Direkt zum Seiteninhalt springen

Wenn sie noch leben würde, wäre Marilyn Monroe heute 100 Jahre alt. Wahrscheinlich wäre aus ihrem schönen ein schönes, faltiges Gesicht geworden, ihr eindrücklich proportionierter, telegener Körper wäre ein bisschen eingeschrumpft, das Haar würde nicht mehr wasserstoffblond, sondern in stolzem Weiß leuchten. 

Vielleicht hätte sie ein paar weitere Ehen hinter sich gebracht, oder würde noch mitten in einer Beziehung stecken. Sie wollte immer Kinder, vielleicht wäre ihr Wunsch in Erfüllung gegangen – als Monroe im Jahr 1962 an einer Überdosis Medikamente starb, war sie erst 36 Jahre alt.

Spannender als Mutmaßungen über ihr persönliches Leben ist jedoch die Frage, welche Rollen sie noch gespielt hätte: Wäre sie irgendwann über die Showgirls, die „Bombshells“, die (nach reichen Männern schürfenden) Goldgräberinnen, die „Ingenues“, die naiven, unbewusst attraktiven Verführerinnen hinweggekommen? Hätte sie, vielleicht im Rahmen der zweiten Welle der Frauenbewegung Ende der 60er Jahre, weiter nach Selbstermächtigung gestrebt, nach künstlerischer Selbstbestimmung? Wäre sie auf (weibliche) solidarische Gleichgesinnte gestoßen, auf Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Kamerafrauen, Produzentinnen, die einen anderen Blick auf sie offenbaren, ihren Figuren eigene Entwicklungen zugestehen, Motivationen und Erzählstränge, die über das Finden des „Richtigen“ hinausgehen? Wäre sie dem begehrlichen male gaze, der männlichen Einschränkung ihres Handlungsradius‘ entkommen?

Einige ihrer Filme gingen in diese Richtung: In Bus Stop und The Prince and the Showgirl, beide (Co-)Produktionen ihrer eigenen, kurzlebigen Firma, gibt es verhältnismäßig wenige klassische Blicke auf ihren Körper, in letzterem bewahrt sie ein Land gar vor einem politischen Eklat. How to Marry a Millionaire, Misfits und River of No Return bestehen (knapp) den Bechdel-Test, der die Repräsentation von Frauen in Filmen bewertet. Nebenrollen wie in Clash by Night oder All about Eve zeigen selbstbewusste, oder immerhin fatalistische, weibliche Figuren; das heute in Vergessenheit geratene B-Movie Ladies of the Chorus, Monroes frühe erste Hauptrolle, präsentiert eine warmherzige Mutter-Tochter-Beziehung und eine Marilyn, die beim Singen noch nicht haucht, sondern bluesig vibriert. Gentlemen Prefer Blondes lädt zum Queer Reading ein und bietet einen female gaze auf muskulöse Männer in knappen Höschen; durch Niagara und Don’t Bother to Knock spielt sich Monroe mit einem Höchstmaß an psychologischem Einfühlungsvermögen. Daneben lohnen sich natürlich auch die erfolgreichen, timingfest inszenierten (und gespielten) Komödien Some Like it Hot und The Seven Year Itch – selbst wenn ihrer Figur in letzterem nicht mal ein Name zugestanden wird, und es sich bei diesem Film um den wohl bekanntesten Fall von Upskirting handelt.

Das Unter-den-Rock-Spannen und damit nicht konsensuelle Sexualisieren einer nichtsahnenden Frau ist mittlerweile übrigens fast überall strafbar. Es hat sich eben doch einiges geändert. Schade, dass Marilyn Monroe das nicht mitbekommen hat. Jenni Zylka

Jenni Zylka ist Schriftstellerin, Kuratorin, Journalistin und Autorin des 2026 im Reclam Verlag erschienenen Buches Marilyn Monroe. 100 Seiten.