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Ella Bergmann-Michel (1895-1971) arbeitete mit konstruktivistischen Collagen und mit Fotografie, bevor sie zwischen 1931 und 1933 einige wenige Filme drehte, kostbare, innovative Dokumente der Atmosphäre am Ende der Weimarer Republik. Mit starkem künstlerischen Bewusstsein für die soziale und ökonomische Krise Anfang der dreißiger Jahre reagierte Bergmann-Michel in diesen Filmen auf die Herausforderungen der Zeit: ein letztes Aufblitzen einer lebendigen progressiven Kultur.

Nachdem Ella Bergmann-Michel und ihr Mann Robert Michel (1897-1983) sich im Vor-Bauhaus-Weimar an der Kunsthochschule kennengelernt hatten, engagierten sich beide seit 1920 intensiv im bund neues frankfurt. Hier erarbeiteten Architekten und Künstler mit dem Stadtbaurat Ernst May das pragmatische Projekt einer sozialen Moderne im Umkreis der Zeitschrift das neue frankfurt. In Vorträgen und Filmvorführungen wurde die Idee vom Unabhängigen Film im Sinne der Internationalen Filmliga formuliert. Bergmann-Michel lernte Dziga Vertov und Joris Ivens kennen, deren Filme sie tief beeindruckten. In Dresden hatte der Ingenieur Emanuel Goldberg (1881-1970) eine Kamera mit Federwerk-Aufzug, die kleine 35mm-Kamera Kinamo (Kin amo = ich liebe Filme) entwickelt, die Ella Bergmann-Michels Praxis entgegenkam. Ihre mobile, dokumentarisch-inszenierende Kameraarbeit ist beobachtend, interessiert am Alltag und sozialen Leben.

Bergmann-Michel stellte einen pragmatisch-nützlichen Werbefilm zum Neuen Bauen her und einen Kurzfilm für die Frankfurter Erwerbslosenküchen-Initiative. Ihre Praxis der Beobachtung auf den Straßen stand jedoch zunehmend unter Verdacht. Bei Dreharbeiten während des Wahlkampfs im Oktober 1932 wurde sie verhaftet und ihr Material konfisziert. Nach dem Ausstellungsverbot 1933 zogen sich Ella Bergmann-Michel und ihr Mann aufs Land zurück, sie überlebten mit Fischfang und Landwirtschaft. Gleich nach Kriegsende verfolgte Bergmann-Michel ihre Ideen in der Filmclubarbeit weiter und organisierte Vorführungen in Zusammenarbeit mit den Filmstellen der Besatzungsbehörden. Bei den 1954 gegründeten Kurzfilmtagen Oberhausen war sie regelmäßiger Gast.

Das von Madeleine Bernstorff zusammengestellte und vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Programm Die Frau mit der Kinamo, den dem viele Gäste mitwirken, zeigt neben dem schmalen Werk von Ella Bergmann-Michel auch die Kontexte der Film- und Kinoarbeit, in denen Bergmann-Michels Filme entstanden, vorgeführt wurden und wirkten. Anhand der Fernsehfilme des Hamburger Filmaktivisten Gerd Roscher fragt die Reihe nach den Bedingungen eines politischen Amateurfilms. Sie untersucht zudem technische Neuerungen als Voraussetzung für selbstorganisiertes, mobiles Filmen, führt einen lange verschollenen Film des Mitstreiters Paul Seligman wieder auf und wirft ein Schlaglicht auf Konzepte der „Gegenöffentlichkeiten“, der Filmclubarbeit und des Radioaktivismus. Und sie erzählt nicht zuletzt von der allmählichen, vielgestaltigen Wiederentdeckung der Filme Ella Bergmann-Michels.

Im Foyer des Zeughauskinos präsentiert die Künstlergruppe KG Weltformat (der Fotograf Sascha Herrmann und der Typograf René Patzwaldt) eine Tafel: ein künstlerischer Dialog zwischen laborativen Reproduktionen fotografischer Vorlagen aus dem Nachlass des Ingenieurs Emanuel Goldberg und schematisch-zeichnerischen Darstellungen der technischen Bedingungen von Fotografie.

Für ihre wertvolle Unterstützung danken wir Jutta Hercher und Sünke Michel.

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