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Die Krisenjahre 1846/47

Die Jahre 1846 und 1847 waren durch die letzte große Hungersnot der vorindustriellen Zeit geprägt. Witterungsbedingte „Missernten“ und die zusätzlich seit 1844 grassierende Kartoffelfäule dezimierten die Vorräte an Grundnahrungsmitteln und führten zu deren Verknappung. Damit einher gingen Teuerungen, die es  besonders unausgebildeten Handwerkeern und Hilfsarbeitern unmöglich machten, ausreichend Nahrung für sich und ihre Familien zu kaufen. Das zu geringe Angebot an Nahrung und mangelhafte Strategien der Krisenbewältigung der deutschen Staaten mündeten in zahlreiche Protestaktionen, die sich im Frühjahr 1847 über ganz Deutschland ausbreiteten, wodurch ein Nährboden entstand, aus dem sich auch die Revolution von 1848/49 speiste.

In den Krisenjahren 1846 und 1847 wurde das Problem der strukturellen Verarmung großer Teile der Bevölkerung in der Zeit des Pauperismus durch die akute Hungersnot erheblich verschärft. Ausgelöst wurde der Nahrungsmangel nicht allein durch Missernten, denn auch eine schlecht ausgefallene Ernte hätte für die Eigenversorgung der meisten Regionen genügt. Im Zusammenspiel von einem knappen Nahrungsangebot und der Ausfuhr von Nahrungsmitteln in zahlungskräftigere Gebiete stellten sich Teuerungen ein. Zudem fanden besonders einfache Handwerker und Tagelöhner keine Anstellung, um ihr Auskommen zu sichern. Viele Familien waren so nicht mehr in der Lage sich mit Roggen und Kartoffeln einzudecken.

Getrieben durch Hunger waren die Armen gezwungen, sich von Unkraut und Viehfutter zu ernähren. Brot wurde aus verdorbenem Getreide gebacken und Ersatznahrungsmittel,  wie das aus der Queckenwurzel hergestellte „Queckenbrot“, wurden als Notnahrung angepriesen. Aus der Not heraus stahlen die Hungernden nachts Saatkartoffeln von den Äckern oder begannen zu betteln.

Die ersten Proteste setzten im Frühjahr 1847 in Böhmen ein und breiteten sich bis Mai über Deutschland aus. Besonders betroffen waren die östlichen Provinzen des preußischen Staates wie Schlesien, Posen, West- und Ostpreußen. Aber auch in Württemberg, Franken und im Obermaingebiet kam es zu einer Konzentration von Tumulten. Die Unruhen ergriffen sowohl die großen Residenzstädte wie Berlin oder Dresden, aber auch kleinere Marktorte und ländliche Regionen. Der Protest ging von der großen Zahl an Arbeitslosen, Tagelöhnern und den Angehörigen der sich im Niedergang befindlichen Handwerke wie Weber und Seidenwirker aus, die von den Teuerungen besonders betroffen waren. In der Regel waren es arbeitsfähige Männer, oft aber auch Frauen, von denen der Protest ausging.

In der Kleinstadt Rogowo (Posen) sammelten sich am 5. und 6. März 1847 an die 5.000 „Tumultanten“, die auch aus den umliegenden ländlichen Gebieten kamen, und plünderten Bäckereien sowie Lager von Getreidehändlern. In Breslau gingen am 22. März die Arbeiter auf die Straße und „begannen ein allgemeines Fenster- und Laterneneinwerfen“. Die Obrigkeit sah sich hier zu einem „Cavallerieangriff“ der anwesenden Husaren genötigt, bei dem „scharf eingehauen“ wurde. In Berlin wurden während der „Berliner Kartoffelrevolution“ vom 21. und 22. April 30 Bäckereien geplündert. Die Demonstranten warfen Scheiben ein, zerstörten Mobiliar und Gerätschaften und raubten Backwaren. Am 5. Mai kam es in Stuttgart zu Auseinandersetzungen von „Tumultanten“ und dem Militär, die nur durch Waffengewalt ein Ende fanden.

Die Proteste verliefen meist in allen deutschen Staaten ähnlich und waren in der Hauptsache als „Bestrafungsaktionen“ für Nahrungsmittelproduzenten und –händler angelegt. Besonders Getreidegroßhändler sahen sich dem Vorwurf der „Kornwucherei“ ausgesetzt und mussten mit Plünderungen rechnen. Aber auch Gutsbesitzern, Bäckern und Fleischern haftete der Ruf der „Unsittlichkeit“ an. Weiterhin sollten die öffentlichen Proteste auch als Denkzettel an die Obrigkeit verstanden werden, die ihrer Fürsorgepflicht für die hungernden Untertanen nicht nachkam. Um die Proteste zu unterbinden, setzte die Regierung die Polizei und – sofern verfügbar – das Militär ein.

Die deutschen Staaten hatten es versäumt, präventiv einzugreifen und die Hungerkrise zu verhindern. Zum Repertoire der Hilfsmittel gehörten die Abgabe von vergünstigtem Getreide, Ausfuhrverbote von Lebensmitteln, das Verbot der Schnapsbrennerei aus Kartoffeln und die Hilfe durch Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung, wie das Anlegen von Straßen und Eisenbahnlinien oder der Festungsbau. Die den Arbeitern gezahlten Löhne waren jedoch nicht hoch genug, um davon leben zu können. Der preußische Staat übertrug die Fürsorgepflicht für die Armen auf die kommunalen Stellen, die mit ihrem eigenen Geld Unterstützung bieten sollten. Die Kommunen waren mit dieser Aufgabe jedoch vollkommen überfordert.

Die in vielen Fällen effektiveren, jedoch nicht ganz uneigennützigen Hilfsmaßnahmen kamen aus privater Hand. In Danzig versuchten reiche Bürger die hungernden Massen durch verbilligte Lebensmittel ruhig zu halten, vor allem, um den wichtigen Getreideexporthafen zu schützen. Im industriell geprägten Rheinland und in Westfalen sorgten Fabrikbesitzer für die Versorgung der Armen, denn sie fürchteten die Zerstörung ihrer Fabriken.

Durch die Proteste kam es zu zahlreichen Verhaftungen. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. erließ am 15. Oktober 1847 ein Amnestiedekret für diejenigen, die „durch die augenblickliche Noth zu Vergehen oder Verbrechen verleitet“ wurden und wenn der verursachte Schaden „weniger als fünf Thaler beträgt“. Hieran entzündete sich eine Debatte in der deutschen  Presse, in der die Spannungen zwischen der monarchistischen „Alten Elite“ und der bürgerlich-liberalen „Neuen Elite“ offen zutage traten. In der liberalen Deutschen Zeitung sprach man vom „öffentlich gewordenen Raubheer“, das sich durch die Amnestie „entschuldigt vor dem eigenen Gewissen“ verstehen konnte. Die regierungsnahe Allgemeine Preußische Zeitung sah das Amnestiedekret hingegen als „staatskluge Handlung“ und stellte sich vermeintlich auf die Seite der Notleidenden, indem sie der liberalen Seite vorwarf nur die Besitzenden im Blick zu haben und alle anderen „in eine Sclaverei“ zurückzuwerfen.

Die Hungersnot der Jahre 1846 und 1847, sowie die dadurch ausgelösten Unruhen ergaben zusammen mit den politischen Spannungen zwischen Neuer und Alter Elite eine brisante Mischung, deren Wirkung sich in der Revolution von 1848/1849 entfaltete.

Christopher Jütte
11. Mai 2015
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