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Takahisa Zeze ist einer der profiliertesten und produktivsten japanischen Filmemacher der Gegenwart. Mehr als 60 Werke konnte der Regisseur seit Ende der 1980er-Jahre realisieren – darunter Blockbuster wie die für Warner Bros. Japan produzierte actiongeladene Superhelden-Variation Sutoreiyâzu kuronikuru (Strayer’s Chronicle, 2015).

Zezes Wurzeln liegen jedoch im Bereich des Pinku eigas, bei kostengünstig von kleinen Independent-Studios produzierten Kino-Erotikfilmen, die spektakulär körperliche Schauwerte apostrophieren. Der mit politisch engagiertem Protestkino sozialisierte Regisseur nutzte den künstlerischen Spielraum dieses singulären Produktionskontexts auf besonders ambitionierte Weise und lenkte in den Neunzigerjahren mit seinen nonkonformistischen Punk-Miniaturen verstärktes Interesse zurück auf ein Segment der japanischen Kinokultur, dessen kreative wie kommerzielle Hochphase eigentlich schon als beendet galt.

Der Erfolg von Zezes faszinierenden Pinkfilm-Beiträgen ermöglichte es ihm bald, sich auch in anderen Bereichen zu verwirklichen. Spätestens mit dem komplex erzählten Geister-Horror Kokkuri-san (1997) diversifizierte sich das Werk; im Laufe der Jahre folgten starbesetzte, hochbudgetierte Großproduktionen, die Zeze in Japan endgültig einem Massenpublikum bekannt machten.

Takahisa Zezes Filmographie geht jedoch in keiner klaren Phasen-Chronologie auf. Immer wieder zieht es den Regisseur zu seinen Pinku eiga-Anfängen und extravagant-verschrobenen Werken zurück, die zeitgeschichtliche Verweise und philosophische Episoden in spekulative Erotikfilm-Settings integrieren. Die Konstanz, mit der er in etablierten Produktionsarrangements reüssiert, erlaubt es ihm zudem immer häufiger, unabhängig realisierte, persönliche Projekte zu verwirklichen, die auf besondere Weise erzählökonomische Erfordernisse des Mainstream-Kinos und generische Erwartungshaltungen unterlaufen - darunter das 278 Minuten lange Ensemble-Rachedrama Hevunzu sutôrîdas (Heaven‘s Story, 2010) und das avancierte Historienepos Kiku to Guillotine. Onnazumō to Anarchist (The Chrysanthenum and the Guillotine, 2018), das von Frauenemanzipation und anarchistischen Revolutionsbestrebungen in der Zeit nach dem verheerenden Kantō-Erdbeben von 1923 erzählt.

Trotz des Facettenreichtums gibt es klare Verbindungslinien, die das Werk quer über verschiedene Auswertungsbereiche zusammenhalten, und die Neuentdeckung von Zezes Œuvre umso spannender gestalten. Seit dem drastischen Debüt-Langfilm Kagai jugyō: Bōkō (Go to Haneda and You Will See Kids Dressed like Pirates Ready to Depart, 1989), der die Ausgrenzung ethnischer Minderheiten in Japan auf die Agenda setzt, gilt Zezes Interesse vor allem grenzgängerischen Figuren und den begrenzenden Milieus, in die sie eingepflanzt sind. Japanische Geschichte erzählt er konsequent von den gesellschaftlichen Rändern aus und mit Vorliebe für allegorisch aufgeladene Landschaften, deren Abgelegenheit und transitorischer Charakter mit den Identitätskrisen und der sozialen Isolation seiner Filmfiguren korrespondieren.

Außerhalb seines Heimatlandes sind Zezes transgressive Gegengeschichten immer noch kaum bekannt. Zwar waren einige wenige seiner Filme auf renommierten europäischen Festivals zu sehen. Reguläre Kinostarts erhalten seine Arbeiten außerhalb Japans jedoch nicht und auch als DVD- oder Blu-Ray-Veröffentlichungen sind sie in untertitelten Fassungen kaum greifbar.

Die von Christian Lenz kuratierte und vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Retrospektive Terror und Transgression im Niemandsland stellt das Spielfilm-Werk eines der faszinierendsten Regisseure der Gegenwart erstmals in seiner ganzen Breite vor und präsentiert 18 Arbeiten aus den Jahren 1989 bis 2021 - viele davon als deutsche und europäische Kinopremieren. Wir danken Isabelle Mathes für die Untertitelung einiger Filme der Retrospektive sowie Sakaguchi Kazunao und dem National Film Archive of Japan.

 Alle Filme laufen im japanischen Originalton und entweder mit englischen (OmeU) oder deutschen (Omu) Untertiteln. Bitte beachten Sie diesbezüglich die Angaben auf den jeweiligen Filmseiten.