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29. Mai 2026
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Natur und deutsche Geschichte
9. Juni 2026 Lesedauer 8 Min.
In der Wechselausstellung „Natur und Deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ ist ein 1:20-Modell eines Eimerkettenbaggers ERs 700 zu sehen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Ausstellung, Martin Baumert erklärt, was ein Bagger mit dem Thema Natur zu tun hat und welche Bedeutung die Themen Braunkohlenbergbau und Rekultivierung für die DDR hatten.
Wahrscheinlich war kein anderes Land der Erde jemals dermaßen von einem einzigen fossilen Energieträger abhängig wie die DDR von der heimischen Braunkohle. In den 1980er-Jahren wurden über 80 Prozent der Primärenergie aus diesem Rohstoff umgewandelt. 1987 gewann sie 310,89 Mio. Tonnen Rohbraunkohle, was 29 Prozent der weltweiten Förderung entsprach. Die Ressourcenextraktion erfolgte größtenteils im vollmechanisierten Großtagebau, der jährlich zwischen 1.100 (1951) und 3.700 Hektar (1986/88) Boden devastierte. Hierzu benötigte sie Fördergeräte, die sie selbst vor allem in Köthen, Lauchhammer, Leipzig, Magdeburg und Zeitz herstellte.
Eimerkettenbagger gehören zu den Fördermaschinen, genaugenommen zu den Trogkettenförderern, eine Unterkategorie der Stetigförderer, da der Fördervorgang ohne Unterbrechung laufen kann. Bis heute werden sie für zahlreiche Arten von Tagebauen (oberflächiger Bergbau), wie Kiesgruben aber auch im Erzbergbau verwendet. Ihr Einsatz erlaubt einen wesentlich höheren Mechanisierungsgrad und somit auch eine höhere Wirtschaftlichkeit als im untertägigen Tiefbau. Dies ist der wesentliche Grund, wieso Deutschland bereits 2018 die Steinkohlenförderung eingestellt hat, aber voraussichtlich erst 2038 aus dem Braunkohlenabbau aussteigt.

Kippe des Braunkohlenbergbaus, Foto: Wilhelm Knabe (1923–2021), Koyne, Lausitz, 1957, Reproduktion, Berlin © Familie Knabe

Modell des Eimerkettenbaggers in der Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte” © DHM/Sandra Kühnapfel
In der Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte“ wird ein Modell im Maßstab 1:20 eines Eimerkettenbaggers ERs 700 präsentiert. Hier steht er für die Mondlandschaften, die er im Tagebaubetrieb hinterlässt und der die Wiederherstellung der Landschaft im Prozess der Rekultivierung gegenübersteht. Die kryptische Abkürzung und die Zahl geben eine genaue Beschreibung des Gerätes: Eimerkettenbagger Raupenfahrwerk schwenkbar mit einem Eimervolumen von 700 Litern. Hergestellt wurde er vom Volkseigenen Betrieb (VEB) Schwermaschinenbau „Georgi Dimitroff“ in Magdeburg. Diese Geräte wurden von 1950 bis 1956 produziert, bevor sie durch den leistungsfähigeren Typen ERs 710 abgelöst wurden. Genaugenommen handelte es sich dabei nur um die Typ-Bezeichnung, im Einsatz bekam jedes Gerät eine zentrale Registriernummer. Eimerkettenbagger mit Raupenfahrwerk bekamen Nummern zwischen 151 und 350. So lautete die korrekte Bezeichnung des ersten Fahrzeuges, der ab 1950 im Tagebau Espenhain eingesetzt wurde, Bagger 250 ERs 700. Das Gerät war verhältnismäßig klein mit ca. 1.000 Tonnen Gewicht. Der ERs 700 konnte mit seinen 35 Eimern theoretisch 1.300 Kubikmeter Material (Abraum oder Kohle) pro Stunde bewegen. Der Abtrag von Lockergestein oder Kohle konnte sowohl im Hoch- als auch im Tiefschnitt erfolgen. Dazu wurde die Eimerleiter gehoben oder abgesenkt. Da er aufgrund seiner geringen Größe flexibel im Tagebau einsetzbar war, bot es sich an, ihn schwenkbar zu bauen. Starre Bagger sind häufig leistungsfähiger, aber auch auf den Einsatz mit einer Förderbrücke beschränkt. Die Höchstgeschwindigkeit des ERs 700 lag bei 5,5 Metern in der Minute. Die größten Eimerkettenbagger stammen ebenfalls aus Magdeburg: Der Es 3750 hat nicht nur mehr als den fünffachen Eimerinhalt (theoretische Förderleistung von 5.708 m³/h) sondern wog mit über 4.800 Tonnen auch fast das Fünffache. Dieser Baggertyp war gleichzeitig der größte der in Magdeburg hergestellt wurde. Ihr Einsatz erfolgt im Zusammenhang mit den größten beweglichen Maschinen der Erde, den Einheitsförderbrücken F60 im Lausitzer Braunkohlenrevier. Ein Exemplar der F60 ist in Lichterfelde bei Finsterwalde museal erschlossen – leider ohne einen zugehörigen Es 3750. Übertroffen werden Eimerkettenbagger im Übrigen von Schaufelradbaggern. Der größte seiner Art, ein SRs 8000 der TAKRAF GmbH, hat ein Gewicht von über 14.196 Tonnen, erreicht eine Höhe von 96 Metern und kann theoretisch 10.000 m³/h Abraum fördern.
