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Der Seekrieg

An der Wende zum 20. Jahrhundert galten Seestreitkräfte allen imperialen Mächten als wichtigste Voraussetzung dafür, eigene Machtinteressen weltweit durchzusetzen. Kriegsschiffe waren unverzichtbares Mittel der Außenpolitik. Aus der „Kanonenbootdiplomatie“ entstand ein Rüstungswettlauf zur See. Flottenrivalität und Seerüstung bildeten einen der Gründe, warum sich die internationalen Spannungen vor 1914 verschärften. Seit hundert Jahren war die britische Flotte unbestrittene Herrscherin der Meere. Doch die Vereinigten Staaten und vor allem Deutschland waren in den internationalen Rüstungswettlauf zur See eingestiegen. Der in Deutschland von Großadmiral Alfred von Tirpitz ab 1897 vorangetriebene Bau einer modernen Schlachtflotte richtete sich gegen Großbritannien. Die deutsche Flotte sollte so stark sein, dass es für die britische ein unkalkulierbares Risiko bedeutete, sie anzugreifen.

Die hochgerüstete deutsche Hochseeflotte konnte die in sie gesetzten Erwartungen daher während des Krieges zu keiner Zeit erfüllen. Ihre Reichweite war auf Nord- und Ostsee beschränkt, weil die Marineleitung davon ausging, dass die britische Flotte im Kriegsfall in der Deutschen Bucht eine entscheidende Schlacht suchen würde. Doch die Briten vermieden die Entscheidungsschlacht vor den deutschen Küsten und konzentrierten sich auf die Errichtung und Aufrechterhaltung einer großräumigen Fernblockade der Nordsee, die Deutschland vom Welthandel abschnitt und auf Dauer wirtschaftlich in die Knie zwang. Nur einmal kam es zu einem großen Schlagabtausch der Flotten, am 31. Mai 1916 vor dem Skagerrak, einer Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen. Das Ergebnis war ein Achtungserfolg der zahlenmäßig unterlegenen Kaiserlichen Marine, die sich in Schiffbautechnik und Ausbildung der Besatzungen als überlegen erwies. Es stellte aber strategisch die Blockade der Royal Navy in keiner Weise in Frage.

Die alliierte Versorgung wurde nur vorübergehend durch Angriffe deutscher Auslands- und Hilfskreuzer in Übersee gestört. Deutschland und seine Verbündeten behaupteten auf Dauer die Herrschaft auf Ostsee, Schwarzem Meer und in der Adria, die Alliierten aber auf allen anderen Meeren. Die Hoffnungen der militärischen Führung konzentrierten sich nun auf eine neue Waffe, das U-Boot, das dem Krieg zugleich eine neue Dimension, die Tiefe, erschloss. Am 22. September 1914 versenkte U9 unter Kapitänleutnant Otto Weddigen in der Nordsee auf einen Schlag drei britische Kreuzer. Plötzlich war das U-Boot eine ernstzunehmende Waffe, die geeignet erschien, der britischen Überlegenheit auf allen Ozeanen aus der Tiefe heraus entgegenzutreten.

Auch die Bevölkerung war von der U-Boot-Waffe nach den ersten Erfolgen begeistert. Mit zahlreichen propagandistisch unterstützten Spendenaktionen wurde um Geld zum Ausbau der U-Boot-Flotte geworben. Unter anderem lieferte auch der renommierte Marinemaler Willy Stöwer Plakatentwürfe wie diesen von 1917, auf dem das wie eine Nussschale erscheinende U-Boot bei Wind und Wetter dem Feind allein entgegen fährt.

Doch die wenigen U-Boote hatten zu lange Anmarschwege, um den alliierten Handel ernsthaft bedrohen zu können. Am Ende richteten der U-Bootkrieg und seine seerechtlichen Auseinandersetzungen diplomatischen Schaden an, der viele Staaten gegen Deutschland einnahm. Der unbeschränkt durchgeführte U-Bootkrieg trug zum Kriegseintritt der USA 1917 bei und beeinflusste damit erheblich den Kriegsausgang zuungunsten Deutschlands. Insgesamt versenkten 380 in Dienst gestellte deutsche U-Boote neben vielen Kriegsschiffen immerhin 5554 alliierte und neutrale Handelsschiffe. Die Kaiserliche Marine verlor dabei 187 U-Boote mit mehr als 5000 Mann.

Sven Lüken
1. September 2014

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