Eröffnungsrede von Kurator Wolfgang Cortjaens zur Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung"

26. Mai 2026 Lesedauer 5 Min.

Seit dem 8. Mai 2026 ist die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen. Im Rahmen der feierlichen Eröffnung am 7. Mai 2026 hielt der Kurator Wolfgang Cortjaens folgende Rede:

Als Kurator wird man oft gefragt, warum gerade dieses oder jenes Objekt in die Sammlung aufgenommen wurde. Treffender müsste es eigentlich heißen: „in die Sammlungen“, denn der Bestand von über eine Million Objekten verteilt sich auf insgesamt zwölf Sammlungen, wobei die Trennlinien nicht immer logischen Gesetzen gehorchen.

Die Funde verdanken sich überwiegend gezielten Recherchen in der Datenbank des Museums, die eine Suche nach Zugangsjahr oder Schlagwort ermöglicht. Teils wurden Objekte von den Kolleginnen und Kollegen der Abteilung Sammlungen vorgeschlagen, teils handelte es sich um Zufallsfunde. Und manchmal waren sie sogar durch die Biografie des Sammlungsleiters geprägt, etwa die weder sehr ansehnliche noch mit einer Höhe von nur 40 Zentimetern sonderlich effektive Grenzmarkierung aus Gussbeton, die 25 Jahre lang über zwei Kilometer Länge eine Straße meines Heimatortes Herzogenrath an der deutsch-niederländischen Grenze bei Aachen teilte. Und dann sind da noch die gezielten; nur durch externe Förderung oder Drittmittelanträge möglichen Ankäufe historisch besonders bedeutender Objekte auf Messen, im Kunsthandel, im antiquarischen Buchhandel und manchmal auch aus Privatbesitz.

Es schließen sich ausgewählte Objekte an, die exemplarisch für die fünf prägenden Epochen der wechselvollen musealen Nutzung des Zeughauses stehen. Im frühen 18. Jahrhundert als Waffenarsenal der preußischen Könige errichtet, wurde der Bau nach aufwändigen Umbauarbeiten erstmals 1883 zum Museum, als „Ruhmeshalle der preußisch-brandenburgischen Armee“. Im 20. Jahrhundert folgten 1934 die Umwidmung zum „Heeresmuseum“ und, nach kurzer Zwischennutzung durch die Alliierten, 1952 die Einweihung des Museums für Deutsche Geschichte als offizielles Geschichtsmuseum der DDR mit einem marxistisch-leninistischen Ausstellungsrepertoire.

Die Wiedervereinigung bedeutete nach 40 Jahren deutscher Teilung nicht nur das Ende der DDR, sondern auch das Ende des Museums für Deutsche Geschichte. 1990 übernahm das drei Jahre zuvor in West-Berlin gegründete Deutsche Historische Museum, dessen Planung zum damaligen Zeitpunkt schon weit gediehen war, die Sammlungen des MfDG. Das Westberliner Konkurrenzprojekt – ein postmoderner Entwurf des italienischen Stararchitekten Aldo Rossi — wurde ebenso verworfen wie der Standort im Spreebogen (da wo heute das Bundeskanzleramt steht), stattdessen das Zeughaus zum nun gesamtdeutschen Geschichtsmuseum bestimmt. Die Wechselausstellungshalle des chinesisch-amerikanischen Architekten I.M. Pei, in dessen imposantem Glasfoyer wir heute die Sonderausstellung eröffnen, erweitert seit 2003 den barocken Bau.

Der erste Teil des Rundgangs zur Haus- und Sammlungsgeschichte schließt mit einem im Büro Peis gefertigten Architekturmodell des Erweiterungsbaus und einem im knallbunter Pop-Art-Manier gehaltenen Gemälde von Matthias Koeppel: „Am Ende wird alles wieder gut“ lautet der doppeldeutige Titel des Bildes, mit dem der Maler die Partystimmung am Tag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ironisch kommentiert. 2006, im Jahr der Fußball-WM, bei der die deutsche Nationalmannschaft einen umjubelten dritten Platz einfuhr, eröffnete im Zeughaus die alte Dauerausstellung. Aber schon jetzt hat die Geschichte uns gelehrt, dass dieses vermeintliche „Happy End“ im Jahr des sog. „Sommermärchens“ kein Endpunkt war. Der Lauf der Geschichte und die globalen Krisen der letzten 20 Jahre haben neue Fragen aufgeworfen, die letztlich auch die Sammlungspraxis und die Formen musealer Präsentation beeinflussen.

