Der Versuch, eine Debatte zu historisieren: DHM-Präsident Raphael Gross über die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt”
2. Oktober 2026
6 Min.Umstrittene Verwandtschaft
5. Oktober 2026 Lesedauer 2 Min.
Die umstrittene „Verwandtschaft“ von kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt, was Objekte über die deutsche Besatzung in Europa 1939 bis 1945 erzählen, Künstler der im Auftrag von Goebbels und Hitler erstellten „Gottbegnadeten-Liste“ und ihre Karrieren nach 1945 sowie ein Blick auf das Verhältnis zwischen Deutschland, Russland und den USA: Passend zur Frankfurter Buchmesse empfiehlt das Deutsche Historische Museum vier Neuerscheinungen zu ganz unterschiedlichen historischen Themen für den Herbst.
Die Frage nach der Vergleichbarkeit von Kolonialismus und Nationalsozialismus stand in den letzten Jahren im Zentrum erbittert geführter geschichtspolitischer Debatten.
Im Mittelpunkt des Bandes steht die Frage nach der angeblichen „Verwandtschaft“ zweier Gewaltregime, die auf den ersten Blick eine Reihe von Gemeinsamkeiten, auf den zweiten Blick auch erhebliche Unterschiede aufweisen: die jahrhundertelange europäische Kolonialherrschaft und die kurze, von radikaler Beschleunigung geprägte NS-Herrschaft in Europa. Die Publikation untersucht für den Zeitraum von 1900 bis 1960 die Grundlagen dieses Vergleichs und behandelt Themenfelder wie Rassismus, Antisemitismus, Zwangsarbeit, Kollaboration und Widerstand. Mit Blick auf ein breites Spektrum internationaler Beispiele soll der Band dazu beitragen, eine stark emotional geführte Debatte zu ihren sachlichen Kernen zurückzuführen.
Mit Beiträgen von Aomar Boum, Sebastian Conrad, Frederick Cooper, Moritz Feichtinger, Ulrich Herbert, Leslie James, Fabian Krautwald, Emma Kuby, Claus Leggewie, Wendy Lower, Stephan Malinowski, Jürgen Matthäus, Aram Mattioli, Anthony McElligott, Stefanie Middendorf, Michelle Moyd, Avner Ofrath, Grzegorz Rossoliński-Liebe, Baijayanti Roy, Martin Thomas, Natalya Vince, Nikolaus Wachsmann, Fabian Weber und Markus Wurzer
304 Seiten, 28 €, ISBN 978-3-8353-6187-4


Zwischen 1939 und 1945 lebten mehr als 230 Millionen Menschen in heute über 30 Staaten unter deutscher Gewaltherrschaft. Anhand historischer Objekte thematisiert dieser Band zentrale Aspekte des von Deutschland entfesselten Krieges und der darauf folgenden Besatzung: Zwangsarbeit, Lager, Raub, Kulturzerstörung, Hunger, Patientenmorde, Shoah, Völkermord an den Sinti und Roma, sexuelle Gewalt, erzwungene und freiwillige Beteiligung, Widerstand und Erinnerung.
Mithilfe zahlreicher Gegenstände, Fotografien und Dokumente arbeiten die Autorinnen und Autoren länder- und gruppenspezifische Unterschiede sowie übergreifende Strukturen der deutschen Besatzung in Europa heraus. Damit lenken sie den Blick auf Verbrechen, die in den betroffenen Ländern bis heute nachwirken, in Deutschland aber oft kaum bekannt sind.
Mit Beiträgen von Volha Bartash / Leonard Stöcklein, Marc Buggeln, Havi Dreifuss, Piotr M. Majewski, Katja Makhotina, Leon Saltiel, Pia Schölnberger, Katrin Stoll, Dmytro Tytarenko, Helen Upcraft, Olivier Wieviorka und Ingrid de Zwarte
224 Seiten, 24 €, ISBN 978-3-8353-6031-0
Viele bildende Künstler auf der im Auftrag von Goebbels und Hitler erstellten „Gottbegnadeten-Liste“ setzten ihre Karrieren nach 1945 ungebrochen fort. Der Band beleuchtet kritisch aus kunst- und zeitgeschichtlicher Perspektive die Netzwerke, die hinter den Aufträgen standen, dokumentiert die Rezeption der zahlreichen Werke, die sich noch immer weitgehend unkommentiert im (halb-)öffentlichen Raum befinden, und diskutiert den heutigen und zukünftigen Umgang mit ihnen, zum Beispiel auf dem Olympiagelände Berlin, in der Staatsoper Wien und im Münchner Stadtbild. In Überblicksartikeln sowie Künstler- und Werk-Porträts zu u. a. Fritz Behn, Arno Breker, Hans Breker, Rudolf Eisenmenger, Hermann Kaspar, Georg Kolbe und Willy Meller leistet er so einen wichtigen Beitrag zur Kunstgeschichte nach dem Nationalsozialismus.
Mit Beiträgen von Jutta Braun, Wolfgang Brauneis, Irith Dublon-Knebel, Stefanie Endlich, Veronika Floch, Ambra Frank, Julia Friedrich, Swantje Greve, Clemens Heinrichs, Martin Hochleitner, Peter Paul Kubitz, Michaela Melián, Kaspar Mühlemann Hartl, Oliver Rathkolb, Dorothea Schöne und Franziska von Stenglin
248 Seiten, 26 €, ISBN 978-3-95732-660-7


Das Verhältnis zwischen Deutschland, Russland und den USA befindet sich in einem fundamentalen Umbruch. Bisher geltende Allianzen und Beziehungen sind in Frage gestellt. Das DHM und Karl Schlögel nehmen mit der 8. Ausgabe des Magazins „Historische Urteilskraft“ die historischen Beziehungen zwischen den drei Ländern in den Blick – nicht in Form einer enzyklopädischen Übersicht oder abschließenden Bilanz, sondern als geschichtswissenschaftliche Sondierung entlang charakteristischer Situationen, in denen die ganze Komplexität dieser über Generationen sich aufbauenden Dreiecksbeziehung aufscheint.
Mit Beiträgen von Kate Baldwin, György Dalos, Jan-Werner Müller, Lawrence Scaff und Katherine Zubovich und viele weitere.
Den Essay über historische Urteilskraft schreibt in diesem Jahr (nach zuletzt Volker Braun und Ursula Krechel) die Schriftstellerin Francesca Melandri, die sich u.a. mit der italienischen NS-Geschichte auseinandergesetzt hat; Stephan Malinowski spricht mit Claus Leggewie über Vergleiche kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt. Willi Winkler denkt über den Deutschen Herbst nach, Janis Lutz stellt den Beitrag der DDR zu den Länderausstellungen in der Gedenkstätte Auschwitz 1959 vor.
Weitere Beiträge von Julia Franke, Aaron Jochim, Markus Laufs und Matthias Struch.
ca. 104 Seiten, 16 €, ISBN 978-3-86102-238-1
Erscheint im November 2026