Eimerkettenbagger stellten einen wesentlichen technischen Fortschritt für den Bergbau und das Maschinenbaugewerbe dar. Ihren Ursprung haben sie in den Niederlanden, wo ab dem 17. Jahrhundert Schwimm- bzw. Nassbagger mit Eimerketten beim Ausbau der Schifffahrtswege zum Einsatz kamen. Das erste Patent für einen Eimerkettenbagger geht auf den Franzosen Poirot de Valcourt zurück, der 1827 ein Patent für einen Eimerkettenbagger anmeldete. Ihren Durchbruch erlebten die Maschinen aber erst mit dem Bau des Suezkanals, bei denen Bagger des Franzosen Alphonse Couvreux zahlreiche Arbeitskräfte ersetzten und somit ihre Tauglichkeit in der Praxis bewiesen. In Deutschland etablierte sich Ende des 19. Jahrhunderts allerdings die Bezeichnung „Holländer-Bagger“, da zwei der ersten derartigen Geräte im Braunkohlenbergbau Nachbauten des Couvreux-Baggers der niederländischen Firma A. F. Smulders waren. Über den Umweg des Kanalbaus, besonders des Travedurchstichs bei Lübeck ab 1878 sowie dem Ausbau des Kaiser-Wilhelm-Kanals 1887-1895, etablierten sich ab den 1890er Jahren Eimerkettenbagger im Braunkohlenbergbau, der dadurch einen Effizienzschub bekam.
Hierfür bestehen zwei Gründe: Erstens liegt Magdeburg unweit des Mitteldeutschen Braunkohlenreviers und damit nahe an potentiellen Käufern; Zweitens hatte Magdeburg eine lange Maschinenbautradition, besonders der Stadtteil Buckau, südlich der Altstadt. Bereits ab der Industrialisierung siedelten sich bedeutende Unternehmen wie Beispielsweise das Grusonwerk ab 1855 hier an. 1862 folgte die Maschinenfabrik Buckau R. Wolf AG. 1886 begann das Unternehmen Ausstattung für Brikettfabriken herzustellen, die wiederum Rohbraunkohle zu einem begehrten Brennstoff für den Hausbrand veredelten. Unter dem neuen Direktor Reinhold Lange erfolgte die Spezialisierung auf den Bedarf der Braunkohlenindustrie. Wann genau der erste Eimerkettenbagger das Werk verließ ist nicht überliefert, allerdings waren die Eimerkettenbagger, welche ab 1908 hergestellt wurden, die ersten mit einer doppelten Zugdurchfahrt, wodurch sich ihre Arbeitsleistung bedeutend erhöhte. 1930 erfolgte die Übernahme des Otto-Gruson-Werkes (nicht zu verwechseln mit dem berühmteren Grusonwerk, das nach Hermann Gruson benannt wurde). In der Sowjetischen Besatzungszone wurde das Unternehmen, das auch in die Rüstungsanstrengungen im Nationalsozialismus eingebunden war, enteignet und als Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) AMO Teil des Reparationsregimes. Nach dem gescheiterten Volksaufstand am 17. Juni 1953 erfolgte die Übergabe des Unternehmens an die DDR zum 1. Januar 1954 und firmierte dann unter dem Namen VEB Schwermaschinenbau „Georgi Dimitroff“. 