Freiheit auf Papier: Die deutsche Erstausgabe der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten
3. Juli 2026
Wolfgang Cortjaens , Dorlis BlumeObjekte. Geschichte. Geschichten.
9. September 2026 Lesedauer 7 Min.
In der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ steht eine rätselhafte sechseckige Holztruhe. Sie führt zu einem heute nahezu vergessenen Ort Berlins: dem Deutschen Stadion. Simon Sacha, wissenschaftlicher Volontär am DHM, hat die Bildwelten der Truhe genauer untersucht – von römischen Wagenrennen über Endspiele der Fußballmeisterschaft bis hin zur Verfassungsfeier der Weimarer Republik.
Wer sich der sechseckigen Holztruhe nähert, dem eröffnet sich eine Fülle von Bildern. Die kunstvollen Einlegearbeiten wirken wie ein Wimmelbild und lenken den Blick immer wieder auf neue Details. Zunächst fällt die Deckeloberseite ins Auge: In sie ist ein hölzernes Modell des Deutschen Stadions eingelassen. Im Maßstab 1:500 zeigt es diesen verschwundenen Ort Berlins. Denn 1934 wurde das Deutsche Stadion abgerissen, um Platz für das Olympiastadion zu schaffen. Die Olympischen Sommerspiele im Jahr 1936 unter nationalsozialistischer Herrschaft prägen bis heute das Geschichtsbild des Areals im Berliner Westend.

Die Oberseite der hexagonalen Truhe mit dem eingelassenen Modell des Deutschen Stadions © DHM

Die geöffnete Truhe mit der reich verzierten Deckelinnenseite © DHM
Doch bereits zwei Jahrzehnte zuvor gab es Pläne für eine Olympiade in Berlin. 1912 vergab das Internationale Olympische Komitee die Spiele von 1916 an die Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs. Die Planungen für eine geeignete Sportanlage liefen bereits. Auf dem Gelände der 1909 errichteten Pferderennbahn am nördlichen Rand des Berliner Grunewalds war Platz für ein in den Boden versenktes Stadion vorgesehen.
Der Union-Club, Betreiber der Rennbahn unter dem Vorsitz des preußischen Adligen Viktor von Podbielski (1844–1916), zählte zu den wichtigsten Befürwortern Olympischer Spiele in Berlin und finanzierte den Bau aus eigenen Mitteln. Rund zwei Millionen Mark kostete die Anlage; nach nur 200 Tagen Bauzeit war das Stadion fertiggestellt – und zählte zu den größten Sportanlagen weltweit.

Luftaufnahme des Deutschen Stadions mit umliegender Pferderennbahn, Berlin, 1920 © Bildarchiv Marburg
Am 8. Juni 1913 folgte die feierliche Einweihung. Der Termin war bewusst auf das 25. Thronjubiläum Kaiser Wilhelms II. (1859–1941) gelegt. Das bis dahin größte Sportfest der deutschen Geschichte war damit maßgeblich geprägt von der Selbstinszenierung des Kaiserreichs. Etwa 30.000 Besucherinnen und Besucher füllten die Ränge, weitere 30.000 Menschen wirkten auf dem Feld mit. Ein Doppeldecker kreiste über dem Stadion. Als die Kapelle die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ anstimmte, stiegen unter dem Jubel des Publikums rund 10.000 Brieftauben in die Luft.
Auch die Architektur des Stadions war politisch und symbolisch aufgeladen. Entworfen hatte sie der damals hoch angesehene Charlottenburger Architekt Otto March (1845–1913). March gehörte zu den Erstunterzeichnern der „Antisemiten-Petition“ von 1880 und vertrat die Idee eines ethnisch homogenen „Volkstums“. Für diese Idee wollte er die Bühne eines „deutschen Olympia“ schaffen.
Die drei hervorstechenden Punkte des Stadionbaus waren entsprechend symbolisch besetzt: eine Statue der griechischen Siegesgöttin Nike, eine markant platzierte Eiche und die Kaiserloge. March verband den Rückgriff auf die Antike mit Vorstellungen von „Deutschtum“ und der sozialen Hierarchie des Kaiserreichs. Diese Gestaltung ist auch auf dem in die Truhe eingelassenen Modell erkennbar. Maserung und verwendete Holzarten weisen darauf hin, dass es bereits vor der Truhe entstand – vermutlich während der Bauzeit des Stadions um 1912.
Die übrigen Seiten der 1923/24 gefertigten Truhe spiegeln dagegen den Zeitgeist der 1920er Jahre. Der in Berlin und Potsdam tätige Kunstschreiner Gustav Baumann (1886–1962) setzte Motive zusammen, die neue Vorstellungen von Körper, Bewegung und Sport sichtbar machen. Besonders aufwendig gestaltet ist die Innenseite des Truhendeckels. Sie zeigt Frauen in Tanz- und Gymnastikposen und verweist auf Reformbewegungen wie die Körperkulturbewegung – Natürlichkeit und Nacktheit als Gegenentwurf zum industrialisierten Großstadtleben.
Aber nicht nur das Bild des eigenen Körpers veränderte sich in der Weimarer Republik maßgeblich, sondern auch das Verhältnis der Menschen zum Sport. Angelehnt an die angelsächsische Idee von „games and sports“ (Spiel und Sport) wurde Sport zum Massenphänomen; und damit zum Gegenmodell des bislang dominierenden Turnens, das vor allem die Stärkung des „Volkskörpers“ beanspruchte.

