Direkt zum Seiteninhalt springen

Warum „die Juden“?

Jüdische Gemeinden gibt es bereits seit Jahrtausenden in Europa. Die jüdische Religionsgemeinschaft ist deutlich älter als das Christentum. Erst im Mittelalter setzte sich die christliche Religion als bestimmende Glaubensvorstellung in Europa durch.

Seitdem waren Jüdinnen und Juden für die christliche Mehrheitsbevölkerung lange Zeit die einzige sichtbare Minderheit. Das heißt sie unterschieden sich etwa im Glauben, in Sprache, Gesetzen und alltäglichen Ritualen. Immer wieder kam es zu Ausgrenzung und Gewalt gegen jüdische Menschen. Ab dem späten 18. Jahrhundert begann sich die Situation der jüdischen Bevölkerung langsam zu verändern. Trotz anhaltender Vorurteile erhielten Jüdinnen und Juden in einigen europäischen Ländern mehr Rechte. Die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs erklärte 1871 die Gleichstellung aller Religionen und Konfessionen in ganz Deutschland schließlich zum Gesetz.

Viele jüdische Menschen lebten im 19. Jahrhundert in ärmlichen Verhältnissen. Manchen boten die gesellschaftlichen Veränderungen aber auch Möglichkeiten zum sozialen und beruflichen Aufstieg. Sie leisteten wichtige Beiträge zum kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben in Deutschland und Europa. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft konnten sich das Verhältnis zur jüdischen Herkunft, politische Ansichten und Vorstellungen zur Zukunft des Judentums stark unterscheiden. „Die Juden“ als geschlossene und einheitliche Gruppe hat es so nie gegeben.

Unten kannst du einige bekannte deutsch-jüdische Persönlichkeiten aus dem 18. und 19 Jahrhundert kennenlernen. Beantworte die Fragen und finde heraus, wer am besten zu dir passt!

Neue Chancen und Rechte ermöglichten Jüdinnen und Juden in Europa eine stärkere Teilhabe an der Gesellschaft. Jüdisches Leben wurde sichtbarer und Kontakte mit der nichtjüdischen Bevölkerung nahmen zu. Diese Entwicklungen stießen auch auf Gegenreaktionen. Der Großteil der Mehrheitsgesellschaft lehnte eine Gleichberechtigung ab, weil sie den Verlust eigener Privilegien befürchtete. Der soziale Aufstieg jüdischer Familien führte zu Neid und Angst vor Konkurrenz. So entstanden neue Formen antijüdischen Denkens und Handelns. Ab dem späten 19. Jahrhundert tauchte dafür ein neuer Begriff auf: Antisemitismus.

Warum „die Deutschen“?

Im November 1918 hatte Deutschland den Ersten Weltkrieg endgültig verloren. In der nun folgenden Umbruchsphase nahm der Antisemitismus stark zu. Antisemitische Gruppen gewannen an Mitgliedern oder gründeten sich neu. Nach bekanntem Muster gaben sie der jüdischen Bevölkerung die Schuld am verlorenen Krieg und den folgenden Krisen: zunehmende politische Gewalt, Inflation und Arbeitslosigkeit. Vielen Deutschen waren diese Behauptungen willkommen. Die Schuldzuweisungen entlasteten sie von der eigenen Verantwortung für den Krieg und seine Folgen.

Besonders radikal in ihren antisemitischen Forderungen traten Adolf Hitler und seine Partei auf, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). Nach Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 gewann die Partei immer mehr an Unterstützung und Einfluss. Nicht alle Wählerinnen und Wähler teilten den radikalen Antisemitismus der NSDAP. Er war aber auch kein Hindernis, die Partei zu wählen. Die Bereitschaft, jüdische Menschen zu verteidigen, gab es kaum noch. Die meisten nichtjüdischen Deutschen reagierten gleichgültig auf die Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung.

Die „Dolchstoßlegende“

Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, verbreiteten vor allem das deutsche Militär und rechtsextreme Parteien die sogenannte „Dolchstoßlegende“. Sie besagte, dass Deutschland den Krieg nicht auf dem Schlachtfeld verloren habe, sondern von angeblichen inneren Feinden verraten worden sei. Zu den „Feinden“ gehörten nach dieser Erzählung demokratische Politikerinnen und Politiker sowie die jüdische Bevölkerung in Deutschland. Sie hätten, so das verwendete Sprachbild, der deutschen Armee einen „Dolchstoß von hinten“ versetzt.

Die Lüge von einem angeblichen Dolchstoß wälzte die Verantwortung für die Kriegsniederlage auf bestimmte Gruppen ab. Sie bot damit auch eine Rechtfertigung für Gewalt gegen diese Menschen. Auf der Postkarte unten erkennst du eine bildliche Darstellung der „Dolchstoßlegende“. Hinter den Markierungen findest du mehr Informationen. Achte besonders auf die Darstellung der als jüdisch gezeichneten Personen.

