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Was verbindet koloniale und nationalsozialistische Gewalt? Worin unterscheiden sie sich? Und warum ist die mögliche Verwandtschaft beider Gewaltregime bis heute umstritten? Seit den 1930er Jahren wurden diese Fragen immer wieder gestellt: von antikolonialen Denkern, Publizisten, Politikerinnen, Historikern und Überlebenden des Holocaust. Ab dem 16. Oktober 2026 widmet sich die von Stephan Malinowski kuratierte Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ im Deutschen Historischen Museum somit einer Gegenüberstellung, die eine beinahe hundertjährige Geschichte hat und weit über die Geschichtswissenschaft hinausgeht. Die Ausstellung führt die fortdauernde Debatte um Ähnlichkeiten, Unterschiede und Gleichsetzung auf ihre historischen Ursprünge zurück. Damit möchte das Deutsche Historische Museum zu einer differenzierten Auseinandersetzung beitragen und es dem Publikum ermöglichen, die Vergleiche auf Basis historischer Fakten selbst zu beurteilen.

Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum: „Mit unserer Ausstellung unternehmen wir den Versuch, die Debatte über den Vergleich zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt historisch zu beleuchten. Wir wollen diese Debatte nicht entscheiden, sondern ihre Geschichte erzählen. Unsere Aufgabe als historisches Museum ist es, einen Raum zu schaffen, in dem historische Befunde ernst genommen werden – auch dann, wenn sie nicht eindeutig in ein politisches Narrativ passen. Die Ausstellung untersucht auch, wo sich tatsächlich empirisch nachweisbare Ähnlichkeiten zwischen beiden Gewaltregimen zeigen und wann der Vergleich vor allem als politisches Argument eingesetzt wurde.“

Stephan Malinowski, Kurator der Ausstellung: „Die Frage nach der Verwandtschaft kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt wurde von Tätern, antikolonialen Intellektuellen, Historikerinnen und Historikern höchst unterschiedlich beantwortet. In den vergangenen Jahren ist sie erneut ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Die Ausstellung greift diese Kontroverse auf, führt sie auf ihre historischen Kerne zurück und will damit die Urteilskraft der Besucherinnen und Besucher stärken.“

Geschichte der Vergleichsdebatten 

Ab Mitte der 1930er Jahre entstand in den intellektuellen Zentren der antikolonialen Bewegungen – von Kalkutta über Algier und Accra bis nach London, Paris und New York – die bis heute einflussreiche Vorstellung einer engen Verwandtschaft zweier historischer Gewaltregime, die sich in Zeit, Raum und Struktur deutlich voneinander unterscheiden: einerseits die über mehrere Jahrhunderte währende europäische Kolonialherrschaft und andererseits die knapp sechsjährige nationalsozialistische Herrschaft über Europa, in der Planung und Ausübung extremer Gewalt in radikaler Beschleunigung erfolgten. Faschistische Herrschaft in Europa erschien den antikolonialen Denkern als Fortsetzung kolonialer und rassistischer Gewalt mit anderen Mitteln – auch im Inneren Europas. Die international ausgerichtete Ausstellung erzählt die Geschichte dieses Vergleichs in einer erweiterten räumlichen und zeitlichen Perspektive: Sie stellt das nationalsozialistische Gewaltregime und den Holocaust historisch ins Zentrum und fragt nach deren kolonialen Referenzpunkten zwischen 1900 und 1960. 

Umstrittene Verwandtschaft: Fokus auf neun Sachthemen

Koloniale und nationalsozialistische Herrschaft fußten auf Gewalt, Ausbeutung und Vernichtung. Sie zeigen auf den ersten Blick zahlreiche Gemeinsamkeiten, bei näherer Betrachtung jedoch auch grundlegende Unterschiede. Schon die Frage, ob überhaupt eine Verwandtschaft zwischen beiden Gewaltregimen besteht, ist strittig. Erst recht umstritten waren und sind Gestalt und Grenzen ihrer Parallelen sowie die Frage, ob daraus Kontinuitäten oder gar Kausalitäten abzuleiten sind. Vor diesem Hintergrund bietet das DHM eine empirisch fundierte Annäherung an jene historischen Sachverhalte, die in beiden Herrschaftssystemen erkenntnisreich miteinander in Beziehung gesetzt werden können, ohne deshalb ineinander aufzugehen oder identisch zu sein.