1950 erfolgte der Entwurf für die ERs 700 als erste eigene Baggerkonstruktion der DDR, um den Bedarf der expandierenden Tagebauförderung zu decken. Als verhältnismäßig kleiner Bagger war er vor allem in der Kohleförderung aktiv. So förderte der Bagger 250 ERs 700 beispielsweise die allerletzte Kohle aus dem Tagebau Espenhain am 27. Juni 1996, bevor er 1998 verschrottet wurde. Die Produktion des ERs 700 lief bis 1956 und es wurde nur eine kleine einstellige Anzahl produziert, sowohl für die DDR als auch für den Export im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RgW). Hingegen war sein verbesserter Nachfolger ERs 710 ein voller Erfolg mit über 100 produzierten Exemplaren, die auch im RgW und seinen Nachfolgestaaten eingesetzt wurden und werden. In der Lausitz arbeiten noch heute entsprechende Geräte, wie beispielsweise in den Tagebauen Welzow, Nochten oder Jänschwalde. Ein ERs 700 ist zumindest in Deutschland nicht erhalten geblieben. Mit dem Strukturbruch im Zuge der Wendetransformation wurden zahlreiche Tagebaue in Ostdeutschland stillgelegt. Die modernen Geräte wurden häufig in andere Tagebaue überführt, wohingegen ältere Maschinen gesprengt und entsorgt wurden. Eimerkettenbagger können heute in Ferropolis – der Stadt aus Eisen bei Gräfenhainichen (LK Wittenberg) – besichtigt werden. Hier steht Bagger 197 ERs 400, 1941 in Magdeburg fertiggestellt, und Bagger 651 Es 1120, 1962 in Köthen produziert.
Das Modell des DHM wurde dabei höchstwahrscheinlich von Lehrlingen als Gesellenstück gefertigt, um den Bagger auf Messen vorzuführen. Mithilfe mehrerer Motoren und einem Steuerpult ist es voll funktionstüchtig. Damit die zahlreichen Motoren – jede der sechs Raupen besitzt bspw. einen eigenen kleinen Elektromotor – nicht in verschiedene Richtungen wirken können, wurde ihre Bedienung auf dem Steuerpult miteinander verbunden. Das Steuerpult selbst ist ein Würfel von ca. 50 cm Kantenlänge. Sogar zwei kleine Figuren wurden in die Leitstände gesetzt. Die Präsentation der Tagebautechnik auf Messen richtete sich weniger an inländische Abnehmer als vielmehr an Exportkunden. Die Beschaffung für die heimische Braunkohlenindustrie erfolgte im Rahmen der Planwirtschaft zentral und nach staatlicher Priorisierung. Die Bergbautreibenden hatten hingegen nur einen geringen Einfluss im Auswahlprozess. Insgesamt entwickelte sich die DDR zum Weltmarktführer im Bereich der Baggerherstellung unter dem Dach des VEB Schwermaschinenbaukombinates TAKRAF (das Akronym steht für Tagebau-Ausrüstung, Krane und Förderanlagen). Dabei entwickelte sich die DDR zum wichtigsten Exporteur von Tagebauausstattung weltweit. Heute produziert die TAKRAF GmbH noch in Lauchhammer und Leipzig. Die Maschinenfabrik Magdeburg-Buckau GmbH überlebte den Strukturbruch hingegen nicht und wurde am 1. Januar 1995 liquidiert und schlussendlich am 16. August 1996 aus dem Handelsregister gelöscht. Damit endete nach 130 Jahren die Geschichte des traditionsreichen Standorts in Magdeburg, davon ca. 90 Jahre im Bau von Tagebaugroßgeräten. Allerdings besteht mit der Förderanlagen Magdeburg (FAM) ein Unternehmen, die Förderanlagen für den Bergbau herstellen, bis heute fort. Das Modell des ERs 700 kam allerdings schon in der DDR ins Museum für Deutsche Geschichte. Mit der Übernahme durch das DHM nach 1990 fand es den Weg in unsere Sammlung und somit auch in die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte“.

Modell des Eimerketten-Raupen-Schwenkbaggers ERs 700, Magdeburg, 1953/1956 © DHM
Dr. Martin Baumert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte“ am Deutschen Historischen Museum.