Eine kurze Geschichte der Kartoffel: aus den Hochebenen Perus auf die Esstische Preußens

29. Mai 2026 Lesedauer 4 Min.

Im Jahr 2024 führten die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Kartoffel ein, um die Bedeutung der Kartoffel für die Ernährungssicherheit zu würdigen. Der Tag der Kartoffel wird jährlich am 30. Mai begangen. Die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ widmet der Kartoffel ein eigenes Kapitel, gilt sie doch vielen als „deutsches Gemüse“ schlechthin. Aber ist dem wirklich so?

„Kartoffel, eine ursprünglich amerikanische Erdfrucht, welche seit 50 bis 60 Jahren, wegen der ausserordentlichen Fruchtbarkeit und des vielfachen Nutzens, bey uns und unsern Nachbarn fast einheimisch geworden ist […].

Carl Wilhelm Ernst Putsche, Versuch einer Monographie der Kartoffeln, Tafel 3 Die Frühkartoffel, Weimar, 1819

Carl Wilhelm Ernst Putsche, Versuch einer Monographie der Kartoffeln, Tafel 3 Die Frühkartoffel, Weimar, 1819 © DHM

So beschrieb der Aufklärer Johann Georg Krünitz in seinem 1785 erschienenen 35. Band der „Oeconomischen Encyclopädie“ den Siegeszug der Kartoffel. Auf 180 Seiten legte Krünitz alle wesentlichen Aspekte der Kartoffel dar. Neben ihrer Herkunft und Verbreitung im deutschen Raum und in Europa skizzierte er auch den Anbau und die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten bis hin zu gesundheitlichen Aspekten. 

Es waren Eroberer um Francisco Pizarro, die als erste Europäer die Kartoffel kennenlernten, als sie ab 1526 das Inkareich Südamerikas einzunehmen begannen. Von den Bewohnern der Hochebenen Perus und Chiles lernten sie ein Trockenverfahren, das die Kartoffel haltbar machte. So wurden die Knollen ab 1565 ein beliebter Proviant an Bord der Schiffe, und sie gelangten über den spanischen Überseehafen Sevilla ins restliche Europa. Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Ansicht, dass Francis Drake die Kartoffel 1586 über England nach Europa gebracht habe.

Wann die Kartoffel nach Brandenburg und Preußen kam, lässt sich nicht genau bestimmen. Im 18. Jahrhundert aber wurde ihr Anbau zu einem der wichtigsten Anliegen der Aufklärung. Die positiven Beurteilungen und praktischen Ratschläge bildeten das Fundament, auf dem Agrarwissenschaftler im 19. Jahrhundert aufbauen konnten, so etwa Albrecht Daniel Thaer mit seinem Konzept der „rationellen Landwirtschaft“, die unter anderem einen Fruchtwechsel zwischen Getreide und Kartoffel vorsah. In Carl Wilhelm Ernst Putsches „Versuch einer Monografie der Kartoffeln“ von 1819 fand die zeitgenössische Beschäftigung mit der Nutzpflanze ihren schönsten Ausdruck.

So entwickelte sich die Kartoffel zum Grundnahrungsmittel des 19. Jahrhunderts und zu einem der wichtigsten Anbauprodukte in der nun rasant expandierenden landwirtschaftlichen Produktion im ganzen deutschen Raum. Wichtig war, dass die Kartoffel nicht einseitig und ausschließlich angebaut wurde, wie dies in Irland der Fall war: Da die Ernährung der einfachen Bevölkerung hier fast ausschließlich über Kartoffeln erfolgte, starben nach den Ernteausfällen durch Kartoffelfäule in den Jahren 1845 bis 1848 über eine Million Menschen.

