Lebensläufe
Eberhard Fechner zum 100. Geburtstag
Wie sich Menschen – in erster Linie Deutsche – in der wechselvollen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verhielten, insbesondere während der NS-Diktatur und des von ihr verursachten Zweiten Weltkriegs – dies war das große Thema im Filmschaffen Eberhard Fechners. Auch weil er jene Zeit als Kind und Jugendlicher erlebt hatte, interessierte sich der am 21. Oktober 1926 im schlesischen Liegnitz Geborene, und hauptsächlich in Berlin Aufgewachsene, für die Träume, Herausforderungen, Zumutungen, Entscheidungen, Fehler und Lebenslügen seiner Zeitgenossen – und wie diese sich an all dies erinnerten.
Von Hause aus Schauspieler, kam Fechner erst relativ spät zum Medium Film. Nachdem sein Versuch, in Deutschland Theater im Geiste seines Vorbilds und Lehrmeisters Giorgio Strehler zu machen, gescheitert war, bot ihm Egon Monk, der fast gleichaltrige, ebenfalls aus Berlin stammende Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel des Norddeutschen Rundfunks (NDR), die Möglichkeit, ihm zu assistieren und ab 1966 Regie zu führen.
Im Zuge einer gewissen Selbststilisierung tat Fechner seine frühen Fernsehspielfilme, deren Drehbücher er in der Regel bereits selbst schrieb, später als irrelevante Brotarbeiten ab. Dabei weisen sie bereits viele inhaltliche, gestalterische und personelle Verflechtungen und Bezüge zu seinen bekannteren Werken auf, allem voran das Interesse an den „kleinen Leuten“, ihrem Alltag und ihren Versuchen, ihr Dasein zu verbessern.
Wichtiger waren Fechner, neben den Kempowski-Adaptionen Tadellöser & Wolff und Ein Kapitel für sich, seine dokumentarischen Arbeiten. Mit Nachrede auf Klara Heydebreck, dem posthumen Porträt einer unscheinbaren Berlinerin, erregte er sodann 1969 Aufsehen und gewann seinen ersten Adolf-Grimme-Preis. Sein Ansatz, in Filmen wie Klassenphoto – Erinnerungen deutscher Bürger Geschichte „von unten“ zu zeigen, wie Durchschnittsmenschen sie erlebt, aber auch mitgestaltet haben, war in den siebziger Jahren neu. Typisch für Fechner wurde seine Methode, mit Zeitzeugen stundenlange Interviews zu führen und diese ohne verbalen Kommentar ebenso lebendig wie erhellend miteinander zu kombinieren und zu kontrastieren.
Zwischen den späten sechziger und den frühen achtziger Jahren, der Hauptzeit von Fechners Wirken als Filmemacher, besaßen die wenigen westdeutschen Fernsehprogramme nicht nur eine enorme Reichweite und starken Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in der Bundesrepublik, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nahmen ihren Kultur- und Bildungsauftrag auch sehr ernst. Im Zuge des allgemeinen gesellschaftlichen Aufbruchs, zu dem auch eine gewisse Experimentierfreude gehörte, konnte Fechner mehrstündige Filme schaffen, die in ihrer formalen Stringenz, aber auch in ihrem Appell an die geistige Mitarbeit der Menschen vor den Bildschirmen heute kaum mehr denkbar wären.
Zu seiner Zeit als einer der bedeutendsten TV-Regisseure Deutschlands gefeiert, droht der am 7. August 1992 Verstorbene inzwischen in Vergessenheit zu geraten, zumal sich das Fernsehen wenig für die eigene Geschichte interessiert und Fechners einst vielbeachtete Arbeiten kaum mehr zu sehen sind. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags laden das Zeughauskino und die Deutsche Kinemathek, dessen Fernsehsammlung auch auf eine Initiative Eberhard Fechners zurückgeht, deshalb dazu ein, das Werk Fechners wieder- und neuzuentdecken.
Der Eintritt zu allen Veranstaltungen der Werkschau ist frei.
Jan Gympel









