Eröffnungsrede von Charlotte Klonk zur Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung"

26. Mai 2026 Lesedauer 5 Min.

Seit dem 8. Mai 2026 ist die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen. Im Rahmen der feierlichen Eröffnung am 7. Mai 2026 hielt Charlotte Klonk, Professorin für Kunst und neue Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin, folgende Rede:

Wir alle erzählen uns und anderen anhand von Objekten Geschichten. Im Fotoalbum sind es schöne und wichtige Erlebnisse und Ereignisse unseres Lebens, im Museum historische, künstlerische oder wissenschaftliche Begebenheiten und Entwicklungen. Manchmal gibt es Objekte, von denen wir nicht genau wissen, welche Bedeutung sie haben. Vielleicht sind es Erbstücke, die zu uns gekommen sind, ohne dass wir eine Ahnung haben, wieso sie von unseren Vorfahren gesammelt wurden. So auch im Museum: Ein riesiger, reichgeschmückter Barockschrank zum Beispiel, der Hamburger Schapps, den man in der Ausstellung sehen kann, kam in den 1960er Jahren in die Sammlung des Museums für Deutsche Geschichte in Ostberlin. Doch wo er zuvor war und von wem er an wen und schließlich dem Museum übergeben wurde, ist unbekannt. Manchmal aber gibt es auch Objekte, die ein Fremdkörper bleiben, weil sie in unsere aktuellen Erzählungen nicht hineinpassen und im Keller oder auf dem Dachboden landen. Nachkommen jedoch, die sie dort finden, können vielleicht schon wieder etwas anfangen mit ihnen. Das wunderschöne Gesellschaftskleid der Königin Luise ist ein Beispiel dafür. Als Rückführung aus Russland nach dem Krieg gelangte es in das Museum für Deutsche Geschichte, hatte aber keinen Platz in dessen Erzählung und verblieb daher im Depot. Heute gehört es zu den beliebtesten Objekten in der Sammlung der Nachkommen, des Deutschen Historischen Museums.

Anhand von Objekten erzählen wir uns also unsere Geschichten. Was aber, wenn man die Perspektive umdreht und nicht mit Sammlungsstücken Geschichte erzählt, sondern die Objekte ihre Geschichten erzählen lässt? Wo waren sie, was war ihre ursprüngliche Funktion und wem und wie haben sie im Laufe ihrer Existenz gedient, bevor sie Sammlungsstücke wurden? Dann nehmen nicht wir den Gegenstand in, sondern er uns an die Hand. 

Die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ ist diesen Weg gegangen, und das Deutsche Historische Museum blickt dabei auch auf sein eigenes derzeit als Ausstellungsort temporär verlorenes Objekt, das Zeughaus, und dessen heterogene Sammlungsgeschichte. Was haben ein Kanonenrohr und ein Ikea-Bett gemeinsam? Nichts, außer dass sich beide zusammen heute im DHM befinden, das eine aber schon ins Haus gelangte, als das Zeughaus noch als Ruhmeshalle der preußisch-brandenburgischen Armee diente, das andere hingegen erst 2016, lange nachdem die Liegenschaften und Sammlungen des Zeughauses und des Museums für (Ost-)Deutsche Geschichte an das 1987 im Westen gegründete Deutsche Historische Museum übergegangen waren. Jedes Stück entführt an einen anderen Ort und auf manche wundersame Reise, deren Stationen auf den Karten im Ausstellungsraum markiert sind.

Manchmal sind die Orte, an die uns die Objekte führen, funktionslos geworden, aber die Erinnerungen daran noch sehr lebendig. Noch im Jahr 2006 feierte in Bottrop das Bergwerk Prosper-Haniel sein 150-jähriges Jubiläum. Zwölf Jahre später war es Geschichte. Während das Bergwerk aber heute noch als Industriedenkmal existiert, gibt es das „Deutsche Stadion“ in Berlin-Charlottenburg nicht mehr, das als Architekturmodell auf einer kunstvoll intarsierten Truhe in der Ausstellung zu sehen ist. Es wurde 1934 für den Bau des Olympiastadions abgerissen und ist damit nur noch durch die Ausstellungsstücke in der Erinnerung wach.

Doch Objekte erinnern nicht nur an vergangene Orte, sondern haben sie mitunter auch allererst erschaffen: der Grenzmarkierungsstein zum Beispiel, der bis 1993 eine Straße teilte, deren eine Seite zum deutschen Herzogenrath gehörte, die andere zum niederländischen Kerkrade. Wer über die mit diesen Betonsteinen gebildete Mauer sprang, musste 20 D-Mark Strafe zahlen. Auch ein Dokument aus dem Jahr 1776 im ersten Ausstellungsteil ist ein solches Objekt. Das Flugblatt und seinesgleichen haben eine ganze Nation geschaffen, die Vereinigten Staaten von Amerika, die in diesem Jahr ihr 250stes Jubiläum feiern.

