1918-33










Ernst Jünger: In Stahlgewittern


Das Kriegstagebuch von Ernst Jünger erschien 1920. Das Werk, die erste Buchpublikation des Autors, gehört neben "Das Wäldchen 125" (1925), "Der Kampf als inneres Erlebnis" (1922), "Sturm" (1923), "Feuer und Blut" (1925) und "Das Abenteuerliche Herz" (1929) zu den vom Ersten Weltkrieg berichtenden Schriften Jüngers. Doch im Gegensatz zu dem mehr reflektierenden und systematisch abgefaßten Werk "Der Kampf als inneres Erlebnis" ist "In Stahlgewittern" ein ohne übergreifende Gedankengänge den Fronterlebnissen des Autors vom Januar 1915 bis zum August 1918 folgendes Tagebuch, das - obwohl noch im Krieg umgeschrieben - sehr stark die Unmittelbarkeit und Einfachheit eines Diariums bewahrt. "In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut";, voller "Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, sagt Jünger zu Beginn des Buchs. Gleich der erste Tag korrigiert seine romantischen Vorstellungen und zeigt ihm das wahre Bild des Kriegs: Eine Granate schlägt in ein Dorf; der Kriegsfreiwillige sieht die ersten Toten und Verwundeten. Nach und nach lernt er den Krieg an der Westfront in allen seinen Formen kennen: den Grabenkrieg in den Kreidefeldern der Champagne, die Materialschlachten an der Somme, den Gaskrieg, die große Doppelschlacht bei Cambrai, die Stoßtruppunternehmen in Flandern und die letzte große Offensive an der Westfront im März 1918. Den Beschluß seiner Aufzeichnungen bildet die Schilderung der letzten Schlacht, von der er mit einer schweren Verwundung zurückkam; im Lazarett in Hannover erreicht ihn - nachdem er bereits mit dem EK 1 ausgezeichnet worden ist - die Nachricht, daß "Seine Majestät, der Kaiser" ihm den Orden Pour le mérite verliehen hat.

Dieser Schluß ist in mehrfacher Hinsicht charakteristisch für das Tagebuch bzw. den Autor: Die gesamte Darstellung ist überaus ichbezogen, von einer bisweilen landsknechthaften Gleichgültigkeit gegenüber der moralischen Problematik des Tötens und nicht frei von Eitelkeit; mit einem beinah jungenhaften Stolz auf seine - in der Tat hervorragende - Tapferkeit stellt Jünger am Ende fest: "In diesem Kriege, in dem bereits mehr Räume als einzelne Menschen unter Feuer wurden, hatte ich es immerhin erreicht, daß elf von diesen Geschossen auf mich persönlich abgegeben wurden." Es finden sich in dem Buch kaum Reflexionen über politische Hintergründe, über Sinn oder Berechtigung des Kriegs, der wie eine Naturerscheinung hingenommen wird - worauf auch schon die im Titel enthaltene, den Kampf als Naturereignis mythisierende Metapher verweist; nur ein einziges Mal heißt es kurz: "Der Krieg warf seine tieferen Rätsel auf." Wichtiger ist dem Autor die Beobachtung der neuen Kampfformen, der Materialschlacht und der "planmäßigen mechanischen Schlacht", sowie vor allem der menschlichen Reaktionen darauf. Er bemerkt, daß die Soldaten, betäubt vom Schlachtendonner und der "turmhohen, flammenden Feuerwand" der Materialschlacht, nicht mehr "bei klarem Verstand", die Gehirne oft in "rote Nebel", in "Blutdurst, Wut und Trunkenheit" getaucht waren und die Schritte der Kämpfer von dem "übermächtigen Wunsch zu töten" beflügelt wurden. Wie im Krieg insgesamt etwas Elementares aufsteigt, so scheint dem Verfasser auch der einzelne beherrscht von einer irrtümlichen Kampfes- und Zerstörungslust. Das Buch spiegelt manches von der Monotonie wieder, die der Krieg für den erfahrenen und abgebrühten Soldaten annimmt: Der Stil ist einfach, knapp, völlig nüchtern und bisweilen von einer kaum mehr nachvollziehbaren Trockenheit und Gleichgültigkeit des Tons, trotz der unzähligen schweren Verwundungen und qualvollen Todeskämpfe, die Jünger um sich herum wahrnahm und von denen er - weder Zustimmung noch Abscheu äußernd - berichtet.

Der Text, der fünf Überarbeitungen erfuhr, begründete den Ruhm Jüngers in den zwanziger Jahren, polarisierte aber zugleich das Urteil der Zeitgenossen wie der Kritik über den Autor. Während Alfred Andersch, einer der vehementesten Jünger-Verteidiger nach 1945, den Schriftsteller mit seinem Frühwerk in die Nähe des Surrealismus rückt und Karl Heinz Bohrer, in seiner umfangreichen Studie in der Jüngerschen "Paradoxie von archaischer Rückwendung und schärfster Bewußtheit des epochalen Augenblicks" die Kategorie der Plötzlichkeit, des Schocks als beherrschendes Moment moderner Wahrnehmung gestaltet sieht, weshalb die Kriegsbücher nicht mehr bloß als "literarisch brillante Dokument eines im übrigen präfaschistischen Nationalismus« zu lesen seien, blieb, neben dem allgemeinen Desinteresse an dem Kriegsbuchautor Jünger nach 1945, der Eindruck elitärer Attitüde und Simplifizierung des Geschehens ("Im Verlauf des Krieges" ist dem Autor "immer klarer geworden, daß aller Erfolg der Tat des einzelnen entspringt, während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und Feuerkraft darstellt") bestimmend.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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