1933 – Antisemitismus wird Gesetz

Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, konnten sie auf eine lange Tradition antisemitischer Vorurteile und Bilder zurückgreifen. Im Unterschied zu früher bestimmte der Antisemitismus nun allerdings das Handeln der Regierung. Gewalt gegen jüdische Menschen wurde nicht nur geduldet, sondern ging ab 1933 aktiv vom deutschen Staat aus. Die Nationalsozialisten verfolgten jüdische Menschen gewaltsam. Gleichzeitig sorgten immer mehr Gesetze für eine schrittweise Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus allen Bereichen der Gesellschaft. Wer als Jude oder Jüdin zu gelten hatte, legte ab 1935 das „Reichsbürgergesetz“ fest. Das Gesetz war Teil der sogenannten Nürnberger Gesetze. Die nationalsozialistische Regierung bestimmte damit über die Identität von Menschen und nahm ihnen ihre Selbstbestimmung.

Zwischen 1933 und 1945 erließen deutsche Behörden fast täglich neue antisemitische Gesetze und Verordnungen. Auch zahlreiche Verbände, Organisationen und Vereine nahmen antisemitische Bestimmungen in ihre Satzungen auf. Sie beteiligten sich bewusst an der Ausgrenzung jüdischer Menschen.

Unten findest du Beispiele für Gesetze, Verordnungen und staatliche Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung. Ordne sie dem Gesellschaftsbereich zu, aus dem jüdische Menschen damit verdrängt werden sollten. Schiebe sie dafür auf die entsprechenden Ablagezonen. In manchen Fällen gibt es mehrere korrekte Lösungen.

Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung

Der radikale Antisemitismus der Nationalsozialisten und ihre zahllosen Maßnahmen zur Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung täuschen häufig über eine wichtige Tatsache hinweg: In Deutschland lebten nur wenige Jüdinnen und Juden. Bereits 1910 waren es mit 600 000 Bürgerinnen und Bürgern weniger als 1% der Bevölkerung. Insbesondere durch einen anhaltenden Geburtenrückgang sank die Zahl bis 1933 sogar weiter auf etwa 500 000 Menschen.

Die große Mehrheit der in der Shoah ermordeten Jüdinnen und Juden lebte nicht in Deutschland. Ihre Heimatländer wurden während des Zweiten Weltkriegs von Deutschland überfallen und besetzt. In diesen besetzten Gebieten ging die antisemitische Politik der Nationalsozialisten in einen industriellen Massenmord über. In ganz Europa ermordeten die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs jüdische Menschen durch Erschießungen, Vergasungen, Giftinjektionen oder katastrophale Lebensbedingungen in Ghettos, Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern.

Unten findest du eine interaktive Karte Europas im Jahr 1942. Sie enthält Informationen zu den von Deutschland besetzten Ländern im Zweiten Weltkrieg.

Orte der Shoah

Große jüdische Gemeinden gab es vor dem Zweiten Weltkrieg überwiegend in Ländern, die östlich von Deutschland lagen. Rund die Hälfte der in der Shoah ermordeten Jüdinnen und Juden lebte vor dem Zweiten Weltkrieg in Polen. In den besetzten Gebieten der Sowjetunion ermordeten die deutschen Besatzer etwa eine Million Jüdinnen und Juden. Die deutsche Armee führte in diesen Ländern einen brutalen Vernichtungskrieg, der sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung richtete. Gleichzeitig verschleppten die deutschen Besatzer jüdische Menschen aus anderen Ländern „in den Osten“, um sie dort zu ermorden.

Wie oben siehst du im Folgenden eine interaktive Karte Europas im Jahr 1942. Markiert sind wichtige Orte der Shoah. Hier ermordeten die Nationalsozialisten überwiegend, teils ausschließlich Jüdinnen und Juden oder entschieden über ihr Schicksal. An manchen Orten waren unter den Ermordeten auch Roma und Romnja, sowjetische Kriegsgefangene, politisch Verfolgte, Menschen mit Behinderung und Patientinnen und Patienten aus psychiatrischen Kliniken.

Die Karte bietet eine Übersicht über große und bekannte Orte der Shoah, an denen besonders viele Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Insgesamt stellt sie jedoch nur eine Auswahl dar. Weitere Tatorte gab es in allen von Deutschland besetzten Gebieten (s. Anwendung „Europa unter deutscher Besatzung“).