Jede Nutzungsphase ist im Rundgang durch besonders „sprechende“ Objekte vertreten. Sie spiegeln die Brüche und Zeitläufte deutscher und europäischer, ja globaler Geschichte in der Sammlung des DHM und seiner Vorgänger-Institutionen wieder. Bei der Objektauswahl wurde darauf geachtet, nicht (nur) Altbekanntes und Erwartbares zu zeigen, sondern Überraschendes.

Wieso etwa gelangte 1938 eine historische Samurai-Rüstung aus Japan als Leihgabe Adolf Hitlers ins Zeughaus?

War die Leitung des Museums für Deutsche Geschichte der DDR wirklich erfreut, als ab 1958 die zuvor im Hohenzollern-Museum am Monbijou-Park ausgestellten Kleider der Königin Luise von Preußen aus der Sowjetunion nach Ost-Berlin zurückkehrten?

Warum besaß das 1988 angekaufte Notenblatt zu Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ vor der Wiedervereinigung im Jahr 1990 eine so hohe Symbolkraft für das Westberliner Gegenprojekt zum MfDG?

Damit kommen wir zum zweiten Teil des Ausstellungsrundgangs. Hier ändern sich Farbgebung und Stimmung der Ausstellung, stehen die Einzelobjekte und Konvolute selbst im Vordergrund. Die meisten Exponate sind erst in jüngerer Zeit in die Sammlung gelangt und wurden noch nie zuvor in einer Wechselausstellung des DHM gezeigt.

Leitgedanke bei der Auswahl war die nicht linear verlaufende, gedachte Bewegung der Objekte im Raum, ihre Verortung. Territoriale Verschiebungen, konfessionelle Zugehörigkeit, Grenzziehungen, kulturelle Identität Flucht und Vertreibung. So sind die Objekte denn auch nicht streng chronologisch nach Entstehungsdatum geordnet. Kostbare Kunstkammerobjekte sind darunter, so der nur 11 cm hohe Oettingen-Willkomm, der über einen Zeitraum von 100 Jahren sowohl als Trauerbecher wie als gläsernes Stamm- und Gästebuch des schwäbischen Grafengeschlechts Oettingen diente. Oder ein Königsberger Bernstein-Brettspielkasten von 1607, neuesten Erkenntnissen zu Folge ein diplomatisches Geschenk an die englische Königsgemahlin Anna von Dänemark. Neben Kostbarem findet sich aber auch Alltägliches, Banales in der Ausstellung. Ein Konvolut seltener Vintage-Fotografien der 1910er bis 1930er-Jahre, die Rituale wandernder Handwerksgesellen während ihrer dreijährigen Wanderschaft oder „Walz“ dokumentieren. Arbeitsgerät und die Bergmannskleidung aus dem letzten aktiven Steinkohlebergwerk Deutschlands, der Zeche Prosper Haniel in Bottrop, das in der Ausstellung genauso hochwertig präsentiert wird wie die erlesenen Kunstkammerstücke und Inkunabeln der Frühen Neuzeit.

Optisch sind die Objektgeschichten im zweiten Teil des Rundgangs durch ein einheitliches Karten-Leitsystem verklammert, das die „Migrationsbewegungen“ der Exponate bzw. der mit ihnen verknüpften Akteure nachvollzieht.

Innerhalb der Sequenzen verdeutlichen Zeitstrahle unter dem Motto „Raum im Wandel“ die raum-zeitliche Entwicklung der behandelten Themen. 

In der Ausstellung werden Sie in Video-Einspielern mehreren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen persönlich begegnen. Den Anfang macht am Ende des ersten Teils die ehemalige stellvertretende Präsidentin und Leiterin der Abteilung Ausstellungen Ulrike Kretzschmar, die nicht nur zum Gründungsteam um den ersten DHM-Präsidenten Christoph Stölzl gehörte, sondern die bis zu ihrem Ausscheiden im März dieses Jahres als langjährige Leiterin der Abteilung Ausstellungen auch am Zustandekommen der heute eröffnenden Ausstellung einen nicht geringen Anteil hatte und über deren Anwesenheit heute Abend ich mich ganz besonders freue.

