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    Harro Schulze-Boysen mit seiner späteren Ehefrau Libertas Haas-Heye, 1935

> Der Zweite Weltkrieg > Widerstand

Die "Rote Kapelle"

Unter der Bezeichnung "Rote Kapelle" faßte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) mehrere unterschiedliche Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime zusammen. Der Begriff wurde im Zweiten Weltkrieg sowohl für ein Spionagenetz des sowjetischen militärischen Nachrichtendiensts im von Deutschland besetzten Westeuropa als auch für Widerstandskreise im Deutschen Reich verwendet. Zu diesen Gruppen zählten die Organisation um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack sowie der Diplomat Rudolf von Scheliha mit seinem Umfeld. Anfänge der Organisation reichten bis in das Jahr 1933 zurück, als in kleinen Freundeskreisen Kritik am Nationalsozialismus geäußert wurde. Aber erst 1939 begann die Zusammenarbeit zwischen den Gruppen um Schulze-Boysen und um Harnack.

Die Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe war eher lose und informell organisiert. Innerhalb des Kreises agierten kleinere Gruppen der ungefähr 150 Mitglieder teils gemeinsam, teils unabhängig voneinander. Politische Diskussionen, Widerstandstätigkeiten und soziale Kontakte gingen Hand in Hand. Ministerialbeamte und Wehrmachtsbedienstete gehörten ebenso zur Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe wie Künstler und Arbeiter, gläubige Christen und Liberale genauso wie Jungkommunisten wie Hans Coppi und Hilde Coppi oder Walter Husemann (1909-1943). Die meisten Mitglieder vertraten einen ethisch motivierten Sozialismus. Am intensivsten war die Widerstandstätigkeit in den Jahren 1940 bis 1942. Mitglieder der Schulze-Boysen/Harnack-Organisation verfaßten mehrere illegale Schriften, verteilten Flugblätter, vervielfältigten und verbreiteten die regimekritischen Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen und führten aus Protest gegen die im Mai 1942 in Berlin eröffnete nationalsozialistische Hetzausstellung "Das Sowjetparadies" eine Plakatklebeaktion durch. Harro Schulze-Boysens Ehefrau Libertas Schulze-Boysen (1913-1942) dokumentierte - sofern sie davon erfuhr - nationalsozialistische Gewaltverbrechen an der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete, insbesondere in der Sowjetunion.

Die Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe unterhielt Kontakte zu anderen Widerstandskämpfern, insbesondere zum kommunistischen Widerstand um Bernhard Bästlein (1894-1944) in Hamburg und zum "Kreisauer Kreis". Ihre Hauptziele waren eine schnelle Beendigung des Zweiten Weltkriegs und eine Verständigung mit der Sowjetunion, damit Deutschland nach Kriegsende als unabhängiger Nationalstaat erhalten bleibe und eine Vermittlerrolle zwischen Ost und West einnehmen könne. Als Mitarbeiter der Nachrichtenabteilung des Reichsluftfahrtministeriums hatte Schulze-Boysen Kenntnis von den deutschen Angriffsplänen auf die Sowjetunion. Ab Herbst 1940 standen Harnack, Adam Kuckhoff (1887-1943) und Schulze-Boysen in Kontakt mit einem Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Berlin, den sie über die deutschen Pläne informierten und der sie mit zwei Funkgeräten ausstattete. Wenige Eingeweihte versuchten in den folgenden Monaten erfolglos, den Funkkontakt nach Moskau herzustellen. Über einen Agenten des nachrichtendienstlichen Netzes der Sowjetunion in Westeuropa gelangten erste Informationen schließlich Ende Oktober 1941 nach Moskau.

In einem vom Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) abgehörten verschlüsselten Funkspruch nach Westeuropa vom 26. April 1941 hatte die sowjetische Militäraufklärung Namen und Adressen von Schulze-Boysen und Kuckhoff genannt. Die anschließenden Ermittlungen der Gestapo führten zur Dechiffrierung und zur Aufdeckung der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe. Zwischen August 1942 und März 1943 wurden ungefähr 130 Mitglieder verhaftet. Mindestens 57 der Verhafteten, darunter 19 Frauen, wurden vom Volksgerichtshof und dem Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet, ohne Gerichtsurteil ermordet oder begingen in der Haft Selbstmord.

Für die Gestapo waren die Mitglieder der Berliner Organisation von der Sowjetunion bezahlte Landesverräter. Diese Auffassung bestimmte bis in die 90er Jahre die Beschäftigung mit der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe: Während sie in der Bundesrepublik Deutschland als Kommunisten mißachtet wurden, galten sie in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) als antifaschistische Helden.

Claudia Prinz
13. Mai 2015

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