„Man konnte plötzlich nur noch unter Lebensgefahr dieses Land verlassen“ – Renate Werwigk-Schneider erinnert sich an den Bau der Berliner Mauer

12. August 2026 7 Min.

Im Winter 1963 versucht die damals 24-jährige Renate Werwigk-Schneider durch einen Tunnel aus der DDR zu fliehen und wird von der Stasi verhaftet. Den Entschluss, das Land zu verlassen, fasste die promovierte Kinderärztin mit Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 vor 65 Jahren. Ihre Geschichte ist Teil der aktuellen Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“.

Die Ausstellung zeigt spektakuläre Neuerwerbungen und Schenkungen, die in den letzten Jahren in die Sammlungen des Deutschen Historischen Museums gelangten. In die Dokumentensammlung gelangte 2024 das Tagebuch des West-Berliner Studenten Peter Rutzen, der sich im Winter 1963 einer Gruppe von Fluchthelfern anschloss, die in der Bernauer Straße einen Tunnel gruben, der Menschen aus der DDR die Flucht in den Westen ermöglichen sollte. Durch genau diesen Tunnel wollte Renate Werwigk-Schneider, geb. Großmann (*1938), fliehen. Die Flucht misslang, da der Tunnel durch einen Spitzel verraten wurde. Renate Großmann und mindestens 20 weitere Personen wurden verhaftet und in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert. In einem Video-Interview schilderte sie, wie sie den Bau der Mauer vor 65 Jahren erlebte.

Eine Frau im Rollstuhl sitzt in einer Halle vor Teilen der Berliner Mauer
Video abspielen

Renate Werwigk-Schneider am 11. Februar 2026 im Depot des DHM vor Segmenten der Berliner Mauer aus den 1970er Jahren, die in der Dauerausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“ bis 2021 zu sehen waren.

Über ihren bereits in den Westen geflüchteten Bruder kam sie in Kontakt mit den Fluchthelfern. Er selbst beteiligte sich auch an den Grabungsarbeiten. Neben solchen Fluchthelfern, die konkret Verwandten helfen wollten, gab es auch zahlreiche Idealisten, wie Peter Rutzen, den Verfasser des in der Ausstellung gezeigten Tagebuchs. Er liefert darin einen eindrücklichen Bericht über die widrigen Umstände des Tunnelbaus, die Gefährlichkeit dieser Arbeit und die Ängste, die er hatte. Die Einträge wurden kurz nach den Arbeitsschichten verfasst, sodass uns hier ein Bericht von einzigartiger Authentizität vorliegt. Umso bitterer, dass der Tunnel verraten wurde und die Mühen vergeblich waren. Die ehemalige Leiterin der Gedenkstätte Berliner Mauer, Maria Nooke, hat die Geschichte des Tunnels auf Grundlage der Stasi-Akten rekonstruiert und versammelt Beteiligte auf beiden Seiten der Mauer in ihrem Buch Der verratene Tunnel.

Seite des Tagebuchs von Peter Rutzen mit dem Eintrag vom 4. Januar 1963

„Bin nun dabei.“ Erste Seite des Tagebuchs von Peter Rutzen mit dem Eintrag vom 4. Januar 1963.

Karte des geteilten Berlins mit Sektorengrenzen und Detailaufnahme des Bereichs um die Bernauer Straße

Karte des geteilten Berlins mit Sektorengrenzen und Detailaufnahme des Bereichs um die Bernauer Straße © Peter Palm

Bereits wenige Wochen nach Mauerbau entstanden die ersten Tunnel. Auf West-Berliner Seite organisierte sich die Fluchthilfe oft in Gruppen, insbesondere im Umfeld der Universitäten. Bekannt blieben die charismatischen Führungspersönlichkeiten, die Personal rekrutierten, mögliche Liegenschaften ausspähten, Arbeitsgerät besorgten und die Versorgung sicherten: Hasso Herschel, Wolfgang Fuchs, Harry Seidel. Blieben die Arbeiten unentdeckt, boten sie einer verhältnismäßig hohen Anzahl an Personen die Möglichkeit zur Flucht. Einige Tunnel gingen unter den Namen der Zahl der Menschen, die durch sie flohen, in die Geschichte ein – etwa der Tunnel 29 oder der Tunnel 57, die beide in der Bernauer Straße entstanden. Allein in diesem Bereich sind 15 Tunnel nachgewiesen.

Renate Großmann wurde zusammen mit ihren Eltern verhaftet und kam nach Berlin-Hohenschönhausen in Untersuchungshaft. Nach einem halben Jahr in Isolationshaft wurde sie zu einer Strafe von zweieinhalb Jahren verurteilt, die sie zunächst im Strafvollzug in Frankfurt/Oder verbüßte. 1965 wurde sie im Rahmen einer Amnestie entlassen. Während ihre Eltern von den Erlebnissen gebrochen waren, stand für sie fest: „Ich möchte in diesem Staat nicht begraben sein“. Sie plante die nächste Flucht. Schon im Vorfeld nahm sie für den Fall, dass auch dieser Versuch scheiterte und sie erneut verhaftet würde, Kontakt zu dem Rechtsanwalt Wolfgang Vogel auf. Dieser war dafür bekannt, Mandant*innen für den Häftlingsfreikauf durch die Bundesrepublik zu vermitteln. Auch der zweite Versuch, im Sommer 1967 der DDR zu entfliehen, diesmal mit einem gefälschten Pass über die Grenze von Bulgarien in die Türkei, scheiterte. Nach einer neuerlichen Untersuchungshaft in Berlin-Hohenschönhausen und der Inhaftierung im Frauengefängnis gelang der Freikauf im Juni 1968. Sie ist eine von ca. 34.000 Personen, die ab Anfang der 1960er Jahre bis zum Fall der Mauer 1989 freigekauft wurden. Mindestens 140 Menschen sind an der Berliner Mauer zu Tode gekommen. Renate Werwigk-Schneider konnte bis zu ihrem Ruhestand in West-Berlin als Kinderärztin praktizieren. Heute engagiert sie sich als Zeitzeugin und besucht Schulklassen, um über die SED-Diktatur aufzuklären. Für ihr Engagement wurde sie 2025 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Die Sequenz „Chronik eines Tunnelbaus“ in der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“

Die Sequenz „Chronik eines Tunnelbaus“ in der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ © DHM, David von Becker

Der Autor

Portrait Martin Koch
Martin Koch

Martin Koch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ am Deutschen Historischen Museum.

Quellen und Nachweise

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Mehr zum Thema

Objekte. Geschichte. Geschichten.

Auf unserer Website werden neben den technisch unbedingt notwendigen Cookies noch Cookies zur statistischen Auswertung gesetzt.

Statistik und Analyse

Diese Cookies helfen uns, Informationen über die Nutzungsweise und das Besucherverhalten auf unserer Website zu erhalten. Dadurch können wir unser Angebot kontinuierlich verbessern und an Ihre Bedürfnisse anpassen. Sie können die Website auch ohne diese Analyse Cookies nutzen. Durch Klicken auf „Alle auswählen" erklären Sie sich einverstanden, dass wir Cookies zu Analyse-Zwecken setzen. Das Einverständnis in die Verwendung der Cookies können Sie jederzeit widerrufen. Weitere Informationen zu Cookies auf dieser Website finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und zu uns im Impressum.