Eröffnungsrede von DHM-Präsident Raphael Gross zur Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung"

26. Mai 2026 Lesedauer 3 Min.

Seit dem 8. Mai 2026 ist die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen. Im Rahmen der feierlichen Eröffnung am 7. Mai 2026 hielt DHM-Präsident Raphael Gross folgende Rede:

Im Sommer 1931 veröffentlichte Walter Benjamin seinen berühmten Essay „Ich packe meine Bibliothek aus“, eine kurze „Rede über das Sammeln“. Benjamin, der im Juli 1931 auf seinen 39. Geburtstag zusteuerte und in Berlin aus seiner Wohnung in der Prinzregentenstraße in Wilmersdorf ausziehen musste, nahm seine Leserinnen und Leser mit in den Moment des Auspackens, zwischen die Bücherkisten, zu den Stapeln und Gedanken, die ihn bewegten. Benjamin wendete sich direkt an sein Publikum und schrieb: 

„Ich muß Sie bitten, mit mir in die Unordnung aufgebrochener Kisten, in die von Holzstaub erfüllte Luft, auf den von zerrissenen Papieren bedeckten Boden, unter die Stapel eben nach zweijähriger Dunkelheit wieder ans Tageslicht beförderter Bände sich zu versetzen, um von vornherein ein wenig die Stimmung, die ganz und gar nicht elegische, viel eher gespannte zu teilen, die sie in einem echten Sammler erwecken.“

Das Deutsche Historische Museum befindet sich auch in einer Umzugssituation. Wie Sie wissen, wird das Zeughaus saniert. Aus diesem Grund musste die dort ausgestellte Sammlung in Kisten verpackt werden und in Depots verbracht werden. Wir arbeiten seither an der neuen Ständigen Ausstellung, die ausgehend von unserer Sammlung eine umfangreiche Darstellung deutscher Geschichte zeigen wird. Eines Tages wird die Sammlung im Zeughaus wieder ausgestellt werden. Auch bei uns ist die Stimmung dabei nicht „elegisch“, oder gar nostalgisch, sondern „gespannt“. Es wird wieder einen chronologischen Durchlauf durch die deutsche Geschichte geben, allerdings in veränderter Form, mit Überraschungen und bisher ungesehenen Objekten. Wir freuen uns sehr auf diesen Moment - leider sind wir jedoch noch längst nicht wieder beim Auspacken. Das können wir wohl erst wieder ab 2030 und eröffnen hoffentlich dann 2031.

Ein großes Team, ja eigentlich das ganze DHM ist damit befasst, unseren Masterplan umzusetzen. Die Historikerinnen und Historiker hier am DHM gehen mit dem um, was Benjamin in seinem Text die „Springflut von Erinnerungen“ nennt, „die gegen jeden Sammler anrollt, der sich mit dem Seinen befaßt“. 

Anders als bei Benjamin sind die Sammlungen in unserem Museum natürlich nicht von einem Individuum zusammengestellt worden und sie sind auch kein Privatbesitz. Doch seine Formulierung „Springflut von Erinnerungen“ ist eine glänzende Metapher für die lebendige Vielseitigkeit von historischen Objekten. Je nach Kontext können sie für unterschiedliche Zusammenhänge einstehen, in unterschiedliche Richtungen verweisen, eine Mehrdimensionalität, die bis zur Widersprüchlichkeit gehen kann. 

Auf ganz besondere Weise prägt der Ort die Wahrnehmung dieser Objekte. Deshalb – so viel kann ich übers zukünftige Auspacken sagen – werden wir uns in der kommenden neuen Ständigen Ausstellung mit der Geschichte des Ortes befassen. Um es kurz im Zeitraffer zu benennen: Das Zeughaus ist selbst nicht nur ein Gebäude oder eine Ausstellungsvitrine, sondern ein historisches Objekt – unser mit Abstand größtes - mit einer bewegten Geschichte: als ältestes Gebäude Unter den Linden, als Waffenlager, als Ruhmeshalle, als Heeresmuseum, als Ausstellungsort für Kunstausstellungen der sowjetischen Besatzungszeit, als marxistisch-leninistisches Museum der Geschichte in der DDR und nach der Wiedervereinigung als Deutsches Historischen Museum. Eben diese Geschichte des Ortes wollen wir zukünftig im Zeughaus beleuchten. 

