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Der Ausgangspunkt dieser Filmreihe zur Landwirtschaft im Film ist die wiederkehrende Nahaufnahme einer geöffneten Handfläche, auf der vereinzelte Getreidesamen liegen. Es ist ein scheinbar simples Bild, aber verbleibt man mit ihm, zeigt sich nach und nach die ganze Kraft und Zerbrechlichkeit unseres Daseins auf und mit der Erde. Dieses Bild eint die meisten Filme der Retrospektive, die sich entlang einiger Lebenslinien mit bäuerlicher Kultur und Arbeit beschäftigt. Die Filme beschäftigen sich mit geschichtspolitischen Abrissen agrokultureller Transformationen, aber noch mehr verhandeln sie moralische Grundsätze des globalen Lebens mit Natur und Tieren. Schließlich geht es um Grundbedingungen unserer Existenz: Nahrung, Kapital und Arbeit.

In Zeiten eines notwendigen Strukturwandels rückt die Landwirtschaft wieder einmal in ein neues Licht. Seit jeher gilt das für sämtliche große politische Debatten. Egal ob von Links oder von Rechts, die Erde wurde immer von allen beansprucht. Die Filmgeschichte gibt Aufschluss darüber, woher die Landwirtschaft kommt, was sie braucht und wie sie sich in das Verhältnis von Mensch und Natur eingeschrieben hat. Die im Vergleich ungleich kürzere Geschichte des Kinos begleitet die Landwirtschaft seit der beginnenden Industrialisierung. Zwar verweisen einige Filme dezidiert auf vorindustrielle Formen der Landwirtschaft, die Fragen sind aber auch dort die gleichen: Wie kann man der ungerechten Verteilung von Gütern, Land und Arbeit entkommen? Wie behandelt man die Erde mit der erforderten Demut?

Dass man der Einstellung der geöffneten Hand so oft begegnet, verweist bereits darauf, dass das Kino, unabhängig davon, ob es sich dokumentarischer oder fiktionaler Strategien bedient, einige Urbilder für dieses Verhältnis gefunden hat. Dazu zählen auch geometrische Totalen von bewirtschafteten Feldern, Nahaufnahmen von Motoren sowie das Bild fließendes Wassers oder gemolkener Milch. Zumeist erzählen die Filme von Konflikten zwischen Tradition und Moderne. Es geht um den steten Überlebenskampf der Bäuerinnen und Bauern im Angesicht der unberechenbaren Natur und der zynischen Politik.

Gleichzeitig verweigern die Filme einfache Narrative und lassen sich immer wieder vom sinnlichen Bewegungskino hinfortreißen. Blühende Pflanzen, rennende Ziegen und durch die Äcker pflügende Maschinen erzeugen eine ganz eigene, lyrische Ästhetik. Diese wird in vielen Filmen von einem ethnographischen Interesse begleitet. Da die traditionelle Landwirtschaft mit Beginn der Kinogeschichte aufs Abstellgleis geriet, haben die Filme immer auch verschwindende Tätigkeiten, Bräuche, entlegene Orte oder volkstümliche Lieder dokumentiert und damit festgehalten. Die Filme sind auch Zeugen einer Welt, die es so nicht mehr gibt.

So wie die Erdbestellung, vermag sich auch das Kino in die Landschaft einzuschreiben. Als zeitliches Medium ist es wie kein anderes dazu geeignet, die zyklischen Abläufe der Natur zu registrieren und eine, für die von der Landwirtschaft lebenden Menschen so wichtige, Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. Nicht umsonst tauchen in dieser Filmreihe auch unzählige Kinder auf. Auch sie sind eine Saat in der Handfläche. Die Körner rinnen durch die Finger. Die Frage ist, ob sie noch wachsen, wenn sie auf den Boden fallen. (ph)