1871-1914

Alltagsleben



Das wilhelminische Deutschland war ein Land voller Widersprüche. Den Prachtbauten erfolgreicher Unternehmer standen die dunklen Mietskasernen mit ihren vielen Hinterhöfen gegenüber. Und während Staat und Gesellschaft von Aristokratie und Großbürgertum geprägt wurden, formierte sich die Arbeiterklasse zum Kampf um soziale und politische Emanzipation. Zugleich veränderten technisch-industrielle Errungenschaften wie die Elektrizität und das Automobil die gewohnten Lebenswelten grundlegend. Von den sich immer schneller beschleunigenden Veränderungen waren vor allem die Städte der industriellen Zentren betroffen.

[Automobil: Maurer Union, um 1900] Von der 1895 einsetzenden und bis 1913 andauernden Hochkonjunktur profitierten nahezu alle Kreise der Bevölkerung, wenngleich in durchaus unterschiedlichem Maß. Hatten 1890 rund 30 Prozent der Bevölkerung das steuerpflichtige Mindesteinkommen erreicht, so verdoppelte sich diese Quote bis 1913 auf 60 Prozent. Der jährliche Zuwachs des Reallohns von einem Prozent lag allerdings deutlich unter dem Reallohnzuwachs anderer Industrieländer.

Die ungleiche Verteilung des Einkommenszuwachses sowie der schwache Anstieg der Reallöhne veranlaßten immer mehr Frauen zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, [Gemälde: Wolfgang Wagner, Die Bauarbeiter, 1912] um den Lebensunterhalt ihrer Familien durch ein zusätzliches Einkommen zu sichern. Allein zwischen 1900 und 1913 stiegen die Lebensmittelkosten um ein Drittel an. Verantwortlich dafür waren vor allem die erhöhten Schutzzölle für agrarische Importe, mit denen die ostelbische Machtelite den Absatz ihrer landwirtschaftlichen Produkte sicherte.

Trotz der Lebensmittelverteuerung kam es nicht mehr zu den aus der vorindustriellen Zeit bekannten Ernährungs- und Hungerkrisen. Die Sterbekurve sank bei einer zunächst anhaltend hohen Geburtenrate aufgrund der erheblich verbesserten medizinischen Versorgung und zahlreicher sozialhygienischer Neuerungen deutlich ab. Der Anschluß an die Versorgung mit Wasser, Gas und Strom, der Ausbau der Kanalisation, aber auch die langfristige Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten sowie die Auswirkungen des Arbeiterschutzes und der Sozialgesetzgebung führten zu einem bemerkenswerten Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von 37 Jahren (1871) auf 47 Jahre (1910). Die Säuglingssterblichkeit ging drastisch zurück, der Seuchentod war nahezu gebannt. Die Gesamtbevölkerung wuchs von knapp 41 Millionen (1870) über 50 Millionen (1890) auf 67 Millionen (1913).

[Gemälde: Fritz Paulsen "Bei der Stellenvermittlung (Gesinde-Vermiethungsbureau)", 1881] Fast den gesamten Zuwachs nahmen die Städte auf, in denen sich die entstehende Massengesellschaft formierte. Die fortschreitende Industrialisierung mit ihren hohen Wachstumsraten und der damit einhergehenden Vollbeschäftigung sicherte die Versorgung mit neuem Wohnraum und neuen Arbeitsplätzen. Die Folgen der rasanten Urbanisierung waren unübersehbar: In den schnell wachsenden Metropolen wurden die ersten Kraftwerke errichtet, Straßenbahnen und Straßenbeleuchtung wurden elektrifiziert, Eisenbahnen transportierten in großer Menge Fisch und Getreide in die Städte, Großmärkte und Kaufhäuser übernahmen die Versorgung mit frischen Lebensmitteln, neben denen neuerdings auch Konserven angeboten wurden, und die ersten Automobile kündigten eine neue Form von Mobilität an. Die vom Ullstein-Verlag herausgegebene "Berliner Zeitung am Mittag" rühmte sich, die schnellste Zeitung der Welt zu sein: Keine andere Zeitung brauchte weniger Zeit vom Eingang einer Nachricht und deren Satz bis zur Auslieferung der gedruckten Ausgabe.

[Textil: Kinderuniform des Garde-Husaren-Regiments] In den Großstädten vervierfachte sich die Bevölkerung zwischen 1871 und 1910 auch durch den Zuzug aus den agrarischen Gebieten Ostdeutschlands, wo die Löhne seit der Agrarkrise der 1870er Jahre weit hinter denen der Industrie zurückgeblieben waren. Mit ihrem attraktiven Lohnniveau absorbierten die Städte den Strom von Auswanderern, der bisher vor allem nach Nordamerika gerichtet war. Nach dem Ende der freien Landnahme 1893 in den USA wurde die Auswanderung von einer europäischen Ost-West-Binnenwanderung abgelöst.

Die Abwanderung der ihren Herrschaften weitgehend rechtlos ausgelieferten Landarbeiter, Knechte und Mägde aus den östlichen Agrargebieten in die industriellen Zentren führte zu einer deutlichen Verschiebung des wirtschaftlichen und sozialen Schwergewichts vom Osten zum Westen, vom adligen Grundbesitzer zum Unternehmer. In den östlichen Gebieten wurde der Verlust an Arbeitskräften vor allem durch eine Zuwanderung von Wanderarbeitern aus Polen aufgefangen. Aus Angst vor einer "Polonisierung" versuchte man, sich auf saisonale Arbeitskräfte zu beschränken und ihren Aufenthalt innerhalb der Reichsgrenzen streng zu überwachen. Deutschland war zwar kein Einwanderungsland, aber es war nach den USA das zweitgrößte "Arbeitseinfuhrland".

Trotz der vergleichsweise starken Arbeiterbewegung war der "preußische Untertanen-Geist" sprichwörtlich. Auch in Haushalten sozialdemokratischer Arbeiter fand sich das Bild des Kaisers neben den Familienfotos und den Andenken an den Militärdienst. Nichts entlarvte die ehrfurchtsvolle Haltung gegenüber Uniformen so sehr wie der "Hauptmann von Köpenick", und der hochgezwirbelte Bart Kaiser Wilhelms II. war modeprägend. Mit einem solchen Bart konnte auch der "kleine Mann" ausdrücken, daß er es zu etwas gebracht hatte. Der überall wahrgenommene Anstieg von Macht und Ansehen des Kaiserreichs war eine verläßliche Klammer der bestehenden Klassengegensätze. Als diese nationale Klammer in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zerbrach, traten die gesellschaftlichen Konflikte um so deutlicher hervor.

(ba)

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