
Etikettenschwindel war für Ulli Lommel, einen der großen Exzentriker der deutschen Filmgeschichte, stets das bevorzugte Geschäftsmodell; und vielleicht auch eine ureigene ästhetische Strategie. So wenig, wie die reißerisch verpackten experimentellen Serienkillerfilme, die der Fassbinder- und Warhol-Kumpel gegen Ende seiner Karriere gleich dutzendweise in die Videotheken wuchtete, den Erwartungen gestählter Horrorfilmfans entsprachen, so sehr dürfte sein Frühwerk Jodeln is ka Sünd, einschlägiger Titel- und Posterwahl zum Trotz, den gemeinen Sexfilmfreund des Jahres 1974 vor den Kopf gestoßen haben.
Lommel bürstet die Geschichte um Rosl (entfesselt und außerirdisch: Katharina Herberg) und Veronika (Juliane Rom-Sock), zwei junge Frauen, die in der vermeintlich sexuell unterversorgten bayerischen Provinz als Prostituierte zu reüssieren versuchen, konsequent gegen den Strich. In seiner gründlich unheimeligen Heimat-Groteske wird die selbstgerechte ländliche Spießerwelt von der käuflichen sexuellen Revolution keineswegs befreit; sondern lediglich zur Kenntlichtkeit erstellt. (lf)
Jodeln is ka Sünd
R/B: Ulli Lommel, K: Lothar Elias Stickelbrucks, D: Katharina Herberg, Juliane Rom-Sock, Josef Moosholzer, Klaus Kühn, Frank Hornung, Rosl Mayr, 70'
Trailershow (1) mit Filmen der Retrospektive "Heim Weh"
ca. 10'