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Was verbindet koloniale und nationalsozialistische Gewalt? Worin unterscheiden sie sich? Und warum ist die mögliche Verwandtschaft beider Gewaltregime bis heute umstritten? Seit den 1930er Jahren wurden diese Fragen immer wieder gestellt: von antikolonialen Denkern, Publizisten, Politikerinnen, Historikern und Überlebenden des Holocaust. Ab dem 16. Oktober 2026 widmet sich die von Stephan Malinowski kuratierte Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ im Deutschen Historischen Museum somit einer Gegenüberstellung, die eine beinahe hundertjährige Geschichte hat und weit über die Geschichtswissenschaft hinausgeht. Als weltweit erste Ausstellung zu diesem Thema führt sie die Debatte um Ähnlichkeiten, Unterschiede und Gleichsetzung auf ihre historischen Ursprünge zurück. Damit möchte das DHM zu einer differenzierten Auseinandersetzung beitragen und es dem Publikum ermöglichen, die Vergleiche auf Basis historischer Fakten selbst zu beurteilen.

1900 bis 1960: Geschichte der Vergleichsdebatten 

Ab Mitte der 1930er Jahre entstand in den intellektuellen Zentren der antikolonialen Bewegungen – von Kalkutta über Algier und Accra bis nach London, Paris und New York – die bis heute einflussreiche Vorstellung einer engen Verwandtschaft zweier historischer Gewaltregime, die sich in Zeit, Raum und Struktur deutlich voneinander unterscheiden: einerseits die über mehrere Jahrhunderte währende europäische Kolonialherrschaft und andererseits die knapp sechsjährige nationalsozialistische Herrschaft über Europa, in der Planung und Ausübung extremer Gewalt in radikaler Beschleunigung erfolgten. Faschistische Herrschaft in Europa erschien den antikolonialen Denkern als Fortsetzung kolonialer und rassistischer Gewalt mit anderen Mitteln – auch im Inneren Europas. Die international ausgerichtete Ausstellung erzählt die Geschichte dieses Vergleichs in einer erweiterten räumlichen und zeitlichen Perspektive: Sie stellt das nationalsozialistische Gewaltregime und den Holocaust historisch ins Zentrum und fragt nach deren kolonialen Referenzpunkten zwischen 1900 und 1960.

Umstrittene Verwandtschaft: Fokus auf neun Sachthemen

Koloniale und nationalsozialistische Herrschaft fußten auf Gewalt, Ausbeutung und Vernichtung. Sie zeigen auf den ersten Blick zahlreiche Gemeinsamkeiten, bei näherer Betrachtung jedoch auch grundlegende Unterschiede. Schon die Frage, ob überhaupt eine Verwandtschaft zwischen beiden Gewaltregimen besteht, ist strittig. Erst recht umstritten waren und sind Gestalt und Grenzen ihrer Parallelen sowie die Frage, ob daraus Kontinuitäten oder gar Kausalitäten abzuleiten sind. Vor diesem Hintergrund bietet das DHM eine empirisch fundierte Annäherung an jene historischen Sachverhalte, die in beiden Herrschaftssystemen erkenntnisreich miteinander in Beziehung gesetzt werden können, ohne deshalb ineinander aufzugehen oder identisch zu sein.

Nach dem Prolog beschäftigt sich der erste von insgesamt neun Räumen mit der Frage, unter welchen Bedingungen antikoloniale Intellektuelle während der 1930er Jahre erstmals die These einer Verwandtschaft von Kolonialismus und Faschismus in Umlauf brachten. Der Überfall des faschistischen Italiens auf das Kaiserreich Abessinien im Oktober 1935 und die globalen Proteste gegen den äußerst brutal geführten kolonialen Eroberungskrieg bilden hierfür den Rahmen. 

Im weiteren Rundgang erschließt die Ausstellung auf 1.100 Quadratmetern eine Reihe von Sachthemen, die für beide Herrschaftssysteme zentral und Gegenstand wiederkehrender Debatten sind: Repression, Rassismus und Antisemitismus, Eroberung und Siedlung, Konzentrationslager, Kollaboration, Widerstand, Zwangsarbeit, industrielle Vernichtung sowie die (Un-)Sichtbarkeit extremer Gewalt. Dabei stellt die Schau historische Quellen zeitgenössischen wie späteren Deutungen gegenüber und untersucht die politische Verwendung solcher Parallelisierungen seit den 1930er Jahren. Im Epilog beleuchten aktuelle Videointerviews mit internationalen Historikerinnen und Historikern unterschiedliche Perspektiven auf das Verhältnis kolonialer und nationalsozialistischer Machtausübung: Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Kontinuitäten, Brüchen und Vergleichbarkeit.

Grenzen des historischen Vergleichs

Historische Vergleiche helfen, Gewaltordnungen zu verstehen, Deutungen zu prüfen und strukturelle Ähnlichkeiten als auch grundlegende Unterschiede sichtbar zu machen. Sie können jedoch auch vereinfachen, relativieren oder vereinnahmt werden. Die Ausstellung macht deshalb auch Probleme und Grenzen des Vergleichs zum Thema. So zeigt die Ausstellung die systematische Ermordung der europäischen Juden nicht als Kulminationspunkt kolonialer Gewalttraditionen, sondern als deren deutlichste Überschreitung und als Zäsur innerhalb der europäischen Gewaltgeschichte. Die Ähnlichkeiten und Überschneidungen finden hier nicht ihren Höhepunkt, sondern ihr Ende. 

Die Ausstellung im Untergeschoss des Pei-Baus geht der historischen Vergleichsdebatte anhand von rund 580 Objekten aus der DHM-Sammlung sowie aus Museen und Archiven in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Namibia, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, der Schweiz, Spanien, Südafrika, Tschechien und den USA nach. Zu sehen sind unter anderem Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Postkarten, Bücher, Zeitschriften, Dokumente und historische Gegenstände. Film- und Hörstationen ergänzen die Ausstellungsthemen. Eine Hörführung auf Deutsch und Englisch bietet Hintergrundinformationen zur Ausstellung und zu ausgewählten Objekten. Begleitend erscheint im Wallstein Verlag eine reich bebilderte Publikation in deutscher und englischer Sprache mit wissenschaftlichen Beiträgen internationaler Expertinnen und Experten. Ein wissenschaftliches Begleitprogramm, ein Kinoprogramm sowie Führungs- und Vermittlungsangebote vertiefen und ergänzen während der Laufzeit die Themen der Ausstellung. 

Tickets: Der Vorverkauf startet am 1. September 2026 unter ticket.dhm.de

Videointerview mit Kurator Stephan Malinowski: DHM Journal

Pressekonferenz: Mittwoch, 14. Oktober 2026, 11 Uhr, Pei-Bau

Pressefotos: Erste hochauflösende Motive stehen im Pressebereich der DHM-Website zur Verfügung. Bitte beachten Sie die kontextualisierenden Bildunterschriften.