Noch einige andere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen habe ich vorhin im Publikum entdeckt. Menschen, die das Projektteam während der Vorbereitung der Ausstellung besucht oder eingeladen hat, um mit uns und Ihnen allen ihre ganz persönlichen Geschichten zu teilen, die sie mit den in der Ausstellung gezeigten Objekten und Konvoluten verbinden. All denen, die mit Ihrer Zeitzeugenschaft den Objekten gleichsam ein Gesicht gegeben haben – den ehemaligen Kumpels der Zeche Prosper Haniel in Bottrop - Ayhan Artar, Wolfgang von Haaren und Ralf Kusmierz, den Anwohnern der früher durch eine Landesgrenze geteilten Straße im Grenzort Herzogenrath/Kerkrade, Bert Schiffelers, der Wandergesellin Elgin Thomes, der wegen zwei gescheiterter Fluchtversuche aus der DDR für mehrere Jahre inhaftierten vormaligen Kinderärztin Dr. Barbara Werwigk-Schneider, und Dr. Dietmar J. Ponert, dem letzten Vorbesitzer und Schenker des gediegenen Biedermeier-Möbelensembles aus dem Besitz der Berliner Arztfamilie Bornitz. 

Ob auch die letzte Sequenz der Ausstellung ein glückliches Ende enthält, ist bisher leider nicht bekannt: Gleich neben dem durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs geretteten Biedermeier-Interieur entlassen ein schlichtes IKEA-Stockbett und zwei Aufbewahrungsboxen die Besucher. Beide gelangten 2016 im Zuge der sog. „Flüchtlingskrise“ aus einer aufgelösten Kasseler Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in die Sammlung. Auf dem Bett erzählt eine berührende Kinderzeichnung von der gefahrvollen Flucht in einem Schlauchboot über das Meer und von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Daneben beklagt das auf Kurdisch verfasste Gedicht eines Jungen die seit der Überfahrt vermisste Schwester. Mit diesem berührenden, nachdenklich stimmenden Exponat endet der Ausstellungsrundgang, der anderthalb Jahre im Pei-Bau zu sehen sein wird. Für die vergleichsweise lange Laufzeit erhoffen das Projektteam und ich uns natürlich weitere neue Erkenntnisse zu den Exponaten. Schon jetzt gibt es zu mindestens drei der gezeigten Objekte bzw. Konvolute weiterführende Spuren und sogar bislang unbekannte spannende Referenzobjekte, die für die Sammlung des DHM gesichert werden konnten.

Auch wenn diese neuen Geschichten keinen Eingang mehr in die Ausstellung gefunden haben, so gibt die lange Laufzeit doch genug Gelegenheit, sie zu erzählen, sei es im neuen „Journal“ auf der DHM-Homepage, oder im umfangriechen Begleitprogramm, das im Juli startet und sich in 2027 fortsetzen wird, dann auch mit einer kleinen begleitenden Filmreihe im Zeughauskino. Sie sehen: Die Arbeit hinter den Kulissen geht weiter, der Prozess des Sammelns, Erforschens und Befragens ist nie wirklich abgeschlossen und wird auch in Zukunft ein wesentlicher Motor der Sammlungspraxis am Deutschen Historischen Museum sein.

Nun sammelt ein historisches Museum aber nicht vorrangig Kunstkammerobjekte. Für die Aufnahme in die Sammlung des DHM sind vor allem die historischen Bezüge zur deutschen Geschichte, die sich durch Vorbesitzer, Herkunft oder Symbolkraft den Objekten eingeschrieben haben, entscheidend. Aus diesem Grund möchte ich abschließend all jenen ungenannten Privatpersonen danken, die dem DHM in den vergangenen Jahrzehnten durch gezielte Schenkungen biografisch und historisch aufgeladene Objekte aus ihrem persönlichen Besitz überlassen haben. Begegnungen mit Stiftern und Schenkenden gehören zu den interessantesten, emotionalsten und – auch das sei nicht verschwiegen – heikelsten Erlebnissen im Rahmen unserer aller Sammeltätigkeit. Auch aus diesem Grund bin ich sehr bewegt und froh, dass ein Teil meiner, unserer aller Arbeit heute Abend in der nun eröffnenden Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ sichtbar wird.

 

Kurator Wolfgang Cortjaens spricht bei der Eröffnung der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im DHM

Kurator Wolfgang Cortjaens spricht bei der Eröffnung der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im DHM © DHM, Foto: Harry Schnitger

Der Autor

Das Bild zeigt ein Kniestück von Dr. Wolfgang Cortjaens, Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik am Deutschen Historischen Museum
Wolfgang Cortjaens

Dr. Wolfgang Cortjaens ist Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik am Deutschen Historischen Museum.

Quellen und Nachweise

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