Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung
Ab dem 8. Mai 2026 im Deutschen Historischen Museum
Ein Königsberger Brettspielkasten aus Bernstein von 1607, der Morgenrock der Königin Luise von 1806, das Plakat zur Ausstellung „40 Jahre DDR“ in Ost-Berlin oder das Stockbett aus einer Unterkunft für Geflüchtete in Kassel von 2015 – die Sammlung des Deutschen Historischen Museums umfasst etwa eine Million Objekte deutscher Geschichte. Vom 8. Mai 2026 bis 31. Oktober 2027 präsentiert das DHM eine Auswahl von rund 200 teilweise noch nie gezeigten Beständen, überraschenden Funden und Neuzugängen. Die Ausstellung „Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung“ gibt im Pei-Bau Einblicke in die Praxis des Sammelns und befragt die vorgestellten Exponate nach ihrer Herkunft und Bedeutung.
Im ersten Teil der Ausstellung widmet sich der Kurator und Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik Wolfgang Cortjaens der Sammlung des DHM als solcher, die im Verlauf ihres 150-jährigen Bestehens selbst zu einem historischen Zeugnis geworden ist. Der Ausstellungsrundgang folgt fünf prägenden Epochen der wechselvollen Hausgeschichte zwischen 1883 und 2006: Als repräsentatives Waffenarsenal der preußischen Könige im frühen 18. Jahrhundert errichtet, befand sich ab 1883 die „Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee“ im Zeughaus. Zu seiner weiteren Geschichte gehört im 20. Jahrhundert die Beanspruchung zunächst durch das nationalsozialistische Regime als Heeresmuseum und ab 1952 die Rolle als zentrales sozialistisches Geschichtsmuseum der DDR, dem Museum für deutsche Geschichte. Mit der Wiedervereinigung 1990 übernahm das drei Jahre zuvor in West-Berlin gegründete Deutsche Historische Museum das Zeughaus und seine Sammlungen. Seit 2003 erweitert die postmoderne Ausstellungshalle des chinesisch-amerikanischen Architekten I. M. Pei den barocken Bau.
In diesem Teil der Ausstellung sind Objekte und Konvolute zu sehen, die stellvertretend für den Sammlungsschwerpunkt und das Geschichtsbild der jeweiligen Epoche stehen: Ob ein Uniformrock der preußischen Infanterie, eine japanische Samurai-Rüstung, die als Geschenk der Kaiserlichen Militärischen Reservisten-Vereinigung an Adolf Hitler gelangte, ein sozialistischer Tischschmuck als Staatsgeschenk aus Nordvietnam an die DDR oder der Erstdruck der deutschsprachigen Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika – Exponate hatten immer auch eine politische Bedeutung. Die Praxis des Sammelns war zu keiner Zeit beliebig.
Die Sammlungsschau betrachtet Geschichte unter einem besonderen Blickwinkel: Geschichte wird zumeist als Abfolge und Veränderung in der Zeit verstanden. Sie erzählt aber auch vom Wandel im Raum. Im zweiten Teil der Ausstellung rücken deshalb Orte, Schauplätze und Regionen in den Fokus. Ausgewählte Objektgeschichten erzählen von umkämpften Herrschaftsräumen, von globalem Handel, Kolonisierung und der Erschließung neuer Räume ebenso wie von verschwundenen Orten, von Grenzen, Flucht und Exil. Der Rundgang folgt dabei keiner strikten Chronologie, sondern stellt unterschiedliche Epochen in ein Spannungsverhältnis zueinander.
Zu den präsentierten Exponaten der Sammlung zählen herausragende Kunstkammerobjekte wie ein „Gästebuch aus Glas“ – der mit 30 Namen, Jahreszahlen und Devisen gravierte Willkomm-Becher der Grafen Oettingen, ein einzigartiges Zeugnis der Religionswirren im Zuge der Reformation. Eine auf Pergament gedruckte zweibändige Lutherbibel von 1535 zeugt von den Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten und verweist gleichzeitig auf territoriale Ansprüche. Ein kostbarer Brettspielkasten für Mühle, Schach und Tric Trac, gefertigt 1607 für die englische Königsgemahlin Anna von Dänemark, illustriert die dynastischen und wirtschaftlichen Verflechtungen im Ostseeraum. Ein äußerst seltenes, mit figürlichen Szenen graviertes Straußenei erzählt vom Ringen um die Vormacht im globalen Handel des 17. Jahrhunderts, das aufs Engste mit dem Kolonialismus in der Frühen Neuzeit verknüpft war.
Schweres Arbeitsgerät und die Ausrüstung eines Bergmanns der Zeche Prosper Haniel in Bottrop, die 2018 als letztes aktives Steinkohlebergwerk in Deutschland ihre Tore schloss, stehen für den Wandel eines Industriezweiges wie einer ganzen Region. Das Medium Fotografie ist mit einer Sammlung rarer Vintage-Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert vertreten, auf denen Wandergesellen und -gesellinnen die Rituale der Walz als subversiven Gegenentwurf zur angepassten Bürgerlichkeit zelebrierten.
Die Ausstellung schließt mit zwei Objektgeschichten, die gegensätzlicher nicht sein könnten und dennoch beide von Fluchtbewegungen und „Objektmigrationen“ erzählen: ein komplettes Biedermeier-Interieur, das seit der Flucht seines Vorbesitzers während des Zweiten Weltkrieges eine wechselvolle Odyssee erlebte, um schließlich 2023 – nur wenige 100 Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt – nach Berlin zurückzukehren, und ein zum Etagenbett umgerüstetes IKEA-Bettgestell aus einer 2015 eingerichteten Kasseler Unterkunft für Geflüchtete – versehen mit Kinderzeichnungen, die von der lebensgefährlichen Flucht per Boot zeugen.
Die Ausstellung ist inklusiv und weitgehend barrierefrei gestaltet. Anhand eines kartografischen Leitsystems lassen sich Herkunft und Wanderbewegungen ausgewählter Objekte und Konvolute anschaulich verfolgen. In Interviews kommen Zeitzeugen und Wissenschaftlerinnen der Abteilung Sammlungen zu Wort. Mediale Vertiefungsstationen, inklusive Stationen sowie eine Hörführung auf Deutsch und Englisch ergänzen den Rundgang. Ein Begleitprogramm vertieft und ergänzt während der Laufzeit die Themen der Ausstellung. Im Juni 2026 erscheint im Deutschen Kunstverlag der Tagungsband „Spielerische Allianzen. Bernsteinpolitik und höfische Kultur in der Frühen Neuzeit“, der sich einem der gezeigten Objekte – dem Brettspielkasten für Mühle, Schach und Tric Trac – widmen wird.
Pressetermin: Mittwoch, 6. Mai 2026, 11 Uhr, EG, Pei-Bau
Erste hochauflösende Pressefotos stehen im Pressebereich der DHM-Website zur Verfügung.

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