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Er sei der schönste Mann des deutschen Films, war in den 1930er-Jahren über den Schauspieler Adolf Wohlbrück zu lesen. Niemand konnte sich einen weißen Seidenschal so elegant umwerfen wie er und niemand die ihn umschwärmenden Frauen so eiskalt abblitzen lassen. Diese Beispiele lassen bereits die Abgründe erahnen, die Wohlbrücks Ausdruckskunst eine Dekade später im britischen Kino auszeichnen sollten, ehe er in den 1950er-Jahren in jene Rollen „mit grauen Schläfen“ hineinalterte, auf die er sich schon 1934 in einem Interview in der Zeitschrift Filmwelt gefreut hatte.

Im Laufe seiner Karriere hat Wohlbrück in mehr als 50 Filmen mitgespielt, von denen im Zeughauskino – größtenteils als analoge Filmkopien – etwa die Hälfte gezeigt werden. Zahlreiche Vorführungen werden von Einführungsvorträgen begleitet. Referent*innen sind unter anderem Friedemann Beyer, Hannes Brühwiler, Oliver Hanley, Christoph Hochhäusler, Brigitte Mayr, Peter Nau, Michael Omasta, Daniela Sannwald und Elisabeth Streit.

Begleitend zu der von Frederik Lang kuratierten und vom Hauptstadtkulturfonds geförderten Retrospektive erscheint im Verlag Synema (Wien) die Publikation Wohlbrück & Walbrook.Schauspieler, Gentleman, Emigrant.

Adolf Wohlbrück – Star des Weimarer Kinos und in der NS-Zeit

Adolf Wohlbrück wird am 19.11.1896 in Wien in eine aus Preußen stammende Familie mit jahrhundertealter Schauspiel- und Zirkustradition hineingeboren. Seine ersten Theatererfahrungen macht er 1915 unter Max Reinhardt, in den 1920er-Jahren brilliert er an Bühnen in München, Dresden und Berlin. Der Stummfilm ist trotz einiger Nebenrollen nicht sein Metier, zum Hauptdarsteller und Star wird er erst im Weimarer Tonfilm. Er bleibt dies auch im nationalsozialistischen Kino – trotz seines unvollständig eingereichten Ariernachweises (nach NS-Gesetzgebung hätte Wohlbrück mindestens als „Vierteljude“ gegolten) und trotz seiner in Filmkreisen bekannten Homosexualität.  

Wohlbrück brilliert Mitte der 1930er-Jahre in Liebeskomödien und Krimis, später auch in Abenteuer- und Actionfilmen. Seine Paraderolle sind aber von Anfang an die eleganten und unterkühlten Liebhaber, die oft einem aristokratischen Milieu entstammen, allen voran der Kunstmaler Ferdinand von Heideneck in Willi Forsts Maskerade (1934). 1933 spielt Wohlbrück in der Travestie-Komödie Viktor und Viktoria „Londons berühmtesten Frauenkenner“ und ein Jahr später den Rechtsanwalt Brent in Die englische Heirat. Es sind Rollen, die seine zweite Karriere in Großbritannien erahnen lassen.  

Eine besondere Leinwandbeziehung verbindet Wohlbrück mit Renate Müller, mit der er vier gemeinsame Filme dreht, neben den beiden Reinhold-Schünzel-Komödien Viktor und Viktoria und Die englische Heirat auch den Johann-Strauss-Film Walzerkrieg(1933) sowie die Screwball-Komödie Allotria (1936) – kongenial unterstützt von Heinz Rühmann und Jenny Jugo. Doch auf Liebhaber und Komödien möchte sich Wohlbrück nicht festlegen lassen. Im Film Noir-Vorläufer Ich war Jack Mortimer (1935) wird er als desillusionierter Taxifahrer in eine düstere Mord-Geschichte hineingezogen und in Der Student von Prag (1935) muss er sich am expressionistischen Stummfilm messen lassen. Seine beiden letzten deutschsprachigen Vorkriegsfilme Der Kurier des Zaren (1936) und Port Arthur(1936) zeigen ihn schließlich als Abenteurer und Actionhelden.

Exil in Großbritannien

1937 nutzt der Star des deutschen (und nationalsozialistischen) Kinos die Gelegenheit eines Hollywood-Remakes von Der Kurier des Zaren, um seinen mittlerweile diskreditierten Vornamen Adolf loszuwerden: Wohlbrück nennt sich fortan Anton Walbrook und startet – was in jener Zeit nur wenigen emigrierten Schauspielern gelingt – eine internationale Karriere. Er debütiert als Queen Victorias Prinzgemahl Albert in Victoria the Great (1937) und das Publikum des Empire liegt ihm zu Füßen. Walbrooks Rollenspektrum diversifiziert sich, die Figuren werden abgründiger. In Gaslight (1940) darf er die Niedertracht und Bösartigkeit seiner Figur voll auskosten. Vor allem aber in der Zusammenarbeit mit Michael Powell und dem ebenfalls exilierten Emmerich Pressburger entstehen denkwürdige Meisterwerke des britischen Kinos wie The Life and Death of Colonel Blimp (1943) und The Red Shoes (1948), aber auch nicht minder interessante Arbeiten wie der Anti-Nazi-Film 49th Parallel (1941) oder der überdrehte Fledermaus-Farbenrausch Oh... Rosalinda!! (1955).

Nachkriegskino und Theater

Im europäischen Kino der Nachkriegszeit verkörpert Walbrook oftmals elegante, undurchsichtige Gentlemen, in La Ronde (1950) und L’Affaire Maurizius (1954), Adlige und Würdenträger in König für eine Nacht (1950), Lola Montez (1955) und Saint Joan (1957).

Allerdings ist Walbrook nur noch selten im Kino zu erleben, sondern seit Anfang der 1950er-Jahre vor allem auf den Bühnen in Düsseldorf, Hamburg, München, Berlin und London. Abgesehen von einigen wenigen Theateradaptionen für das Fernsehen – exemplarisch zeigen wir ihn an der Seite von Hildegard Knef in Laura
Seite 3(1962) – arbeitet Wohlbrück seit 1958 sogar ausschließlich für das Theater. Fast wäre er sogar, als er 1967 während einer Vorstellung in München auf der Bühne zusammenbricht, einen jener Tode gestorben, die für viele Schauspieler Traum und Albtraum zugleich sind. Wohlbrück erholt sich nicht mehr. Kurze Zeit später, am 9. August 1967, stirbt er am Starnberger See.