roman und seine Handlung besitzen dabei eine leitmotivische Funktion, sie sind Bezugsrahmen und Gerüst für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und deren Spuren in der Gegenwart.

In ihrer jüngst erschienenen Untersuchung Mit anderen Augen, Exil und Film beschreibt die Filmwissenschaftlerin Heike Klapdor Fluchtweg nach Marseille als eine Form der Zeitreise. „Die Kamera, die heute deutliche erinnerungspolitische Zeichen fände, nimmt 1977 an diesen ‚Schauplätzen‘ die ‚Inschrift‘ Erinnerungspraxis wahr, sie übernimmt deren Wahrnehmung, der Film übernimmt ihren Auftrag: ‚N’oubliez pas‘, ‚Souvenez-nous‘ (S. 184)“ Wir stellen Kalpdors Buch, das weniger eine klassische Geschichte des Exilfilms als eine filmanalytische Studie zu einer Theorie des Exilfilms und eine Reflexion der Erfahrung „Exil“ ist, am 6. November in Anwesenheit der Autorin vor. (mbh)

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