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Komponist und Theaterreformer, Hofkapellmeister und Festspielgründer, Revolutionär und Exilant, Unternehmer und Kapitalismuskritiker, Schuldner und Antisemit: Richard Wagner hat das 19. Jahrhundert in ganz unterschiedlichen Positionen miterlebt und geprägt – mit Folgen bis in die Gegenwart. Das Deutsche Historische Museum zeigt Wagner nicht nur als Zeugen und Kritiker der politischen und sozialen Umbrüche seiner Zeit, sondern als umstrittenen Künstler, der gesellschaftliche Befindlichkeiten strategisch in seinem Werk aufzugreifen und als „Deutschtum” zu inszenieren wusste. Bis heute wird heftig debattiert, inwieweit Wagners ausgeprägter Antisemitismus sein Werk und seine Kritik an der Moderne mit ausmacht.
 
In der Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl” (8. April bis 11. September 2022) wird Wagner als überaus erfolgreicher Gefühlstechniker sichtbar, der in einer zunehmend kommerzialisierten Welt den gesellschaftlichen Stellenwert der Kunst und des Künstlers neu verortete. Sein Aufstieg wäre ohne einen modernen kapitalistischen Kunst- und Musikmarkt nicht denkbar gewesen. Dafür entwickelte er Vermarktungsstrategien, in denen Emotionen eine wesentliche Rolle spielten. Seine Vorstellungen vom Musikdrama als Gesamtkunstwerk waren auch eine Kritik an der Moderne und damit von dem Anspruch geprägt, die Gesellschaft als Ganzes zu verändern.
 
Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum: „Das DHM beschäftigt sich in diesem Jahr mit zwei deutschen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts: den Zeitgenossen Karl Marx und Richard Wagner. Ihre Werke prägten das 19., 20. und anhaltend auch das 21. Jahrhundert. Und beide wurden von politisch entgegengesetzten Lagern zu Ikonen erhoben: Marx von links und Wagner von rechts. Die Ausstellung zu Wagner behandelt nicht nur den Musiker: Uns interessiert auch, wie er als Autor deutsches Nationalgefühl erzeugte und inwiefern dieses in Verbindung mit seinem Antisemitismus stand.”
 
Kurator Michael P. Steinberg: „,Richard Wagner und das deutsche Gefühl` bietet dem großen Museumspublikum die Gelegenheit, einen ,deep dive` in die Ursprünge der Moderne zu unternehmen. Wagners Kunst und Denken sind wesentlich für die Erfindung eines Mythos der Moderne – auf der einen Seite der Trieb ins Neue, auf der anderen Seite die Lust an der Wiederkehr zum Ursprung selbst. Durch diese Polarität – diese Auseinandersetzung – von Moderne und Antimoderne bleibt Wagner eine Schlüsselfigur unserer Zeit.”
 
Wagner und die Nationalisierung von Gefühlen
 
Ausgehend von der starken Polarisierung, die Richard Wagner bis heute auslöst, setzt die Ausstellung sein Leben und Werk in Bezug zu den Strömungen und Stimmungen seiner Epoche. Sie rückt vier Grundgefühle des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt, die als treibende Kräfte die Zeitumstände wie auch Wagners Vorstellungen prägten: Entfremdung und Zugehörigkeit, Eros und Ekel. In einem Prolog, vier Kapiteln und einem Epilog zu Wagners Wirkungsgeschichte geht die Ausstellung der Frage nach, wie Wagner gesellschaftliche Gefühlszustände wahrnahm und künstlerisch auf diese reagierte: Welche Gefühle inszenierte und konstruierte er? Wie lehrte er sein Publikum zu fühlen und – in seinen späteren Werken– sich deutsch zu fühlen? Und welche Rolle spielten seine Schriften in diesem Prozess?
 
Während Karl Marx das Thema der Entfremdung zur Grundlage seiner Gesellschafts- und Ökonomiekritik machte, interessierte sich Wagner für das entfremdete Individuum und besonders die Figur des Künstlers: In seiner Schrift „Die Kunst und die Revolution“ (1849) leitet er aus der Erfahrung der Entfremdung den Willen zu radikaler ästhetischer und politischer Erneuerung ab. Sein künstlerisches Schaffen steht besonders im Kontext der nach der Reichsgründung in Politik, Wissenschaft und Kunst allgegenwärtigen Suche nach einer deutschen Identität. Auch deshalb gewann in Wagners Werk die Frage, wer dazu gehören solle und wer nicht, an Bedeutung. Die Ausstellung veranschaulicht, wie das spezifisch „Deutsche” in Wagners Schaffen zur Marke und gemeinschaftlich erlebte Gefühlsinszenierungen von „Volk” und „Nation”, insbesondere bei seiner Gründung der Bayreuther Festspiele, zum Maßstab wurden. Die verschiedenen Versionen seiner Schrift „Das Judenthum in der Musik” aus den Jahren 1850 und 1869 veranschaulichen, dass Wagners ausgeprägter Antisemitismus und sein Nationalismus eng verbunden waren.
 
Dem Thema widmet sich auch die eigens vom Chefregisseur und Intendanten der Komischen Oper Berlin Barrie Kosky geschaffene Installation „Schwarzalbenreich“: In der Dunkelheit eines Raums im Raum vermischt eine Klangcollage ins Jiddische übertragene, antisemitische Wagner-Zitate mit Passagen der antisemitisch überzeichneten Figuren Alberich und Mime aus „Der Ring des Nibelungen” und Beckmesser aus „Die Meistersinger von Nürnberg“ sowie mit synagogalem Gesang.
 
Die Ausstellung präsentiert neben teils selten gezeigten Originalobjekten aus der DHM-Sammlung hochkarätige Leihgaben aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Persönliche Aufzeichnungen und Gegenstände Wagners, Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen, Requisiten, Manuskripte und Partituren setzen Wagners Denken und Schaffen in Beziehung zu verschiedenen Ereignissen des 19. Jahrhunderts. In jedem Kapitel laden Inszenierungsausschnitte, Hörstationen und Kurzinterviews mit Wagner-Interpretin Waltraud Meier und Opernregisseur Stefan Herheim dazu ein, das jeweilige Grundgefühl in seinen Zeitbezügen wahrzunehmen. Zuletzt wirft der Epilog Schlaglichter auf das historisch wechselhafte deutsche Verhältnis zu Wagner: Die Ausstellung endet mit einer Reihe aktueller Stimmen zu seiner Bedeutung in der Gegenwart.
 
Im Verlag wbg Theiss erscheint eine begleitende Publikation in deutscher Sprache (272 Seiten mit ca. 120 farbigen Abbildungen). Das digitale DHM-Format MORE STORY führt auf Deutsch und Englisch in die Themen der Ausstellung ein und bietet darüber hinausführend zusätzliche Inhalte.
 
Karl Marx und Richard Wagner im Deutschen Historischen Museum
 
Parallel zur Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl” ist die Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus” (noch bis 21. August 2022) im DHM zu sehen: Sie zeigt Marx als scharfen Kritiker der Moderne und des Kapitalismus. Im Mittelpunkt stehen Themen, die auch heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben: religions- und gesellschaftskritische Kontroversen, Antisemitismus, Revolution und Gewalt, neue Technologien, Naturzerstörung, globale Wirtschaftskrisen sowie internationale Protest- und Emanzipations-bewegungen. Marx’ Historisierung verbindet die Ausstellung dadurch auch mit Fragen nach seiner Aktualität. Gleichzeitig wirft sie einen kritischen Blick auf die weltweite Rezeption seiner Theorien im 20. und 21. Jahrhundert.