Heim Weh
Der neue westdeutsche Heimatfilm der 1970er und 1980er Jahre
Totgesagte leben länger. Kaum scheint der Heimatfilm, das Erfolgsgenre der westdeutschen Nachkriegszeit, im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche und schwindender Publikumsresonanz der Vergangenheit anzugehören, kehren Anfang der 1970er Jahre vermehrt Heimatmotive wieder auf die Kinoleinwände zurück. Diesmal jedoch nicht als farbenschillerndes Unterhaltungskino, das zwar konfliktreiche, aber übersichtliche Geschichten samt beglückender Versöhnung und traditionellem Liedgut mit viel Schauwert und wiederherstellbarer Ordnung anbietet. Stattdessen beginnen die neuen Heimatfilme über die Voraussetzungen des Genres nachzudenken, dessen Setzungen und Mythen zu hinterfragen – darin dem US-amerikanischen Western jener Jahre verwandt.
Die Wiederkehr des Heimatfilms im westdeutschen Kino umfasst ganz unterschiedliche Spielarten. So legen kritische Heimatfilme aus dem Umfeld des Neuen Deutschen Films die Gewalt frei, die Tradition und Familienbande, Gemeindeleben und Religion bedeuten können. Marktförmigere, an der Kinokasse erfolgreichere Produktionen unternehmen dagegen den Versuch, die aus „Papas Kino“ bekannten Stories weiterzuschreiben und mit moderneren Formen etwa des Italowestern zu kombinieren. Und schließlich knüpfen sogar die sogenannten Lederhosenfilme, die die westdeutschen Kinos in den 1970er Jahren im Zuge der Sexfilmwelle fluten, an Heimatmotive der 1950er Jahre an, meist indem sie diese persiflieren und einen Reigen sexueller Ausschweifungen und Klamauks entwerfen.
Die von Tilman Schumacher kuratierte Reihe Heim Weh stellt all diese Strömungen des neuen Heimatfilms vor. Um zu veranschaulichen, worin für die selbsternannten Neuerer der Stein des Anstoßes bestand, berücksichtigt sie außerdem einige wenige Produktionen aus den 1950er Jahren. Der doppeldeutige Reihentitel Heim Weh weist auf das grundlegende Spannungsfeld hin, das sich zwischen Sehnsucht nach lokaler wie emotionaler Zugehörigkeit einerseits und den Schmerzen, die Heimat anderseits als Ort der Ausgrenzung, Kontrolle und Starrheit hervorrufen kann, auftut: ein Spannungsfeld, das der westdeutsche Genre- und Autorenfilm in seiner wandlungsreichen Geschichte unterschiedlich beackerte.
Mit über 30 Filmen, von denen die meisten auf farbstabilen analogen Filmkopien über die Leinwand ziehen, lädt Heim Weh dazu ein, die Werke bekannter Autorenfilmer neu zu sehen und zahlreiche in Vergessenheit geratene Heimatfilme wiederzuentdecken, darunter mehrere seinerzeit vielbeachtete Werke. Dass die Heimatdadaismen Herbert Achternbuschs und Rainer Werner Fassbinders Wildwechsel fehlen, bedauern wir und ist der derzeitigen Rechtelage geschuldet.
Das Zeughauskino dankt zahlreichen in- und ausländischen Archiven sowie privaten Sammlern für ihre teils raren Kopien, ohne die die Retrospektive in dieser Form nicht möglich wäre. Außerdem gilt unser Dank Rolf Aurich, Michael Baute, Lukas Foerster, Christoph Huber, Felix Mende, Kamil Moll und Maja Roth für wertvolle Hinweise auf Filme und übersehene Aspekte des neuen Heimatfilms.
Tilman Schumacher





























