Fragile Welten
Die Filmemacherin Rita Azevedo Gomes
Wogende Meereswellen, neblige Waldwege, im Wind tanzendes Fackelfeuer, Türen und Fenster, die weite Blicke in die Ferne eröffnen; außerdem dichte, literarische Monologe und Dialoge sowie in Raum und Zeit verschachtelte Erzählungen. Seit über 35 Jahren macht die portugiesische Regisseurin Rita Azevedo Gomes Filme, die eine ganz eigene Sprache sprechen, die gleichermaßen gedanken- wie gefühlsdurchdrungene Filmräume kreieren. Geprägt sind sie von der melancholischen Empfindsamkeit ihrer Figuren. Oft leiden diese an den Grenzen, die ihnen die Welt auferlegt. Und so schleichen sich irritierende Momente der Unruhe in die filigran komponierten Bilder und Töne ein, in denen Wirklichkeit und Wunsch, Traum- und Wachzustände, Kunst und Leben nicht mehr zu trennen sind und sich ineinander verschränken. Es ist ein Kino in der Tradition der Romantik, ein Kino der Seelenlandschaften – und eines des intensiven visuellen und auditiven Ausdrucks.
Nach einem Studium der Bildenden Kunst und der Mitwirkung bei Theater- und Opernprojekten begann Azevedo Gomes‘ Filmlaufbahn neben einer Regieassistenz bei Luis Noronha da Costa mit dem Kostümdesign für Francisca (1981), einem Klassiker der portugiesischen Regielegende Manuel de Oliveira. 1990 folgte das Regiedebüt O Som da Terra a Tremer, das, wie für ihr mittlerweile gut zehn abendfüllende Spiel- und Dokumentarfilme umfassendes Œuvre typisch, auf literarischen Texten basiert. Zugleich ist O Som da Terra a Tremer Azevedo Gomes‘ erste Zusammenarbeit mit dem einflussreichen, das portugiesische Kino prägenden Kameramann Acácio de Almeida, der auch Werke von João César Monteiro, Teresa Villaverde und Pedro Costa fotografiert hat. Gleichermaßen ein Meister des auf analogem Film eingefangenen Naturlichts wie des detailreichen Digitalbildtableaus gelingen Acácio de Almeida unter Azevedo Gomes‘ Regie ungemein licht- und farbsensible Bilder, die immer wieder Gemälden gleichen. Durch diese wandeln Weggefährt*innen von Gomes wie deren Lieblingsdarsteller*innen Rita Durão und Pierre Léon. Sie betreten zeitlose, entrückte Filmwelten. Es sind Kammerspiele, die uns ein Innen zeigen, kaum je ein Außen.
Die von Tilman Schumacher kuratierte und in Zusammenarbeit mit der Cinemateca Portuguesa entstandene Werkschau Fragile Welten – Die Filmemacherin Rita Azevedo Gomes präsentiert erstmals in Deutschland nahezu das gesamte Œuvre der portugiesischen Filmemacherin. Sie wird begleitet von einem Programm mit deutschen, von Rita Azevedo Gomes zusammengestellten Filmproduktionen. Die Carte blanche versammelt Werke, die ihre Arbeit beeinflusst haben und denen sie sich nahe fühlt. Wir freuen uns, Rita Azevedo Gomes am Eröffnungswochenende vom 29. bis 31. Mai 2026 als Gast begrüßen zu dürfen. (Tilman Schumacher)















