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Zahlreiche renommierte Akteure des nationalsozialistischen Kunstbetriebs arbeiteten auch nach 1945 hauptberuflich als bildende Künstler in der Bundesrepublik: Sie produzierten Werke für den öffentlichen Raum, erhielten lukrative Aufträge von Staat, Wirtschaft und Kirche, lehrten an Kunstakademien, nahmen an Wettbewerben teil und waren in Ausstellungen vertreten. Ihre Gestaltungen von Standbildern, Reliefs und Gobelins auf Plätzen, an Fassaden und in Foyers prägen bis heute das Gesicht vieler Innenstädte. Dabei konnten sie auch von dem antimodernistischen Klima der ersten Nachkriegsjahrzehnte profitieren.

Das Deutsche Historische Museum nimmt ab dem 27. August 2021 die „Gottbegnadeten-Liste“ zum Ausgangspunkt für die Untersuchung dieses bislang weitgehend vernachlässigten Themas: die Nachkriegskarrieren „gottbegnadeter“ Künstler wie Arno Breker, Hermann Kaspar, Willy Meller, Paul Mathias Padua, Werner Peiner, Richard Scheibe und Adolf Wamper. Die Liste war im August 1944 im Auftrag von Adolf Hitler und Joseph Goebbels zusammengestellt worden: 378 Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen 114 Bildhauer und Maler, galten fortan als „unabkömmlich“ und blieben vom Front- und Arbeitseinsatz verschont.

Die Ausstellung „Die Liste der ,Gottbegnadeten`. Künstler des National-sozialismus in der Bundesrepublik” (27.8. – 5.12.2021) zeigt erstmals, wie präsent diese Akteure im öffentlichen Raum, aber auch in Einrichtungen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens waren. Dabei werden ihre Netzwerke, die Wahl der Bildthemen und die Rezeption ihrer Arbeiten ebenso in den Blick genommen wie die damit verbundene Frage nach Kontinuität und Anpassungsleistung. Parallel zur Ausstellung „documenta. Politik und Kunst“ (18.6.2021 – 9.1.2022) wird so die Vorstellung eines vermeintlich radikalen kunstpolitischen Neuanfangs in der jungen Bundesrepublik revidiert.

Prof. Dr. Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum: „Die Popularität der ,gottbegnadeten` bildenden Künstler und ihr visueller Beitrag zur NS-Ideologie waren immens. Auf den ersten Blick scheint ihre Verstrickung in den antisemitischen und antimodernistischen NS-Kunstbetrieb deshalb eine bruchlose Fortsetzung ihrer Karrieren nach 1945 auszuschließen. Umso überraschender der Befund unserer Ausstellung: noch immer sind zahlreiche Spuren im öffentlichen Raum präsent. Die Beschäftigung mit diesem Erbe ist eine noch heute anspruchsvolle Aufgabe.”

Skulpturen, Gemälde, Gobelins, Modelle, Zeichnungen, Fotografien, Film- und Tondokumente, Plakate, Originalpublikationen sowie TV- und Presseberichte zeigen auf zwei Etagen, wie ehemals „gottbegnadete” Maler und Bildhauer bis in die 1970er Jahre in der Bundesrepublik, aber auch in Österreich und vereinzelt in der DDR abseits der bedeutenden Museen hauptberuflich arbeiten konnten. Exemplarische Biografien und städtische Karrierenetzwerke belegen, wie weit die strukturellen Spielräume dabei reichten. Am Beispiel von Arbeiten wie Arno Brekers „Pallas Athene“ (1957) macht der Kurator Wolfgang Brauneis stilistische und ikonografische Eigenheiten, die Rahmenbedingungen ihrer Entstehung und ihre Rezeption deutlich: Mit seiner Wuppertaler Plastik verabschiedete sich Breker vorübergehend von der Monumentalität der Skulpturen, wie sie heute noch auf dem ehemaligen Berliner Reichssportfeld zu sehen sind. Gleichzeitig war das Motiv der Pallas Athene eine in der NS-Zeit populäre Darstellung. Den Auftrag verdankte Breker der Initiative des ebenfalls „gottbegnadeten“ Architekten Friedrich Hetzelt.

Um den Erwartungshaltungen öffentlicher Auftraggeber und dem Kunst-geschmack des breiten Publikums gerecht zu werden, erbrachten diese Künstler zum Teil erhebliche inhaltliche und formale Anpassungsleistungen an die politischen Systeme. Anders als bei Werken moderner Kunst gab es bei der Präsentation von gegenständlichen Arbeiten ehemals renommierter Künstler des Nationalsozialismus kaum Debatten oder Proteste. Eine Ausnahme ist Hermann Kaspars Gobelin „Die Frau Musica“ (1969) in der Nürnberger Meistersingerhalle: Das Geschenk des Bayerischen Staates an die Stadt Nürnberg führte über mehrere Jahre zu Diskussionen. Symbolträchtige Mahnmale wie Richard Scheibes „Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944“ (1953) im Berliner Bendlerblock oder Willy Mellers Skulptur „Die Trauernde“ (1962) vor dem ersten bundesrepublika-nischen NS-Dokumentationszentrum in Oberhausen sorgten dagegen kaum für kritische Stimmen. Auch Richard Eichlers antimodernistischer Bestseller „Könner Künstler Scharlatane“ aus dem Jahr 1960 belegt, dass weder die Künstler noch die Kunstauffassung des Nationalsozialismus nach 1945 verschwunden waren.

Als Bundespräsident Theodor Heuss 1955 die erste documenta eröffnete, konnten bildende Künstler des Nationalsozialismus schon deshalb nicht vertreten sein, weil ihre Karrieren und Werke mit dem dort propagierten Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik nicht vereinbar waren. Zahlreiche repräsentative Auftragsarbeiten zeigen allerdings, dass auch sie maßgeblich an das kulturpolitische Programm der Bundesrepublik gebunden waren. Nur zwei Monate vor der ersten documenta hatte Heuss den Kongresssaal des Deutschen Museums in München eröffnet. Dessen monumentales Wandmosaik hatte Hermann Kaspar, Chefausstatter der Reichskanzlei, 1935 begonnen und 1955 nach kriegsbedingten Unterbrechungen vollendet.

Die historisch-kritische Ausstellung führt mit einer geografischen Spurensuche zurück in die Gegenwart: Eine multimediale Präsentation dokumentiert am Ausstellungsende etwa 300 Arbeiten von Künstlern der „Gottbegnadeten-Liste“ in Deutschland und Österreich, die sowohl im Nationalsozialismus als auch nach 1945 entstanden und noch heute im öffentlichen Raum zu finden sind.

Die Ausstellung wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.

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