Die Namen dieser Agrarökonomen sind heute weitgehend vergessen. Wie kein anderer dagegen ist der preußische König Friedrich II. (1712–1786), genannt der Große, mit der Einführung der Kartoffel verbunden. Das liegt vor allem an seinen sogenannten Kartoffelbefehlen, von denen 15 überliefert sind. Den ersten Befehl erließ er bereits am 9. April 1746 in Pommern, um der dort grassierenden Hungersnot zu begegnen: „Daß zu Abhelfung des Brodt-Mangels der Bürger und Bauer, so Land und Gelegenheit dazu hat, sich mit mehreren Fleiß auf Anbauung guter Garten-Früchte, insbesonderheit der Tartoffeln, befleißigen solle. Schon vor der Veröffentlichung des Befehls durch die pommersche Kriegs- und Domänenkammer hatte er eine Wagenladung Saatkartoffeln an die Notleidenden verteilen lassen. Diese Hilfsaktion verlief zunächst wenig erfolgreich, denn die Menschen hatten derartige Knollen zuvor noch nie gesehen und begegneten ihnen mit Verwunderung und Ablehnung. Sie wussten nichts damit anzufangen und warfen sie schließlich den Hunden vor, die sie auch nicht fraßen. Dies führte dazu, dass der König in seinen späteren „Kartoffelbefehlen“ ausführlichere Gebrauchsanweisungen und Belege für den Nutzen mitlieferte:

Kartoffeln auf dem Grabstein Friedrichs II. von Preußen, Park Sanssouci, Potsdam, 2026

Kartoffeln auf dem Grabstein Friedrichs II. von Preußen, Park Sanssouci, Potsdam, 2026 © DHM, Foto: Dorlis Blume

Kartoffelbefehl Friedrichs II. in der Kurmark und Neumark, 18. Juli 1748

Kartoffelbefehl Friedrichs II. in der Kurmark und Neumark, 18. Juli 1748 © Brandenburgisches Hauptstaatsarchiv Potsdam

„Nachdem wir bey unserer […] letzten Anwesenheit in Pommern vernommen, wie daselbst in einigen der schlechtesten und sonst unfruchtbarsten Districten, […] das Pflanzen der Tartüffeln mit sehr gutem Nutzen bey denen Unterthanen eingeführt worden.

Im Jahr 1886 setzte der Maler Robert Warthmüller Friedrich II. endgültig ein Denkmal als „Kartoffelkönig“: Das Gemälde „Der König überall“ zeigt den Preußen bei der Kartoffelernte vor der Kulisse eines brandenburgischen Dorfes in der Neumark. Es ist nicht überliefert, was den jungen Maler zur Wahl dieses Motivs bewogen hat – vielleicht das vermeintliche 300. Jubiläum der Einführung der Kartoffel in Europa durch Francis Drake oder der 100. Todestag Friedrichs des Großen. Entscheidend ist: Warthmüllers Bild war von Anfang an ein großer Erfolg. Es wurde in mehreren Ausstellungen gezeigt, in Zeitschriften rezensiert und als Reproduktions-Holzstich gedruckt. Gleich bei der ersten Vorstellung auf der Berliner „Jubiläums-Ausstellung“ wurde es im September 1886 mit einer „Ehrenvollen Erwähnung“ der Akademie der Künste ausgezeichnet.

So wurde die schrumpelige Kartoffel aus Peru über die Jahrhunderte zum urdeutschen Gemüse, das von der Speisekarte nicht mehr wegzudenken ist. Sie findet sich als Christbaumschmuck ebenso wie als Namensgeber für Einbürgerungsfeiern, die gerne als „Kartoffelfest“ bezeichnet werden. 

Und so folgerte auch Krünitz bereits 1785:

Robert Warthmüller (1859–1895), Der König überall, 1886

Robert Warthmüller (1859–1895), Der König überall, 1886 © DHM

„Wenn man den Werth der Dinge nach ihrem nicht eingebildeten, sondern wirklichen Nutzen, den sie in Befriedigung wahrer und allgemeiner menschlicher Bedürfnisse haben, schätzen will, so muss man gestehen, dass die Entdeckung von Amerika, durch die Verbreitung dieser Frucht, der Nachwelt wichtiger geworden ist, als durch die reichen Gold-Minen, die doch eine Veranlassung der merkwürdigsten politischen Revolutionen in unserem Welttheile gewesen sind.

Der Autor

Dorlis Blume

Dorlis Blume ist Leiterin des Fachbereichs Wechselausstellungen und Projekte am Deutschen Historischen Museum.

Quellen und Nachweise

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