Ein Beluga im Rhein? Wie ein verirrter Weißwal 1966 deutsche Umweltgeschichte schrieb

17. Dezember 2025 Lesedauer 6 Min.

In der Wechselausstellung „Natur und Deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ ist ein Film mit einem Beluga-Wal zu sehen, der als „Moby Dick im Rhein“ 1966 Geschichte schrieb. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Ausstellung, Martin Baumert erklärt, wie es dem Wal im Rhein erging und welche Bedeutung dem Beluga in den umweltpolitischen Diskursen der 1960er-Jahre zukam.

Am 18. Mai 1966 gegen 9.30 Uhr rief das Tankschiff „Melani“ die Duisburger Wasserschutzpolizei und meldete „[b]ei Rheinkilometer 778,5 haben wir einen weißen Wal gesichtet. Die Polizisten vermuteten das Alkohol im Spiel war, ob dieser unglaubwürdigen Meldung – leben doch Belugas normalerweise in arktischen und subarktischen Gewässern. Der Atemalkoholtest des Kapitäns fiel negativ aus und die Polizisten sahen den Wal mit eigenen Augen. Der herbeigerufene Duisburger Zoodirektor Wolfgang Gewalt (1928–2007) meinte beeindruckt: „Mann, is det een Wurm“ und nannte ihn „eine zoologische Sensation.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Wal steigerte sich in den folgenden Wochen. Schnell war der Name „Moby Dick“, nach dem berühmten Roman von Herman Melville, etabliert. Von der Times über die New York Herald Tribune bis zur Prawda berichtete die internationale Presse über den verirrten Weißwal. Der Wal schwamm im Rhein bis nach Bad Honnef, südlich von Bonn, über 350 Kilometer von der Mündung entfernt. Der Beluga im Rhein beherrschte für mehrere Wochen die Nachrichtenschlagzeilen und zog zahllose Besuchende in die Rheinlokale. Das Duo Christopher & Michael widmeten ihm sogar ein eigenes Lied mit dem Titel „Im Rhein da schwimmt ein weißer Wal.

Am 13. Juni 1966 sprengte er dann sogar eine Bundespressekonferenz: Gerade wollte Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel zum gespannten Verhältnis in der NATO nach dem französischen Rückzug aus dem Verteidigungsbündnis sprechen, als der Chef des Presse- und Informationsamtes der Bunderegierung, Karl-Günther von Hase, ihn mit den Worten: „Eben habe ich von einem Sonderkurier die Nachricht erhalten, dass Moby Dick vor dem Bundeshaus ist unterbrach. Die versammelte Hauptstadtpresse stürmte daraufhin zum Rhein und zog die tierische Sensation dem politischen Alltagsgeschäft vor.

Freilich hatte „Moby Dick im Rhein“ noch eine ganz andere Geschichte zu erzählen, nämlich die der Verschmutzung der Fließgewässer in Deutschland. Bereits nach wenigen Tagen hatte er einen Hautausschlag und Zoodirektor Gewalt erklärte in einem Interview, „[unter diesen Umständen] geht er ein. Was war jetzt aber das Problem? Warum drohte der Wal seinen Aufenthalt im Rhein nicht zu überleben? Dazu ist ein kurzer Rückblick auf die Umweltgeschichte der Bundesrepublik notwendig.

 „Phenolduftende Fluten

Schon immer nutzten die Anwohner*innen an den Ufern des Rheins den Fluss zur Entsorgung ihrer Abfälle. Lange Zeit bereitete das keine Probleme, da die Anzahl der Menschen begrenzt war, die Abfallmenge gering und die Zusammensetzung des Mülls meist nur lokale Umweltschädigungen verursachte. Noch reichten die Selbstreinigungskräfte des Flusses aus, um die Schadstoffe zu absorbieren. Das änderte sich im Zuge der Industrialisierung zunehmend und steigerte sich in den 1950er Jahren zur ökologischen Katastrophe. Der Übergang in das Zeitalter des Massenkonsums wird als „Große Beschleunigung (Great Acceleration) bzw. „1950er Syndrom bezeichnet. Für Westdeutschland markierte das „Wirtschaftswunder“ diese einschneidende Veränderung im Verhältnis der Gesellschaft zur Natur. Der zunehmende Konsum machte die vormals eher lokal begrenzt auftretenden Umweltverschmutzungen zu einem geradezu allgegenwärtigen Problem. Der Rhein entwickelte sich ab der Schweizer Grenze mehr und mehr zu einem Abwasserkanal. 1985 flossen 11 Mio. Tonnen Chlorid, 4,6 Mio. Tonnen Sulfat, 828.000 Tonnen Nitrat, 90.000 Tonnen Eisen, 38.200 Tonnen Ammonium, 28.400 Tonnen Phosphor, 4.350 Tonnen Zink, 2.500 Tonnen Chlorverbindungen, 681 Tonnen Kupfer, 665 Tonnen Blei, 578 Tonnen Chrom, 530 Tonnen Nickel, 126 Tonnen Arsen, 13 Tonnen Kadmium und 6 Tonnen Quecksilber von Deutschland in die Niederlande. Besonders belastend wirkten sich die Abwässer aus dem Ruhrgebiet aus. Nicht nur verschmutzten Kokereien, Kraftwerke und Stahlwerke die Luft, sondern verwandelten das kleine Flüsschen Emscher in eine stinkende Kloake, ja zum „Abwasserkanal des Ruhrgebiets“. Besonders die geruchsintensiven Phenole aus der Kohle- und Erdölverarbeitung machten aus dem Rhein eine „braune Brühe. 1961 forderte der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Willy Brandt nicht nur, dass „der Himmel über der Ruhr wieder blau werden müsste“, sondern verwies auf die Ursachen durch die „Verschmutzung von Luft und Wasser. Hinzu kam die Chemieindustrie, die zahlreiche Standorte von Ludwigshafen (BASF) am Oberrhein über Bieberich (Chemische Fabrik Kalle & Co.) und Leverkusen (Bayer) bis nach Uerdingen (Bayer) am Niederrhein betrieb. Aber auch die Bevölkerung trug zur Verschmutzung bei, da Abwässer häufig ungeklärt in den Fluss eingeleitet wurden. Der Rhein war zu diesem Zeitpunkt weitestgehend biologisch tot.