Als am 4. Juli 1776 die Delegierten des zweiten Kontinentalkongresses im Pennsylvania State House in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung ratifizierten, legten sie den Grundstein für die Vereinigten Staaten. Doch damit die Idee der Unabhängigkeit von Großbritannien Wirklichkeit werden konnte, musste sie materialisiert und ein Objekt werden, das in die Welt getragen werden konnte. Das Original der „Declaration“ wurde auf Pergament geschrieben, wie eine Urkunde im Mittelalter. Der Text jedoch wurde noch in der Nacht auf Flugblättern vervielfältigt, die in die dreizehn Staaten und natürlich nach England verschickt wurden. Es gab öffentliche Verlesungen, unter anderem von George Washington angeordnet vor den Truppen in den Kolonien, aber auch vor dem State House selbst. Doch da gerade in Philadelphia eine große deutschsprachige Bevölkerung lebte, wurde innerhalb von zwei Tagen eine deutsche Übersetzung in einer deutschsprachigen Zeitung veröffentlicht, die umgehend von den Druckern Melchior Steiner und Charles Cist ebenfalls als Flugblatt in Umlauf gebracht wurde. Eines von zwei noch existierenden Exemplaren dieses Flugblatts mit der Unabhängigkeitserklärung auf Deutsch hat das DHM 1993 nicht lang nach der Wiedervereinigung erworben. Es zeugt von der Macht von Objekten, Räume zu schaffen. 

In Philadelphia selbst ist 1975 das 1882 abgerissene Haus wiedererrichtet worden, in dem Thomas Jefferson die Unabhängigkeitserklärung samt der Präambel mit den für die Französische Revolution und die europäische Geschichte folgenreichen Menschenrechten geschrieben hatte. Als Wohn- oder Geschäftshaus wurde das Gebäude nicht mehr benötigt, es erstand einzig und allein zum Zweck, als Gedächtnisort der Entstehung des Gründungsdokuments zu dienen. Jeffersons ursprünglicher Entwurf enthielt einen Passus, der die Sklaverei und den Handel mit Sklaven verurteilte, der vor der Ratifizierung gestrichen wurde. Er schrieb diesen Satz im Beisein seines damals 14-jährigen Sklaven Robert Hemmings. Über Hemmings wissen wir jedoch nicht viel – nur so viel, wie aus offiziellen Dokumenten hervorgeht, die überliefert sind, weil sie zum Nachlass von Jefferson gehören oder im Zusammenhang mit ihm stehen. Er blieb in Amerika, als Jefferson 1784 nach Frankreich aufbrach. Zehn Jahre später wurde er aus der Sklaverei entlassen, nachdem er das Geld angespart hatte, mit dem er sich freikaufte.

Noch weniger wissen wir über das Kind, für das 2015 ein einfaches Ikea-Bett zum sicheren Ort in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel wurde, so dass es zum Träger seiner Erinnerung an eine lebensgefährliche Reise im Boot über das Mittelmeer werden konnte. Eine dunkle Astlochspur trennt die Flucht vom Bild des Friedens, der durch Blumen und Bäume markiert ist. Ob das Kind den Frieden gefunden hat und wie es ihm heute geht, ob es ein Mädchen oder ein Junge war, ist unbekannt. Besitz hatte dieses Kind jedenfalls kaum, soviel ist klar, denn in die sogenannten Privacy-Boxen, die den Flüchtlingen in der Unterkunft zur Verfügung standen, passte nur sehr wenig. 

Ganz anders ging es der Familie, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Breslau nach Oldenburg floh. Sie konnte ein ganzes Biedermeierzimmer in ihrem Eigentum retten, das ihre Vorfahren zu Beginn des 19. Jahrhunderts für ein Berliner Stadtpalais in unmittelbarer Nähe des Zeughauses hatten anfertigen lassen. 

So zeugen die Sammlungstücke in der Ausstellung nicht nur von Orten, die sie geschaffen haben, und Orten, die verloren sind, sondern auch von Schicksalen, die erinnert, und Schicksalen, die vergessen werden, weil die Objekte die Lebenswelten, in die sie Eingang gefunden haben, nur zufällig und sehr ungleich verteilt transportieren. 

Im allerbesten Sinn zeigt also die Ausstellung, was passiert, wenn wir den Spuren folgen und einmal nicht unsere Geschichten mit Objekten illustrieren. Sie lädt ihre Besucher ein, sich auf jene Reisen zu begeben, die im Grunde zum Kerngeschäft der Museumsarbeit gehören, denn jedes Sammlungsstück hat eine ureigene Provenienz, und diese muss zu allererst recherchiert werden, bevor es überhaupt zur Verwendung in einer Ausstellung kommen kann. In „Objekte. Geschichte. Geschichten.“ werden wir auf dieser Spurensuche mitgenommen und stehen plötzlich mitten in der Geschichte, die wir weitererzählen und hier und da sogar weiterführen können. 

Eine Frau steht an einem Rednerpult und spricht

Charlotte Klonk spricht bei der Eröffnung der Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung" im DHM © DHM, Foto: Harry Schnitger

Die Autorin

Charlotte Klonk

Prof. Dr. Charlotte Klonk ist Professorin für Kunst und neue Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Quellen und Nachweise

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