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Leichtindustrie

Vom rasanten industriellen Aufschwung in Deutschland profitierten in den 1850er Jahre auch die Branchen der Leichtindustrie. Die Hochkonjunktur im Eisenbahnbau und in der Schwerindustrie führte zu wachsender Nachfrage nach Arbeitskräften. Mitte der 1850er Jahre ebbte daher auch die erste große Auswanderungswelle aus Deutschland ab. Lohnsteigerungen und wachsende Kaufkraft weckten insbesondere in den wohlhabenderen Schichten das Bedürfnis nach mehr und qualitativ hochwertigeren Konsum- und Verbrauchsgütern. Die deutsche Baumwollspinnerei konnte als einer der am stärksten technisierten Zweige der Textilindustrie die Produktion zwischen 1850 und 1857 mehr als verdoppeln. Regionale Schwerpunkte des Textilgewerbes lagen in Sachsen, Schlesien, im Ruhrgebiet und vor allem im Berliner Raum.

Während 1860 in der preußischen Hauptstadt 20 industriell fertigende Textilunternehmen existierten, waren es 1870 bereits 40. Die Einführung von Nähmaschinen ab den 1850er Jahren trug entscheidend zur Entwicklung der bis dahin auf Handarbeit basierenden Konfektionsindustrie mit der Fertigung standardisierter Kleidung bei. Benötigte eine geübte Näherin für die Anfertigung eines Anzugs mindestens drei Tage, konnte sie mit der Nähmaschine nun bis zu sieben Anzüge in der Woche herstellen.

Als Rohstofflieferant der Textilindustrie nahm die chemische Industrie an Bedeutung zu. Vor allem die Nachfrage nach großen Mengen anorganischer Grundstoffe, aber auch die wissenschaftliche Erforschung der organischen Chemie förderten die Gründung neuer Chemiewerke: 1861 entstanden die Teer- und Anilinfarbenwerke Bayer in Barmen, zwei Jahre später Hoechst in der Nähe von Frankfurt am Main. Die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) im bayerischen Ludwigshafen nahm 1865 die Produktion auf.

Zu einem wichtigen Bereich des Genussmittelsektors entwickelte sich die Tabakindustrie: Zwischen 1846 und 1861 wuchs die Zahl der Erwerbstätigen von 10.000 auf über 26.000. Aus kleineren Manufakturbetrieben entstanden große Zigarettenfabriken wie die badische Tabakmanufaktur Roth-Händle oder die Orientalische Tabak- und Cigarettenfabrik Yenidze in Dresden. Auch in Kleingewerbe und Handwerk fanden immer mehr Menschen Arbeit, nicht zuletzt aufgrund der 1845 in ganz Preußen erlassenen Gewerbefreiheit, die bis Ende der 1860er Jahre in allen deutschen Staaten eingeführt wurde.

Johannes Leicht
23. Juni 2010

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