Die detailreichen Marketerien spiegeln die Experimentierfreude der 1920er Jahre wider © DHM

Sportarten aus dem angloamerikanischen Raum gewannen an Popularität © DHM

Moderne Sportarten wie Tennis standen für neue weibliche Körper- und Rollenbilder © DHM
Doch der Weg des Deutschen Stadions zum Zentrum des Massensports war keineswegs vorgezeichnet. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zerschlugen sich die Berliner Olympia-Pläne; die Spiele von 1916 fanden nicht statt. Kurz nach seiner Eröffnung drohte das Stadion daher bereits in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten. Der zunächst nur provisorisch angebrachte Figurenschmuck an der Schwimmbahntribüne begann zu zerfallen, während das Lokal der benachbarten Pferderennbahn als Reservelazarett genutzt wurde.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Ausrufung der Weimarer Republik begann die prägende Phase des Deutschen Stadions als Experimentierfeld des modernen Sports. Hier fanden sportliche Höhepunkte wie das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft 1923 statt, aber auch heute kurios anmutende Veranstaltungen wie Automobil-Ballonstechen oder Motorradfußball. Hinzu kamen zahlreiche nationale und internationale Leichtathletikveranstaltungen.

Das erste Motorrad-Fußballspiel im Deutschen Stadion, Berlin, 1929 © Georg Pahl / Bundesarchiv
1920 erhielt die erste Deutsche Hochschule für Leibesübungen hinter der Schwimmbahntribüne des Stadions ihren festen Standort. Wenig später entstand in unmittelbarer Nachbarschaft das Deutsche Sportforum. Entworfen wurde es von Werner (1894–1976) und Walter March (1898–1969), den Söhnen des Stadionarchitekten Otto March.
Eine wichtige Facette zeigen die Bildwelten der Holztruhe nicht: die Rolle des Deutschen Stadions als nationaler Fest- und Veranstaltungsort. Hier wurden Wagner-Opern auf dem Wasser der 100 Meter langen Schwimmbahn aufgeführt, der Katholikentag gefeiert und ein von der US-amerikanischen Filmregisseurin Fern Andra (1893–1974) inszeniertes römisches Wagenrennen veranstaltet.

Die Filmproduzentin Fern Andra organisierte 1921 ein römisches Wagenrennen, Berlin, 1921 © Willy Römer / bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer
Zugleich war das Stadion Schauplatz politischer Großveranstaltungen: bei den Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg 1927, bei einer nationalkonservativen Kundgebung gegen den Versailler Vertrag 1929 und wenige Monate später bei der offiziellen Verfassungsfeier der Weimarer Republik. Auch die Nationalsozialisten nutzten das Stadion für ihre politische Propaganda. Nach einem Wahlkampfauftritt Adolf Hitlers im Jahr 1932 folgten nach der Machtübernahme 1933 Großveranstaltungen wie der „Tag des deutschen Handwerks“ und das „Fest der deutschen Schulen“. Ein Jahr später wurde das Stadion abgerissen.
Als Sportstätte, Festort und politische Bühne hatte das Deutsche Stadion drei politische Systeme erlebt. Mit seinem Abriss geriet auch seine vielschichtige Geschichte zunehmend in Vergessenheit – ebenso wie die Herkunft der Holztruhe. Bis heute ist ungeklärt, wer sie in Auftrag gab und was einst in ihr aufbewahrt wurde. Ihre besondere Bedeutung liegt jedoch in ihren Bildwelten: Sie verdichten Vorstellungen von Körper, Sport und Gemeinschaft, wie sie die 1920er Jahre prägten. Zusammen mit dem eingelassenen Stadionmodell eröffnen sie den Blick auf einen fast vergessenen Ort, an dem sich Sport, Massenkultur und Politik auf besondere Weise verbanden.
Simon Sacha ist wissenschaftlicher Volontär der Abteilung Sammlungen am Deutschen Historischen Museum.