1933-39

[Buch: Adolf Hitler "Mein Kampf" (Schutzumschlag), 1925]

[Buch: Adolf Hitler "Mein Kampf" (Titelblatt), 1941]



Adolf Hitler: Mein Kampf


Adolf Hitler schrieb 1924 während seiner Inhaftierung in der Festung Landsberg "Mein Kampf" in der Absicht, "nur die Ziele unserer Bewegung klarzulegen, sondern auch ein Bild der Entwicklung derselben zu zeichnen" (Vorwort). Der Weg ins NS-Regime, die innenpolitische Wirklichkeit des nationalsozialistischen Staats und seine außenpolitische Entfaltung beweisen die außerordentliche Konsequenz, mit der hier eine theoretische Konzeption in die Praxis übertragen worden ist. Mein Kampf läßt sich allerdings nicht in eine Tradition abendländischen Staatsdenkens einordnen. Die Gesinnung Hitlers äußert sich darin, daß er alle Phänomene des politischen Lebens auf einige wenige, von ihm selbst für wahr gehaltene Grundsätze reduziert und sie damit für die undifferenzierte Aggressivität seiner Kritik verfügbar macht.

Hitler gewann die für sein ganzes Leben entscheidenden Überzeugungen schon während seiner Schuljahre in Linz und Steyr (1900-1905) und während seines Aufenthalts in Wien (1907-1913). Er sieht sich in "Mein Kampf" (in den Kapiteln Im Elternhaus und Wiener Lehr- und Leidensjahre) rückblickend als ein Deutschnationaler österreichischer Staatsangehörigkeit und damit als Bürger eines Staates, der dem Deutschtum seinen Bestand verdanke, gleichwohl aber in leichtfertiger, ja verbrecherischer Weise alle Verpflichtungen dem deutschen Volkstum gegenüber vernachlässigt habe. Diese Tendenz sieht er durch die schwache Zentralgewalt der Doppelmonarchie ebenso gefördert wie durch die wachsende Macht der fremdvölkischen Nationalismen, die in den Prinzipien des allgemeinen Wahlrechts und des Parlamentarismus nützliche Instrumente zur Aushöhlung der Staatsautorität gefunden hätten. Der eigentlich Schuldige an dieser Entwicklung aber ist für Hitler »der Jude«. Alle Errungenschaften der neuzeitlichen Verfassungsstaaten werden als Tarnmanöver des aus dem Hintergrund wirkenden mächtigen internationalen Judentums diffamiert. Seine Absicht sei die Vernichtung der arischen Rasse und die Weltherrschaft. Die Gefahr habe sich bedrohlich verschärft, seit das Judentum in der von ihm entwickelten marxistischen Ideologie einen Weg gefunden habe, die soziale Frage in den Dienst seiner zersetzenden Politik zu nehmen, um nun über die Gewerkschaften die arbeitenden Massen zu gewinnen. So begrüßte Hitler den Ersten Weltkrieg als "Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend", als Kampf der deutschen Nation "um Sein oder Nichtsein". Als der kriegsfreiwillige Gefreite Hitler dann in einem pommerschen Lazarett Kriegsende und die Revolution von 1918/19 erlebte, konnte er in diesen Ereignissen wiederum nur eine Bestätigung seiner Überzeugungen von jüdischer Verschwörung und verfehlter deutscher Politik sehen. "Kaiser Wilhelm II. hatte... den Führern des Marxismus die Hand zur Versöhnung gereicht, ohne zu ahnen, daß Schurken keine Ehre besitzen. Während sie die kaiserliche Hand noch in der ihren hielten, suchte die andere schon nach dem Dolche. Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder - Oder. Ich aber beschloß, Politiker zu werden" (Die Revolution).

