Was hat ein Prunksattel mit einem Einhorn zu tun?

16. Oktober 2026 Lesedauer 5 Min.

Diese Frage entstand während der Untersuchung eines der ältesten Objekte aus der Militaria-Sammlung des Deutschen Historischen Museums, ein Prunksattel datiert ins 15. Jahrhundert, welcher ursprünglich aus der Privatsammlung des Prinzen Friedrich Carl Alexander von Preußen (1801-1883) stammt und als alter Zeughausbestand bezeichnet wird. Er war lange Bestandteil der Dauerausstellung im Zeughaus. Nach deren Abbau 2021 bestand die Möglichkeit, den Sattel genauer zu untersuchen. Einerseits gab es Fragen hinsichtlich der verwendeten Materialien, aber auch die Frage, ob sich die Datierung als schlüssig erweist. Schon einige Male in der Literatur erwähnt, bezogen sich bisherige Veröffentlichungen meist auf die szenischen Darstellungen im Auflagenmaterial, welches immer als Elfenbein bezeichnet wurde. Detaillierte Materialuntersuchungen gab es meines Erachtens bisher nicht.

Prunksattel

Prunksattel, um 1440, Deutschland © DHM

Prunksattel

Prunksattel, um 1440, Deutschland © DHM

Wenn wir uns als Restaurator*innen einem Objekt visuell nähern, fällt zunächst der Blick auf den Zustand einzelner Materialien. Das geschulte Auge kann möglicherweise gleich eine Restaurierung oder Reparatur erkennen, wenn bestimmte Arbeiten wie Festigungen, Ergänzungen oder auch Retuschen ausgeführt wurden. Auch Alterungszustände wie Substanzabbau, Risse, Fehlstellen, Farbveränderungen oder abgelöste Partien können mit Hilfe von sichtbarem Licht oft gut erkannt werden. Fotos, vor allem Makroaufnahmen dienen zunächst als Kontrolle und so manches Mal kann man auf ihnen Details entdecken, die sonst vielleicht übersehen worden wären. Einzelne Bereiche unter Vergrößerungen angeschaut ergeben oft bereits ein schlüssiges Bild. Materialvergleiche sowie Datenbankrecherchen können dann Ergebnisse und daraus resultierende Erkenntnisse festigen. 

Reicht das nicht aus, kann man sich der unterschiedlichen Wellenlängen des Lichtes bedienen und Objekte unter UV-Licht (Ultraviolett) oder auch Infrarot (IR) anschauen und dokumentieren. Diese Bildgebungsverfahren können uns genauere Erkenntnisse über Materialeigenschaften und den aktuellen Zustand des Objektes liefern. Im nächsten Schritt wären dann Untersuchungen in wissenschaftlichen Laboren möglich, wie beispielsweise Röntgen und CT, oder Analysen von Materialproben des Objekts. 

Spannend sind bei Untersuchungen immer Bereiche, an denen es durch Fehlstellen möglich ist, bis zum Trägermaterial vorzudringen. So konnte ich bis auf den sogenannten Sattelbaum schauen, der sich nach mikroskopischer Betrachtung als Buchenholz identifizieren ließ. Technisch gesehen eine gute Wahl, denn die heimische Holzart lässt sich gut bearbeiten und über Wasserdampf biegen. Ich konnte sie bereits an Armbrusten ähnlicher Datierung entdecken sowie an sehr frühen und nur noch selten erhaltenen Hornbögen. Solche Vergleiche können als Datierungshilfe dienen und waren Dank unseres alten Zeughausbestandes möglich. Sie geben Aufschluss über natürliche Alterungsprozesse und die Technologie ihrer Verarbeitung. Ebenso aufschlussreich bei der Bestimmung organischer Materialien ist immer die Suche nach ihren typischen Merkmalen, die wichtigsten Merkmale des Elfenbeins von Rüsseltieren konnten in unserem Fall nicht entdeckt werden.

Erst im weiteren Verlauf der Untersuchung wurde mir bewusst, dass die Bezeichnung „Prunk“ in seiner mittelalterlichen Bedeutung sowie die Wahl des Materials für die Auflagen möglicherweise anders verstanden werden müssen. Die als Flachrelief, mit einigen Besonderheiten, angelegten Schnitzereien verweisen in ihrer Technologie durchaus auf das 15. Jahrhundert und sind in ihrer Manier ganz hervorragend ausgearbeitet. Sie nehmen Bezug auf die berühmte mittelalterliche Erzählung von Georg, der die Königstochter und eine ganze Stadt durch die Tötung des Drachens rettet. Die Figur des Drachentöters Georg entwickelt sich erst im Laufe der Jahrhunderte zum Ritter. Georg trägt hier eine Ritterrüstung und liefert damit auch einen hilfreichen Hinweis auf die zeitliche Einordnung. Den Fokus auf seine Zierde richtend, fiel sofort der in detailreichen Drehungen geschnitzte lange Stab auf, den Georg als Lanze nutzt (Bild 1 und 2), um den Drachen zu töten. Dabei kam ich auf den möglichen Zusammenhang der Bedeutung bildlicher Darstellung und der Auswahl des Materials als symbolverstärkendes Element. 

