Ein „Gästebuch aus Glas“: Der Willkomm-Becher der Fürsten von Oettingen-Wallerstein

3. August 2022 Lesedauer 4 Min.

2022 konnte das Deutsche Historische Museum einen Willkomm-Becher der Fürsten von Oettingen-Wallerstein erwerben. Wolfgang Cortjaens, Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik, stellt das seltene Objekt und seine Bedeutung vor.

In Museen sind es häufig gerade die kleinen, „schrägen“ Objekte, die den Besucher*innen im Gedächtnis haften bleiben. Zu ihnen wird künftig mit Sicherheit die Neuerwerbung der Sammlung Angewandte Kunst zählen: der sogenannte „Oettingen-Willkomm“. Mit dem vom Museumsverein des DHM und von der Kulturstiftung der Länder großzügig geförderten Ankauf dieses äußerst seltenen Stückes gelang ein Coup, der nicht jedem Betrachtenden sofort ins Auge fallen mag. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein schlichtes, nicht einmal besonders sauber gearbeitetes Trinkglas der Renaissancezeit. Die auf das Spätmittelalter zurückgehende, aber erst im 16. Jahrhundert nachweisbare Bezeichnung solcher Gläser als „Willkomm“ leitete sich von seiner ursprünglichen Verwendung ab: Willkommbecher oder -pokale waren große, meist prächtig verzierte Trinkgefäße aus edlen Materialkombinationen, aus denen bei festlichen Anlässen, wie adeligen Gesellschaften, höfischen Turnieren oder Zusammenkünften von Zünften, Ehrengästen ein Willkommenstrunk kredenzt wurde. Um ein solches Objekt handelt es sich auch hier, wenngleich Formgebung, Gestaltung und Material wenig anspruchsvoll sind. Weit mehr als die ungewöhnliche, achteckige Rippenform fasziniert dagegen die komplett mit Gravuren überzogene Oberfläche des Glases: Insgesamt 32 teils hochrangige Gäste – Feldherrn, Adelige, Kirchenmänner – haben über einen Zeitraum von 100 Jahren darauf mit einem Diamantstift ihre Namen auf dem Glas hinterlassen, oft mit Titel, manchmal mit Devisen und Jahreszahlen. Damit gehört das Objekt zu einer weltweit verschwindend kleinen Gruppe Gläser, die einen ähnlich repräsentativen Kontext aufweisen können. Von dem rund einem Dutzend überlieferter Gläser handelt es sich beim „Oettingen-Willkomm“ um das bisher älteste bekannte Exemplar seiner Art.

Gesamtansicht des Willkomm-Bechers der Fürsten von Oettingen-Wallerstein © DHM, Foto: Sebastian Ahlers

Das dem DHM vom Kunsthandel angebotene Glas befand sich zuvor über 500 Jahre lang im Besitz der Familie Oettingen-Wallerstein. Die Oettingen waren ein fränkisch-schwäbisches Adelsgeschlecht, das 1674 in den Fürstenstand erhoben wurde und Landesherren der reichsunmittelbaren Grafschaft Oettingen im Riesgau, gelegen im heutigen Nordschwaben; zum Einflussgebiet gehören die Großen Kreisstädte Nördlingen und Dillingen an der Donau. Das Territorium war im 16. und 17. Jahrhundert ein viel umkämpfter Hauptschauplatz der Reformationswirren, was indirekt auch das kleine Trinkgefäß wiederspiegelt: Der früheste Namenseintrag aus dem Jahr 1548 stammt von Georg Karg („Parsimonius“, um 1512 bis1576), der auf Empfehlung Martin Luthers 1539 Hofprediger in Oettingen wurde, dann aber nach einem Konflikt nach Schwabach floh. Es folgen in unregelmäßiger Reihenfolge Namen und Devisen von Vertreterinnen und Vertretern des (überwiegend) protestantischen Hochadels in Süddeutschland. Auch ein bis heute nicht identifizierter „böser Bub“ ist darunter. Die beiden häufigsten Daten sind 1634 und 1647, die höchstwahrscheinlich in Zusammenhang mit der Schlacht bei Nördlingen 1634 (Niederlage der Schweden) und dem Ulmer Waffenstillstand 1647 stehen.

Gerade seiner äußeren Schlichtheit und auffälligen Unregelmäßigkeit kam im Fall des „Oettingen-Willkomm“ eine wichtige Funktion zu. Die Kostbarkeit bestand eben nicht im zu gravierenden Gegenstand selbst, sondern vielmehr darin, „Gast im Hause Oettingen gewesen zu sein, aus dem Glas getrunken und sich damit in eine bestimmte Tradition gestellt zu haben“, wie es ein vor dem Erwerb von der Kulturstiftung der Länder eingeholtes wissenschaftliches Gutachten von Dr. Dedo Kerssenbrock-Krosigk (Glasmuseum Hentrich, Düsseldorf) treffend formuliert: „Indem gewisse Protagonisten dazu eingeladen waren, gerade dieses Glas zu nutzen und sich darauf zu verewigen, stieg dessen Wert stetig an.“ Vermutlich erst lange nach seiner letzten Verwendung als Willkomm im Jahr 1650 wurde der silberne Standring am Fuß hinzugefügt, wohl um die besondere Bedeutung dieses Erbstücks herauszustellen.

Boden des Willkomm-Bechers der Fürsten von Oettingen-Wallerstein © DHM, Foto: Sebastian Ahlers

Prominente Vergleichsstücke finden sich unter anderem im Corning Museum of Glass, New York. Zu nennen wäre hier weiterhin das „Geuzenschaaltje“ im Rijksmuseum Amsterdam mit zwischen 1573 und 1591 geritzten Inschriften von sechs calvinistischen Anführern des Aufstandes gegen die Spanier. Eine dezidiert politische Botschaft enthalten die in verschiedenen Museen erhaltenen „Jacobite Amen Glasses“, deren Inschriften mehr oder weniger verschlüsselt dem 1688 aus England vertriebenen katholischen König James II. aus der Dynastie der Stuarts huldigten. Wie beim „Oettingen-Willkomm“ erschließt sich auch bei diesen Vergleichsobjekten die tiefere Bedeutung nur einem engen Kreis von Eingeweihten und Nutzer*innen, für die das Glas bestimmt war.

In der zukünftigen neuen Ständigen Ausstellung des DHM wird der „Oettingen-Willkomm“ unter verschiedenen Aspekten beleuchtet werden: als Zeugnis einer heute verloren gegangenen oder aus dem Blick geratenen kulturellen Praxis der Gastfreundschaft und höfischen Kultur der Frühen Neuzeit, als Schlüsselwerk einer bewegten Epoche und als sowohl territorial wie überregional bedeutendes Dokument der deutschen und europäischen Reformationsgeschichte.

Dem Museumsverein und der Kulturstiftung der Länder, die den Erwerb dieses singulären Museumsstückes ermöglicht haben, sei an dieser Stelle seitens der Sammlungsleitung noch einmal ganz herzlich gedankt.

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Der Autor

Das Bild zeigt ein Kniestück von Dr. Wolfgang Cortjaens, Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik am Deutschen Historischen Museum
Wolfgang Cortjaens

Dr. Wolfgang Cortjaens ist Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik am Deutschen Historischen Museum.

Quellen und Nachweise

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