„Blauer Himmel über der Ruhr“, Der Spiegel, Nr. 33, Hamburg, 1961, Berlin © DHM

Heute hat sich die Situation am Rhein, durch das Verbot der Einleitung ungeklärter Abwässer, erheblich verbessert. Der Fluss ist zu einem Beispiel geworden, welche positiven Auswirkungen gesetzliche Regulierungen im Umweltschutz haben. Die Wasserqualität trägt heute überwiegend die Güteklasse II, „mäßig belastet. Auch die Schadstoffkonzentration hat sich merklich verbessert. Beispielsweise sank die Quecksilberbelastung seit 1985 um 70 Prozent.

„Auch mit Gewalt geht es nicht

Zurück zum Beluga-Wal 1966: Aufgrund der bedrohlichen Umwelt bemühte sich der Zoodirektor Wolfgang Gewalt den Wal zu fangen und ihn in das Delfinarium des Duisburger Zoos zu überstellen. Aus Sicht der Medien nahm er die Rolle des Kapitäns Ahab aus dem Roman von Melville ein. Versuchte er anfangs mithilfe zusammengeknoteter Tennisnetze den Wal in die Enge zu treiben, wechselte er später zu Betäubungspfeilen, um ihn einzufangen. Zumindest Letzteres war riskant: Wale sind Säugetiere, die zum Atmen an die Oberfläche kommen müssen. Ein betäubter Wal konnte daher ertrinken. Schlussendlich schlugen alle Versuche fehl und der Zoodirektor stellte die Jagd nach „Moby Dick“ am 10. Juni 1966 ein. Nicht nur aufgrund des mangelnden Jagderfolges, sondern auch weil die Öffentlichkeit seine Jagdmethoden ablehnte. Während manche*r besorgte*r Bürger*in einen Verstoß gegen den Tierschutz vermutete und Strafanzeige stellte, charterten Aktivist*innen ein Luftschiff, um den Zoodirektor mit geworfenen Orangen von seinem Fangversuchen abzuhalten. Die Bild-Zeitung forderte gar: „Verhaftet Dr. Gewalt!

Ein kleines Motorboot mit dem Namen „Moana IV“ fährt auf dem Rhein. Drei Männer befinden sich an Bord; einer von ihnen steht am Bug mit einer Harpune, während im Wasser direkt daneben ein Beluga zu sehen ist.

Wolfgang Gewalt mit Harpune, Duisburg, 1966 © Duisburg City Archives, Inventory 61 No. 10170

Anders als von Dr. Gewalt prognostiziert, überlebte „Moby Dick“ die Zustände im Rhein. Nach seinem Ausflug zur Bundespressekonferenz folgte er dem Flusslauf in Richtung Mündung und am 16. Juni 1966 „[u]m 18.42 Uhr hat der weiße Beluga-Wal bei Hoek van Holland das offene Meer erreicht. Zwar endete damit das mediale Interesse, regional ist der Besuch des Belugas vor mittlerweile fast 60 Jahren in Erinnerung geblieben: Ein Ausflugdampfer, der in seiner Form an ein Wal erinnert, trägt bis heute zur Erinnerung den Namen „MS Moby Dick“.

Bleiben zum Abschluss noch zwei Fragen: Woher kam der Wal und wohin ging er? Beide Wege sind wesentlich schwerer zu rekonstruieren als „Moby Dicks“ Rheinreise. Belugas schwimmen durchaus in Flussmündungen, allerdings gehört die Nordsee nicht zu ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet. Möglicherweise stammte er von einem Transportschiff, das im Sommer 1965 vor der Küste Großbritanniens mit vier geladenen Belugas in Seenot geriet, so dass drei Tiere nachweislich entkamen. Noch rätselhafter ist sein Verbleib nach seiner Rheinreise. Nur wenige Tage nachdem er in den Niederlanden zuletzt gesehen wurde, meldeten die Medien einen gestrandeten Weißwal in Schweden. Allerdings fehlen Belege, dass es sich bei dem gesichteten Tier um jenes aus dem Rhein handelte.

Das Erscheinen des Belugas 1966 bedeutete keine umweltpolitische Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Dennoch stellte es ein wichtiges Ereignis in der deutschen Umweltgeschichte dar. Die Empathie der Menschen mit dem bedrohten Tier lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die fatale Situation der Fließgewässer in Deutschland.

Der Autor

Martin Baumert

Dr. Martin Baumert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte“ am Deutschen Historischen Museum.

Quellen und Nachweise

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