Prunksattel

Bild 1: Prunksattel (Detail), um 1440, Deutschland © DHM

Prunksattel

Bild 2: Prunksattel (Detail), um 1440, Deutschland © DHM

Prunksattel

Bild 3: Prunksattel (Detail), um 1440, Deutschland © DHM

Auf Bild 3 ist die Darstellung eines Tieres mit einem ebenfalls in detailreichen Drehungen geschnitzten Horn am Kopf zu erkennen. Hier wird das Einhorn gezeigt, eines der symbolträchtigsten Tiere mittelalterlicher Mythologie. Als Symbol der Menschwerdung, der Reinheit, Schönheit und Jungfräulichkeit verbindet das Einhorn hier das Thema des frühen mittelalterlichen Mythos um Georg den Märtyrer und die Rettung der Menschheit vor dem Bösen mit der christlichen Legende des heiligen Ritters Georg, der die jungfräuliche Königstochter vor dem Drachen rettet und damit die Sünde besiegt. Die gedrehte Form der geschnitzten Lanze und die des Horns sind den schon damals an den Stränden Islands und Skandinaviens gefundenen Formen von Hornexemplaren sehr ähnlich. Die zoologische Herkunft dieser Hörner aber war im Mittelalter noch gänzlich unbekannt, als diese Funde als Indiz für die Existenz des Einhorns betrachtet wurden. Als begehrte Besitztümer erlangten sie recht schnell eine Wertigkeit, welche sprichwörtlich mit Gold aufgewogen wurde. Das Einhorn wurde so zum Symbol politischer Macht, bei dem man wohl stets darauf bedacht war, diese auch zu zeigen. Nicht nur das Horn als solches zu besitzen, sondern die mythologische Bedeutung in ein aus diesem Material gefertigten Objekt zu transportieren, ist dabei, laut Überlieferung aus Literatur und Kunst, als Teil der Wertigkeit anzusehen. Es gibt noch heute Beispiele für kostbare mittelalterliche Objekte, die aus diesem „Horn“ gefertigt wurden. Mittlerweile weiß man, dass das Horn einem noch immer existierenden Meeressäuger gehört, dem Narwal. Er ist durch seinen Lebensraum in den großen Tiefen des Meeres sehr selten zu sehen. Erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde das Tier von einem dänischen Naturforscher beschrieben und das an den Stränden gefundene Horn ihm zugeschrieben. Mit der Zeit entkräftete sich so die Einhorn-Theorie, obwohl sich der Glaube an seine magischen Kräfte noch lange hielt. Bis heute fasziniert das Einhorn als Fabelwesen, sein Mythos wird in Erzählungen und Filmen an nächste Generationen weitergegeben. 

In der Beschäftigung mit diesem sehr seltenen Material konnte ich erfahren, dass es sich in wissenschaftlichem Sinne nicht um Hornmaterial handelt, sondern um Zahnmaterial. Dieser Zahn wird sehr wohl auch als Elfenbein bezeichnet, hat aber im Gegensatz zum Elfenbein der Rüsseltiere ganz andere Merkmale. So wurde mir langsam klar, warum das Auflagenmaterial dieses Sattels so einzigartig andere Merkmale aufweist, als mir bisher an anderen vergleichbaren Zahn-, Horn- und Bein-Materialien untergekommen sind.

In einer gesonderten Dokumentation werden alle Untersuchungsdetails und deren Ergebnisse veröffentlicht, so dass zunächst Folgendes zu unserem Objekt zusammengefasst werden kann: Mit diesem Sattel wurden uns Prunk und Elfenbein überliefert. Warum sollte nun das so seltene und wertvolle „Einhorn“-Material, auch Elfenbein genannt, aus Sicht jener Zeit, nicht symbolträchtig für unsere Auflagen verwendet worden sein? So wurde Georgs Waffe nicht etwa als gemeine Lanze gestaltet, sondern ausgestattet mit dem mächtigen Horn des Einhorns. Diese Symbolik verstärkt die Bedeutung der Darstellung und die des Objektes. Die fast originalgetreue Abbildung des sogenannten Einhorns zeigt, dass das Material dem Schnitzer bekannt war und möglicherweise schon als Vorlage diente. Die prächtig gestalteten Gewänder der Kronen tragenden Personen und die Herkunft aus der Sammlung des Prinzen Carl von Preußen legen die Zugehörigkeit zum Hochadel nahe. So hätte sich das Material auch gerade in dieser Hinsicht als zweckdienlich erwiesen. Die Bauweise des Sattels erklärt auch, warum seine Nutzung nur Prestigezwecken gedient haben kann. Zusammenfassend würde sich durch die Auswahl und Verwendung eines so bedeutenden Materials an unserem Sattel die Bezeichnung „Prunk“ erklären.

Das Naturkundemuseum Berlin dem DHM einen Narwal-Zahn als Leihgabe für unsere Ausstellung „Natur und Deutsche Geschichte“ zur Verfügung gestellt. So hatte ich Gelegenheit, mir das seltene Zahnmaterial genauer anzusehen. Ich bin mir sicher, mit weiteren vergleichenden Möglichkeiten die Verbindung zwischen jenem seltenen und bedeutungsvollen Narwal-Material und einem unserer außergewöhnlichsten mittelalterlichen Objekte bestätigen zu können. Auch wenn sich der Prunksattel nun im Depot befindet, so wäre aber ein Blick auf einen Narwal-Zahn in der Ausstellung im Pei-Bau möglich. 

Die Autorin

Portrait Antje Nützmann
Antje Nützmann

Antje Nützmann ist Holzrestauratorin am Deutschen Historischen Museum.

Quellen und Nachweise

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