Hitlers monomanischer Judenhaß, die wichtigste Konstante seiner politischen Anschauungen, beruht auf einem primitiv verstandenen Darwinismus: Aus der Lehre vom "Kampf ums Dasein" und vom natürlichen Ausleseprozeß, in dem den hochwertigen Rassen eine größere Überlebenschance eingeräumt wird, leitet Hitler (im Kapitel Volk und Rasse) sein Bild der menschlichen Kulturentwicklung ab. Im Arier sieht er den "Kulturbegründer". Im Opferwillen, der im Begriff der "Arbeit" kulminiert und der aus "idealistischer" Gesinnung erwächst ("Wir verstehen unter Idealismus nur die Aufopferungsfähigkeit des einzelnen für die Gesamtheit..."), liegt nach Hitler die einzigartige schöpferische Qualität dieser Rasse. "Der Jude" hingegen erscheint als die absolute Gegenfigur. Die Juden hätten sich zwar als Religionsgemeinschaft getarnt, seien aber in Wahrheit ein "Volk mit bestimmten rassischen Eigenarten", aus denen ihre verderbliche Rolle in der Geschichte der Menschheit zu erklären sei. In jeder historischen Phase entdeckt er den Juden als "Parasiten im Körper der anderen Völker".

Emanzipation, Toleranzdenken, Assimilation, Parlamentarismus, Kosmopolitismus und Pazifismus heißen die Fassaden, deren er sich zur Camouflage seiner wahren Absichten bedient; Freimaurertum, zionistische Bewegung und die Presse bilden die propagandistischen und organisatorischen Zentralen der jüdischen Weltverschwörung. In Rußland aber hat der "Blutjude und Völkertyrann" sein wahres Gesicht enthüllt. Dort wurden an "dreißig Millionen Menschen in wahrhaft fanatischer Wildheit" getötet, "um einem Haufen jüdischer Literaten und Börsenbanditen die Herrschaft über ein großes Volk zu sichern". - Die biologische Determiniertheit von Hitlers Weltbild deutet zugleich die Konsequenzen an, die der rassisch "höherwertige" Mensch aus dem "Recht des Stärkeren" zu ergreifen habe.

Wenn die politische Auseinandersetzung unter dem Gesichtspunkt biologischer Gesetzmäßigkeiten geführt und der Gegner als "Völkerparasit" und "Vampir" zum Freiwild erklärt werden kann, wird man nicht zögern, das damit implizierte Vernichtungsgebot in die Tat umzusetzen, sobald die konkrete Machtlage diesen Schritt erlaubt. Zweifellos waren die Nürnberger Gesetze von 1935 und Hitlers Politik der "Endlösung der Judenfrage" in den weltgeschichtlichen Spekulationen von "Mein Kampf" präformiert.

Aus der "Abrechnung" mit dem Bestehenden ergeben sich für Hitler andrerseits die Wege zu nationaler und staatlicher Erneuerung. In den Kapiteln "Kriegspropaganda, Weltanschauung und Organisation" und "Die Bedeutung der Rede" erläutert er die agitatorischen Grundsätze, nach denen eine weltanschaulich orientierte "Bewegung" verfahren müsse. An Marxismus und Sozialdemokratie hatte Hitler stets die aus ihrem weltanschaulichen Fundament gewonnene Dynamik politischer Wirkung bewundert. Dementsprechend soll nun die Arterhaltung des germanischen Menschen deutscher Nation zum Prinzip einer neuen Weltanschauung erhoben und mit "brutaler Gewalt" gegen Judentum und Marxismus zum Sieg geführt werden. Diese propagandistisch aufgebauten Feindfiguren fordern die latente Aggressionsbereitschaft der "breiten Masse" heraus, in der Hitler den Hauptadressaten aller Agitation und den präsumptiven Verbündeten seiner Politik sieht. Er weiß, daß die Masse "durch überlegene Geister erst einmal in einer bestimmten Richtung in Bewegung gesetzt ... einem Schwungrade ähnlich, der Stärke des Angriffs Wucht und gleichmäßige Beharrlichkeit gibt". Seinem Talent entsprechend bevorzugt Hitler unter allen agitatorischen Möglichkeiten die Methoden von Massenversammlungen und öffentlicher Rede. Die betreffenden Passagen seines Buches sind aus der Kompetenz langer Erfahrung geschrieben worden - ein Vorzug, den keine einzige seiner übrigen Erkenntnisse beanspruchen kann.