Nach dem Prolog beschäftigt sich der erste von insgesamt neun Räumen mit der Frage, unter welchen Bedingungen antikoloniale Intellektuelle während der 1930er Jahre erstmals die These einer Verwandtschaft von Kolonialismus und Faschismus in Umlauf brachten. Der Überfall des faschistischen Italiens auf das Kaiserreich Abessinien im Oktober 1935 und die globalen Proteste gegen den äußerst brutal geführten kolonialen Eroberungskrieg bilden hierfür den Rahmen. 

Im weiteren Rundgang erschließt die Ausstellung auf 1.100 Quadratmetern eine Reihe von Sachthemen, die für beide Herrschaftssysteme zentral und Gegenstand wiederkehrender Debatten sind: Repression, Rassismus und Antisemitismus, Eroberung und Siedlung, Konzentrationslager, Kollaboration, Widerstand, Zwangsarbeit, industrielle Vernichtung sowie die (Un-)Sichtbarkeit extremer Gewalt. Dabei stellt die Schau historische Quellen zeitgenössischen wie späteren Deutungen gegenüber und untersucht die politische Verwendung solcher Parallelisierungen seit den 1930er Jahren. Im Epilog beleuchten aktuelle Videointerviews mit internationalen Historikerinnen und Historikern unterschiedliche Perspektiven auf das Verhältnis kolonialer und nationalsozialistischer Machtausübung: Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Kontinuitäten, Brüchen und Vergleichbarkeit.

Grenzen des historischen Vergleichs 

Historische Vergleiche helfen, Gewaltordnungen zu verstehen, Deutungen zu prüfen und strukturelle Ähnlichkeiten als auch grundlegende Unterschiede sichtbar zu machen. Sie können jedoch auch vereinfachen, relativieren oder vereinnahmt werden. Die Ausstellung macht deshalb auch Probleme und Grenzen des Vergleichs zum Thema. So zeigt die Ausstellung die systematische Ermordung der europäischen Juden nicht als Kulminationspunkt kolonialer Gewalttraditionen, sondern als deren deutlichste Überschreitung und als Zäsur innerhalb der europäischen Gewaltgeschichte. Die Ähnlichkeiten und Überschneidungen finden hier nicht ihren Höhepunkt, sondern ihr Ende. Der achte Raum der Ausstellung skizziert diese Deutung anhand einer selten beachteten Episode: der Deportation der jüdischen Bevölkerung von Rhodos im Sommer 1944. Ohne jede militärische und ökonomische Logik wurde sie per Schiff und in Zügen drei Wochen lang über mehr als 2.000 Kilometer Distanz transportiert, um nach ihrer Ankunft in Auschwitz mehrheitlich unmittelbar ermordet zu werden. Auch für die 1942 eingerichteten Vernichtungsstätten Bełżec, Sobibor und Treblinka, die ausschließlich der schnellen und effizienten Ermordung von Menschen dienten, lassen sich keine kolonialen Pendants erkennen. Der Ausstellungsraum ist deshalb der einzige ohne koloniales Gegenstück.

Die Ausstellung im Untergeschoss des Pei-Baus geht der historischen Vergleichsdebatte anhand von rund 580 Objekten aus der DHM-Sammlung sowie aus Museen und Archiven in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Namibia, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, der Schweiz, Spanien, Südafrika, Tschechien und den USA nach. Zu sehen sind unter anderem Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Postkarten, Bücher, Zeitschriften, Dokumente und historische Gegenstände. Film- und Hörstationen ergänzen die Ausstellungsthemen. Eine Hörführung auf Deutsch und Englisch bietet Hintergrundinformationen zur Ausstellung und zu ausgewählten Objekten. Begleitend erscheint im Wallstein Verlag eine reich bebilderte Publikation in deutscher und englischer Sprache mit wissenschaftlichen Beiträgen internationaler Expertinnen und Experten. Ein wissenschaftliches Begleitprogramm, ein Kinoprogramm sowie Führungs- und Vermittlungsangebote vertiefen und ergänzen während der Laufzeit die Themen der Ausstellung.

Ausführliche Presseinformationen und Bildmaterial stehen Ihnen im Pressebereich der DHM-Website zur Verfügung. 

Videointerviews mit DHM-Präsident Raphael Gross und Kurator Stephan Malinowski sowie weitere Beiträge zur Ausstellung finden Sie im DHM-Journal.