Sheindi Ehrenwald: Verfolgung

Sheindi Ehrenwald erlebte die Shoah als junges Mädchen. Bis zum Frühjahr 1944 lebte sie mit ihrer Familie in Galánta, das zwischen 1938 und 1945 zu Ungarn gehörte. Heute liegt die Kleinstadt in der Slowakei. Die Familie Ehrenwald war eine von vielen jüdischen Familien im damaligen Ungarn. Insgesamt lebten vor der Shoah etwa 800 000 Jüdinnen und Juden innerhalb der Landesgrenzen. Sie waren ungarische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Der Einmarsch deutscher Truppen in Ungarn im März 1944 hatte vor allem für die jüdische Bevölkerung im Land grausame Folgen.

Das Tagebuch von Sheindi Ehrenwald

Nach dem deutschen Einmarsch in Ungarn im März 1944, begann Sheindi Ehrenwald ein Tagebuch zu schreiben. Auf insgesamt 54 Seiten dokumentierte sie ihre persönlichen Erlebnisse bis zum Juni 1944. Genau in diesem Zeitraum wurde der Großteil der jüdischen Bevölkerung Ungarns in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und ermordet. Sheindi Ehrenwald überlebte. Ihr Tagebuch schrieb sie noch im Konzentrationslager auf Karteikarten ab und konnte es so unter großer Anstrengung und Gefahr retten. Die erhaltenen Blätter erzählen von Menschen, die nie aus den Lagern zurückkamen. Ohne diese Aufzeichnungen wären ihre Spuren und Geschichten verloren gegangen.

Ihr Tagebuch schrieb Sheindi Ehrenwald in ungarischer Sprache. In der folgenden Präsentation kannst du Abbildungen der originalen Tagebuchseiten sehen. Dazu findest du die deutschen Übersetzungen. Erfahre mehr über das Schicksal der Familie Ehrenwald und Sheindis Tagebuch.

Die Shoah fand an vielen Orten statt: in den Heimatorten der Jüdinnen und Juden, in Ghettos, Lagern oder auf den Wegen dazwischen. Sheindi Ehrenwald beschreibt in ihrem Tagebuch die Orte und Stationen ihrer Verfolgung. Unten kannst du versuchen, ihre Aufzeichnungen in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen.

Sheindi Ehrenwald: Weiterleben

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa und damit auch die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Dennoch starben auch in den Wochen und Monaten nach Kriegsende noch Zehntausende Jüdinnen und Juden an den Folgen von Haft und Zwangsarbeit. 

Wie viele Überlebende der Shoah kehrte Sheindi Ehrenwald zunächst in ihren Heimatort zurück. Die Rückkehr in ein „normales“ Leben war schwierig und von vielen Herausforderungen begleitet.

Widergutmachung?

Die Überlebenden der Shoah erfuhren nach dem Krieg kaum Verständnis für ihren Schmerz über das Erlebte. In Deutschland begriffen sich die meisten Menschen selbst als Opfer von Diktatur, Krieg und Vertreibung. Der Frage nach Schuld und Verantwortung stellten sich nur wenige.

Vor allem durch den Druck anderer Staaten kam es dennoch zögerlich zu Diskussionen um eine sogenannte Wiedergutmachung. Damit waren vor allem finanzielle Entschädigungen gemeint. In Westdeutschland verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland 1952 mit dem Luxemburger Abkommen erstmals zu Entschädigungszahlungen an den Staat Israel und jüdische Hilfsorganisationen. Zwischen 1958 und 1961 schloss die Bundesrepublik weitere Verträge mit europäischen Regierungen und stellte Geld zur Entschädigung der Shoah-Opfer in diesen Ländern zur Verfügung. In Ostdeutschland zahlte die DDR Kriegsreparationen an die Sowjetunion, verweigerte jedoch Zahlungen an den Staat Israel oder jüdische Organisationen. Als neu gegründeter Staat mit einer sozialistischen Staatsideologie betrachtete sich die Regierung der DDR als nicht verantwortlich für die Toten und Überlebenden der Shoah.

Insgesamt waren die Entschädigungszahlungen aus Deutschland sehr ungleich verteilt. Häufig gingen ihnen lange und schwierige Verhandlungen voraus. Viele Menschen starben, bevor sie Leistungen erhalten konnten. In der Bundesrepublik regelte ab 1956 das Bundesentschädigungsgesetz (BEG) die Frage nach Entschädigungszahlungen für Opfer des Nationalsozialismus einheitlich. Eine erste Fassung des BEG wurde schon 1953 verabschiedet. Nach diesen Gesetzen konnten Überlebende der Shoah und andere Opfer nationalsozialistischer Verfolgung in Deutschland Entschädigungen beantragen. In der folgenden Anwendung kannst du allerdings sehen, wie anstrengend und teils entwürdigend dieses Verfahren war.