1871-1914AlltagslebenDas wilhelminische Deutschland war ein Land voller Widersprüche. Den Prachtbauten erfolgreicher Unternehmer standen die dunklen Mietskasernen mit ihren vielen Hinterhöfen gegenüber. Und während Staat und Gesellschaft von Aristokratie und Großbürgertum geprägt wurden, formierte sich die Arbeiterklasse zum Kampf um soziale und politische Emanzipation. Zugleich veränderten technisch-industrielle Errungenschaften wie die Elektrizität und das Automobil die gewohnten Lebenswelten grundlegend. Von den sich immer schneller beschleunigenden Veränderungen waren vor allem die Städte der industriellen Zentren betroffen.
Die ungleiche Verteilung des Einkommenszuwachses sowie der schwache
Anstieg der Reallöhne veranlaßten immer mehr Frauen
zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit,
Trotz der Lebensmittelverteuerung kam es nicht mehr zu den aus der vorindustriellen Zeit bekannten Ernährungs- und Hungerkrisen. Die Sterbekurve sank bei einer zunächst anhaltend hohen Geburtenrate aufgrund der erheblich verbesserten medizinischen Versorgung und zahlreicher sozialhygienischer Neuerungen deutlich ab. Der Anschluß an die Versorgung mit Wasser, Gas und Strom, der Ausbau der Kanalisation, aber auch die langfristige Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten sowie die Auswirkungen des Arbeiterschutzes und der Sozialgesetzgebung führten zu einem bemerkenswerten Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von 37 Jahren (1871) auf 47 Jahre (1910). Die Säuglingssterblichkeit ging drastisch zurück, der Seuchentod war nahezu gebannt. Die Gesamtbevölkerung wuchs von knapp 41 Millionen (1870) über 50 Millionen (1890) auf 67 Millionen (1913).
Die Abwanderung der ihren Herrschaften weitgehend rechtlos ausgelieferten Landarbeiter, Knechte und Mägde aus den östlichen Agrargebieten in die industriellen Zentren führte zu einer deutlichen Verschiebung des wirtschaftlichen und sozialen Schwergewichts vom Osten zum Westen, vom adligen Grundbesitzer zum Unternehmer. In den östlichen Gebieten wurde der Verlust an Arbeitskräften vor allem durch eine Zuwanderung von Wanderarbeitern aus Polen aufgefangen. Aus Angst vor einer "Polonisierung" versuchte man, sich auf saisonale Arbeitskräfte zu beschränken und ihren Aufenthalt innerhalb der Reichsgrenzen streng zu überwachen. Deutschland war zwar kein Einwanderungsland, aber es war nach den USA das zweitgrößte "Arbeitseinfuhrland". Trotz der vergleichsweise starken Arbeiterbewegung war der "preußische Untertanen-Geist" sprichwörtlich. Auch in Haushalten sozialdemokratischer Arbeiter fand sich das Bild des Kaisers neben den Familienfotos und den Andenken an den Militärdienst. Nichts entlarvte die ehrfurchtsvolle Haltung gegenüber Uniformen so sehr wie der "Hauptmann von Köpenick", und der hochgezwirbelte Bart Kaiser Wilhelms II. war modeprägend. Mit einem solchen Bart konnte auch der "kleine Mann" ausdrücken, daß er es zu etwas gebracht hatte. Der überall wahrgenommene Anstieg von Macht und Ansehen des Kaiserreichs war eine verläßliche Klammer der bestehenden Klassengegensätze. Als diese nationale Klammer in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zerbrach, traten die gesellschaftlichen Konflikte um so deutlicher hervor. (ba)
Video: Berlin um 1910 / Berliner Verkehr
Statistik: Bevölkerung in Stadt und Land 1900 / Die zehn größten deutschen Städte 1905
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