Die Bilderwelten des Jonatan Briel
Im US-amerikanischen Kino-Branchenblatt Variety war 1982 zu lesen, nur wenige deutsche Regisseure seien in der Lage, mit Pathos umzugehen, unter ihnen Jonatan Briel: „Indeed, he is the best“. Von Glutmensch (1975) war der Rezensent besonders begeistert, einem Film über den Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel, erzählt in einer komplexen Rückblendenstruktur mit farbenprächtig viragierten Stumm- und Experimentalfilmreferenzen, queerer Camp-Ästhetik und bildgewaltigen Horrorvisionen. Es ist Briels letzter realisierter Film in einem so schmalen wie singulären Werk.
Geboren wird Jonatan Briel am 9. Juni 1942 als Karl Dieter Briel. Im Alter von nur 46 Jahren verstirbt er am 26. Dezember 1988 in Berlin an den Folgen einer AIDS-Erkrankung. In Holzminden, seiner Heimatstadt, gründet Briel bereits 1960 einen Jugendfilmclub und zeigt in der niedersächsischen Provinz internationale Filmkunst. Geprägt von diesen Kinobildern bewirbt er sich 1966 als einer der ersten erfolgreich an der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), wo er drei Jahre später sein Studium mit dem Kleist-Film Wie zwei fröhliche Luftschiffer abschließt. Der präzise inszenierte und in kühlen Schwarz-Weiß-Bildern fotografierte Reigen verbindet die letzten Tage Heinrich von Kleists mit der Gegenwart des Jahres 1968. Der Film läuft erfolgreich auf in- und ausländischen Festivals und wird ans Fernsehen verkauft. Innerhalb eines Jahres entstehen drei weitere nicht minder experimentelle Arbeiten für das Kleine Fernsehspiel des ZDF: Berlin, Berlin, Berlin (1970), Jonatan Briel’s Lenz: eine deutsche Physiognomik (1971) und Tago Mago (1971). Währenddessen arbeitet Briel bereits an einer mit dem Kleist-Film begonnenen „Deutschen Trilogie“, die Friedrich Hebbel und Friedrich Hölderlin als zwei Literaten mit tabuisierten, unterdrückten oder verdrängten homosexuellen Gefühlen versteht. Im Gegensatz zum überbordenden Farbenfilm Glutmensch soll mit dem Projekt „Untertänigst Scardanelli“ ein Film des Lichts entstehen, mit „Hölderlin als romantischem Idol für die Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll Generation“ (Briel). Im Anschluss an seine vorherigen Filme beabsichtigt Briel erneut eine visuell spektakulär gestaltete Verbindung von klassischer Literatur mit relevanten Themen für das Heute. Doch das Vorhaben bleibt ebenso unverfilmt wie das Treatment zu „Das Geheimnis“ und das Drehbuch „Die doppelte Fremde“, zwei Projekte, die zeitgenössische queere Sujets erzählen sollen.
Die Retrospektive Die Bilderwelten des Jonatan Briel versteht sich als umfassende Werkschau. Neben fertiggestellten Filmen berücksichtigt sie in Lesungen und Gesprächen unrealisierte Projekte wie auch Hörspiele, die Briel in den 1980er Jahren aufnahm. Darüber hinaus folgt die Reihe kinematographischen Einflüssen und persönlichen Spuren wie der Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem DFFB-Kommilitonen und Kameramann Skip Norman.
Weitere Filmvorführungen finden vom 30.08. bis 18.10.2026 im Bundesplatz-Kino statt, in dessen Foyer Werk- und Porträtfotos zu sehen sind. Begleitend zu Filmreihe und Ausstellung erscheint bei SYNEMA (Wien) die Publikation Die Bilderwelten des Jonatan Briel. Das von Frederik Lang, Maja Roth und Thomas Keller kuratierte Gesamtprojekt findet in Kooperation mit der Deutschen Kinemathek statt und wird vom Hauptstadtkulturfonds gefördert.
Frederik Lang, Maja Roth