Ganz im Sinne seiner rassistischen Grundvorstellungen sieht Hitler auch den Staat nur im Zusammenhang von Rasse und Arterhaltung: Er ist "die Organisation einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleicher Lebewesen zur besseren Ermöglichung der Forterhaltung ihrer Art sowie der Errichtung des dieser von der Vorsehung vorgezeichneten Zieles ihres Daseins". Der "germanische Staat deutscher Nation" soll "die wertvollsten Bestände an rassischen Urelementen ... langsam und sicher zur beherrschenden Stellung emporführen". Die nationalsozialistische Bewegung und ihr mit absoluten Vollmachten ausgestatteter Führer bilden den Kern eines fortwirkenden dynamischen Prozesses, dem der Staatsbegriff funktionell zugeordnet, keinesfalls als eine Rechtsfigur sui generis übergeordnet ist. - Dieses Detailbild des totalitären Systems (im Kapitel l "Der Staat") enthält auch Hitlers Theorien zur Familien- und Erziehungspolitik, die er ebenfalls später in die Tat umzusetzen gesucht hat. Die innere Verfassung steht unter den Prinzipien von Befehl und Gehorsam: Jede individuelle Lebensentscheidung steht im Dienst der "Volksgemeinschaft"; jede subsidiäre Freiheit ist aus dem hierarchischen Gefüge eliminiert.

Nach der Eroberung der Macht und einer Phase innerer Konsolidierung soll sich der neue Staat nach dem Willen des "Führers" den äußeren Notwendigkeiten seiner Existenz zuwenden. Hitler nennt die beiden Hauptkapitel, die davon handeln, "Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege" und "Orientierung und Ostpolitik". Wieder besinnt er sich auf seine Prämisse: "Die Außenpolitik des völkischen Staates hat die Existenz der durch den Staat zusammengefaßten Rasse ... sicherzustellen" - ein Ziel, das, wie Hitler meint, nur auf kriegerischem Weg, durch Unterdrückung der minderwertigen Völker, und nur durch Raumgewinn im Osten zu erreichen sei. Seit 1926, als Hitler diese Grundforderungen einer deutschen Außenpolitik formulierte, blieben sie als Zielvorstellung für ihn relevant. Auch als er mit dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts im Jahre 1939 seine politischen Prinzipien verraten zu haben schien und sich mit dem bolschewistischen Todfeind arrangierte, tat er es nur, um Polen zu isolieren und um nach dessen Vernichtung gegen den Westen freie Hand zu haben, ohne die zweite Front im Osten fürchten zu müssen. Die "Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung" (Hitler vor den deutschen Generälen am 3. 2. 1933) blieb eine von allen taktischen Manövern unberührte Maxime nationalsozialistischer Außenpolitik. Die "Bodenpolitik der Zukunft" und die damit zusammenhängenden Germanisierungspläne hat Hitler 1928 in einem unveröffentlicht gebliebenen, später verschollenen, erst 1958 wieder entdeckten und 1961 publizierten Manuskript (Hitlers zweites Buch) noch einmal in ausführlicher Breite und unmißverständlicher Deutlichkeit dargestellt. (...)

Hitlers "Mein Kampf" erreichte bis 1939 eine Auflage von 5,5 Millionen; 1943 waren in Deutschland nahezu 10 Millionen Exemplare verbreitet. Es wurde in sechzehn Sprachen übersetzt und auch nach 1945 im Ausland mehrfach wieder aufgelegt. Seit 1936 wurde "Mein Kampf" in den Standesämtern verteilt. Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß die Maximen, die Hitler hier in aller Breite dargelegt hat, kaum in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen sind. Hitlers Buch wurde vor und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 in Deutschland kaum gelesen. Das Desinteresse an Hitlers politischen Vorstellungen rechtfertigte sich vielfach aus einem ästhetisch motivierten Überdruß an Hitlers "schlechtem Stil", seinen "verworrenen Ansichten", dem "langatmigen" und "langweiligen" Charakter von "Mein Kampf". Der öffentliche Geist hat den "Gefreiten Hitler" stets nur widerwillig und mit hochmütiger Verachtung zur Kenntnis nehmen wollen.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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