Die Verbindungen also von Objekten mit dem Ort, an dem sie gezeigt werden; den Sammlungen, zu denen sie gehören; den historischen Schichten, aus denen sie stammen; den politischen Erzählungen, in denen sie auftauchen, werden von heute an in der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ auf kleinem Raum exemplarisch untersucht. Wenn Sie gleich die Räume im Erdgeschoss betreten, werden sie auf etwa zweihundert Objekte aus unserer Sammlung stoßen, aus denen ich eines herausgreifen möchte: Es wiegt 1,7 Tonnen und stammt aus der letzten aktiven Steinkohlezeche Deutschlands, die 2018 ihren Betrieb einstellte. Aus dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop erhielten wir den gewaltigen Schrämkopf einer Teilschnittmaschine, der nun zu unserer Sammlung gehört. 

Ich komme auf dieses Objekt deshalb zu sprechen, weil sich daran gut zeigt, wie sich Sammlungen verändern: Der Schrämkopf hat die längste Zeit in seiner Geschichte kein Tageslicht gesehen. Er wurde zum Graben von Stollen zum Abbau von Steinkohlen eingesetzt, von Gängen, die bis zu 1000 Metern unter die Erde reichen. Diese Stollen bilden ein weit verzweigtes Netz, eine gigantische unterirdische Landschaft des fossilen Zeitalters. Diese verborgene Welt bleibt weiter bestehen, auch wenn der Betrieb dort eingestellt worden ist. Riesige Anlagen pumpen weiter das Wasser ab, das sonst aufsteigen und das Ruhrgebiet in ein Seenlandschaft verwandeln würde. 

Der Schrämkopf ist also Teil deutscher Industriegeschichte, die im 19. Jahrhundert beginnt. Er ist Teil einer abgeschlossenen Geschichte, nämlich des Steinkohleabbaus in Deutschland. Und er ist Teil einer offenen Geschichte, die sich weiter entwickelt und in die Zukunft reicht: 

Er verweist auf die von der Industrialisierung neu geschaffenen Räume und Landschaften, deren Ausmaß und Folgen wir gegenwärtig erst beginnen zu begreifen. Die Geschichtswissenschaften haben sich in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt mit diesen Räumen beschäftigt. Und für diesen veränderten Blick auf die Geschichte ist der Schrämkopf ein Schlüsselobjekt. 

In der Ausstellung bildet die Frage, wie ein Objekt in die Sammlung kommt, einen roten Faden. Wie wird ausgewählt? Woher stammt das Objekt? Welche Geschichte hat es? Wie verändert sich, wofür es steht? Wie wird der Zusammenhang mit der Geschichte hergestellt? Eben diese Fragen werden wir auch in der neuen Ständigen Ausstellung behandeln, in einem eigenen Bereich, den wir „Arsenal“ nennen. Dabei interessiert uns besonders die Provenienz, die Herkunft, von Objekten. Auch das bildet die gegenwärtige Ausstellung ab. 

Die Vorfreude also auf das – um es noch einmal mit Benjamin zu sagen - Auspacken ist groß. Und ich habe zu danken für das zwischenzeitliche Auspacken, das Leiten der „Springflut der Erinnerungen“ in geordnete Bahnen, in Fragestellungen und historische Zusammenhänge. 

DHM-Präsident Raphael Gross spricht bei der Eröffnung der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im DHM

DHM-Präsident Raphael Gross spricht bei der Eröffnung der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im DHM © DHM, Foto: Harry Schnitger

Der Autor

Raphael Gross

Prof. Dr. Raphael Gross ist Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum.

Quellen und Nachweise

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