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In den Archiven der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Deutschlands liegt ein kaum bekannter Schatz: Spielfilme teils prominenter Regisseure und/oder Drehbuchautoren, entstanden hauptsächlich in den sechziger und siebziger Jahren, als die Rundfunkanstalten zugleich ein Übungs- und Experimentierfeld auch für Nachwuchsfilmemacher boten. Es handelt sich um reine TV-Produktionen, die in aller Regel auch nur im Fernsehen gezeigt wurden, dort allerdings ein Millionenpublikum erreichten. Auf diesen weitgehend vergessenen Teil der deutschen Filmgeschichte weist die von Jan Gympel initiierte und mitkuratierte Reihe Aus dem Fernseharchiv hin: Monatlich wird ein Fernsehspielfilm aus dem Bestand der Sammlung Fernsehen der Deutschen Kinemathek präsentiert, der seit langem nicht mehr aufgeführt wurde und anderweitig nicht verfügbar ist. Arbeiten von bemerkenswerter Qualität und Vielfalt, die umso mehr erstaunt, als die thematisch und ästhetisch zum Teil eher „schwierigen“ Werke ihre Erstausstrahlung meist im Hauptabendprogramm der ARD oder des ZDF erlebten.

Das erste Quartalsprogramm 2023 ist Gabriele Wohmann (1932-2015) gewidmet, die sich ab den 1950er Jahren nicht nur zu einer der renommiertesten, sondern auch der produktivsten deutschen Schriftstellerinnen entwickelte. Zu ihrem ebenso umfangreichen wie vielseitigen Schaffen zählten neben Romanen, Erzählungen und Kurzgeschichten auch Lyrik, Essays, Hörspiele und eben Drehbücher. Auf letztgenanntem Gebiet war sie sogar eine Pionierin: „Gabriele Wohmann gehört zu den wenigen Autoren von Rang, die schon früh für das Fernsehen arbeiteten, zu einer Zeit, als man darüber noch die Nase rümpfte.“ (H.K., Frankfurter Rundschau, 3.5.1977) Das ZDF stellte sie zur Erstausstrahlung von Entziehung so vor: „Gabriele Wohmann wurde 1932 in Darmstadt geboren. Sie studierte in Frankfurt am Main Musikwissenschaft und war dann als Lehrerin tätig. Bekannt wurde sie durch den Erzählband ‚Mit einem Messer’ (1958) und durch die Romane ‚Jetzt und nie’ (1958) und ‚Abschied für länger’ (1965). Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki schreibt über die Autorin: ‚Schon die kurzen Geschichten – unter anderem in dem Band ‚Sieg über die Dämmerung’ (1960) – ließen erkennen, daß die Beobachtung der Alltäglichkeiten zu den starken Seiten der Schriftstellerin Gabriele Wohmann gehört. Hier vermag sie Winzigkeiten zum Ausdruck trostloser Situationen zu machen. Sie sieht die Gegenstände der Betrachtung aus der Nähe und weiß dennoch die Distanz zu wahren.’ 1966 veröffentlichte Gabriele Wohmann ihr Protokoll einer Bühneninszenierung ‚Theater von innen’; 1967/68 erhielt sie ein Villa-Massimo-Stipendium. Inzwischen veröffentlichte sie weitere Bände mit Erzählungen und einen Roman.“ (Das Fernsehspiel im ZDF, Heft 1, Sommer 1973)

Aus dem Fernseharchiv ist eine Kooperation mit der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen.

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