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Gemessen am Einfluss, den der gebürtige Österreicher Harald Reinl (1908-1986) auf das populäre westdeutsche Kino der 1950er bis ausgehenden 60er Jahre hatte, muss er – entgegen der gängigen Filmgeschichtsschreibung – als einer von Deutschlands bedeutendsten Filmemachern gelten. Die ehrwürdigen Cahiers du Cinéma nannten ihn gar den „Meister des deutschen Trivialkinos“. Ein deutscher Howard Hawks? Auf jeden Fall bewegte sich Reinl mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen ganz unterschiedlichen Genres des Unterhaltungskinos. Handwerklich souverän, mit einem feinen Gespür für die alltagsenthobenen Bedürfnisse des Publikums, für das, was möglichst vielen gefiel. 

Neue Projekte waren Reinl willkommene Herausforderungen. Dabei legte er ein irrwitziges Arbeitstempo hin. Seine Produzenten dankten es ihm und schätzten ihn als Pragmatiker und Filmemacher ohne Allüren. Über 60 abendfüllende Spielfilme entstanden so in gut vierzig Jahren. Ein Kino ohne Rast. Auch ein rastloses Kino, denn jede Story mit einem Potential zur Kinetik, mit zügigen Übergängen von A nach B, von Schauwert zu Schauwert fand in Reinl einen versierten, einfallsreichen Regisseur. Wie im Vorbeigehen wurden dabei Stars geboren: Joachim „Blacky“ Fuchsberger, Karin Dor (mit der Reinl zeitweilig verheiratet war), die „Importe“ Lex Barker und Pierre Brice.

Mit ihren Namen ist auch das genredefinierende Hauptwerk Reinls eng verbunden: das schaurig kunstvernebelte Studio-London der Edgar-Wallace-Reihe, die mit Der Frosch mit der Maske (1959) startete, oder die in Ultrascope gedrehten Landschaften der Western Der Schatz im Silbersee (1962) und der Winnetou-Trilogie (1963-65), heute wegen ihrer Exotismen kritisch diskutierte Adaptionen von Karl Mays Wildwestfantasien, die damals Publikumsmagneten wurden, während sich der Junge Deutsche Film gerade anschickte, gegen das „realitätsferne“ Kino der Vätergeneration anzurennen.

Was bei Reinls Omnipräsenz im Mainstreamkino der 1960er Jahre – erinnert sei auch an die Neuauflage der Dr. Mabuse-Krimis, an Reinls Agentenfilme um Jerry Cotton und die Komödienreihe Die Lümmel von der ersten Bank – unterzugehen droht, ist das Frühwerk, etwa die ersten Arbeiten im Kulturfilm oder die gefühlsschweren Glaubensdramen, die von Reinls Förderin Leni Riefenstahl beeinflusst sind. Und das Spätwerk? Als in den 1970er Jahren Reinls Stern zu sinken beginnt, besinnt sich dieser noch einmal auf Themen seiner Kinoanfänge, auf Spiritualität, Heimat und Gemeinschaft. 

Früh-, Haupt- und Spätwerk – für die Werkschau Kino ohne Rast – Passagen durch das Genrekino von Harald Reinl sind die Karriereetappen gleichrangig. Die Filmreihe lädt nicht nur zu einer intensiven Begegnung mit einem der produktivsten und erfolgreichsten Regisseure der deutschsprachigen Filmgeschichte ein, sie stellt auch Anschauungsmaterial für eine Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik bereit.

Die von Tilman Schumacher kuratierte Werkschau bringt 25 Filme des Unterhaltungsfilmprofis zusammen, davon 22 Arbeiten als 35mm-Kopien. Hierfür danken wir den großen Filmerbe-Institutionen, aber auch Privatsammlern, ohne deren Kopien diese Werkschau nicht in dieser Form stattfinden könnte. Es mag paradox klingen, aber gerade das von zig Millionen Zuschauer*innen besuchte, in Hunderten Kopien auf die Leinwand gebrachte Mainstreamkino der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist materiell schlecht überliefert, ja aufgrund fehlender Sammlungspräferenzen gar vom Verschwinden bedroht. Umso schöner, dass es dennoch gelungen ist, so viele analoge Kopien ausfindig zu machen – und wieder ins Licht der Projektionslampen zu holen. (Tilman Schumacher)