Mr. X – Andrzej Wajda und seine Produktionsgruppe
Wenn ein Staat, etwa aus Angst vor Kritik, darüber entscheidet, welche Kunst entstehen und gezeigt werden darf, bleiben den Künstler*innen nur wenige Überlebensstrategien. Sie können Rädchen der Propagandamaschinerie werden oder im Verborgenen arbeiten und auf bessere Zeiten hoffen. Oder sie setzen ihre Karriere aufs Spiel und wehren sich gegen die Zumutungen der politischen Realität. Andrzej Wajda, einer der wichtigsten polnischen Regisseure, entschied sich für diesen dritten Weg. Er war nicht nur kritischer Film- und Theaterregisseur, sondern engagierte sich auch als künstlerischer Leiter der Produktionsgruppe „X“ – und wurde so Mentor für Künstler*innen der nächsten Generation.
Die Idee, die polnische Filmbranche in Produktionsgruppen (zespół filmowy) aufzuteilen, entstand 1957 nach Stalins Tod während einer politischen Tauwetterperiode. Die Arbeit in Teams sollte die Kreativität der Filmemacher*innen und den Austausch untereinander befördern. Absolvent*innen der Filmhochschule trafen hier auf erfahrene, ältere Filmemacher*innen, die sie dabei unterstützten, eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln.
Unter diesen Arbeitsgemeinschaften besaß die 1972 gegründete Produktionsgruppe „X“ ein besonderes Profil. Ihr künstlerischer Leiter war Andrzej Wajda, Barbara Pec-Ślesicka arbeitete als Produktionsleiterin, die dramaturgische Leitung oblag Bolesław Michałek. Unter ihrer Ägide entstanden die ersten Filme von Regisseur*innen wie Agnieszka Holland, Feliks Falk, Janusz Zaorski, Ryszard Bugajski oder Jerzy Domaradzki, die ein soziale wie politische Verhältnisse kritisierendes „Kino der moralischen Unruhe“ mitprägten. Ihr politisches Engagement sowie sich verschärfende soziale Krisen und der Erfolg der Solidarność-Bewegung führten allerdings dazu, dass die Produktionsgruppe „X“ bereits 1983 aufgelöst wurde.
Die Retrospektive Mr. X – Andrzej Wajda und seine Produktionsgruppe widmet sich neben dem Regisseur Wajda vor allem dem künstlerischen Leiter von „X“, der in elf Jahren über 80 Filmprojekte mitproduziert und teils gegen erheblichen politischen Widerstand durchgesetzt hat. Von psychedelischen Literaturverfilmungen über metaphorische Historiendramen bis hin zu Moralstücken: Wajda beschritt mit „X“ ganz unterschiedliche Wege, die seismografisch die polnische Gegenwart erfassten und sie so festhielten, dass sowohl Pol*innen als auch das Ausland ihre Brisanz erkannten. Bartek Tesarz (Übersetzung: Rainer Mende)
Die von Bartek Tesarz kuratierte Filmreihe Mr. X – Andrzej Wajda und seine Produktionsgruppe findet im Rahmen des Festivals filmPOLSKA und des Programmschwerpunkts Geschichte und Bildung statt, der aus dem Fonds für Kulturförderung des Ministeriums für Kultur und Nationales Erbe der Republik Polen unterstützt wird.













