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Die Hungersnot 1816/17

Die große Hunger- und Teuerungskrise der Jahre 1816 und 1817 machte sich in vielen europäischen Ländern bemerkbar und verursachte auch in den deutschen Gebieten große Not. Das nasskalte Wetter brachte 1816 in seinem Gefolge schwere Regen- und Hagelschauer mit, die zu Überflutungen führten und die Getreide- und Kartoffelernte in vielen Teilen Deutschlands dezimierten. Die dadurch hervorgerufene Verknappung an Grundnahrungsmitteln resultierte in teils extremen Teuerungen auf den deutschen Märkten, die ihren Höhepunkt im Mai/Juni 1817 erreichten und besonders die bereits in Normaljahren am Existenzminimum lebenden Gesellschaftsschichten in noch größere Bedürftigkeit stürzten. Hilfe wurde sowohl von den deutschen Staaten, als auch privater Seite organisiert, wobei die angespannte Lage erst durch die Ernte des Sommers 1817 entschärft werden konnte.

Der österreichische Gesandte in Kassel schilderte die Zustände des Jahres 1816 im Kurfürstentum Hessen folgendermaßen: „Die Erndte ist großentheils noch nicht eingebracht. Das Korn, der Waizen, die Gerste sind an den Körnern schwammicht, und enthalten viele Brandige, oder Zollkörner. Der Hafer steht noch auf dem Felde, aber verspricht eine ergiebige Ausbeute. Hingegen sind die Kartoffeln leider misrathen, geben kaum die Hälfte des gewöhnlichen Ertrages, sind schwammicht und wässericht, und werden sehr leicht faulen.“

Die kurhessischen Verhältnisse können stellvertretend für zahlreiche Regionen des Deutschen Bundes stehen. In Bayern konnte nur die Hälfte der regulären Ernte eingefahren werden und die Verwaltung des westfälischen Kreises Borken stellte fest, dass der Buchweizen „kaum die Aussaat erstatten“ werde und die Kartoffelernte eine „schlechte Ausbeute“ versprach. Auch im badischen Odenwald wurde die Ernte durch das schlechte Wetter stark beeinträchtigt.

Das nasse Klima wirkte sich ebenfalls negativ auf die in kleinen Gärten angebauten Sommer- und Wintergemüsesorten aus, die eine wichtige Nahrungsquelle in städtischen Gebieten darstellten. Hinzu kam, dass das Schlacht- und Milchvieh auch unter dem Mangel an Futter litt und in schlechtem Zustand war. Ausreichende Vorräte hatten bedingt durch die ebenfalls kärglich ausgefallenen Ernten 1814/1815 nicht angelegt werden können und die besondere Belastung der Befreiungskriege (1813 bis 1815) hatte sowohl einen großen Teil der vorhandenen Kornreserven aufgezehrt, als auch den Viehbestand dramatisch zusammenschrumpfen lassen.

Besonders von der Krise betroffen waren das Königreich Württemberg und die preußischen Rheinprovinzen. Zur Bewältigung der Krise griffen die deutschen Staaten auf verschiedene Instrumentarien zurück, wobei besonders die Beschränkung der Getreideausfuhr in den Blick genommen wurde. Diese Maßnahme sollte die Feldfrüchte im eigenen Territorium halten, zu dessen Eigenversorgung beitragen und so allzu große Teuerungen verhindern. Württemberg verhängte zunächst erhöhte Ausfuhrzölle für Getreide, bevor im Mai 1817 ein generelles Ausfuhrverbot für dieses wichtige Grundnahrungsmittel erlassen wurde. Betroffen durch diese sogenannte Fruchtsperre waren alle Sorten von Getreide und Kartoffeln aber auch die Produkte, die daraus hergestellt wurden, wie Brot, Branntwein und Bier. Bereits im Juli 1816 trat in Kurhessen eine Fruchtsperre in Kraft, die den Kornhandel auf Kleinstmengen begrenzte. Auch das von der Idee des Freihandels geprägte Preußen verhängte eine Fruchtsperre gegen jene Gebiete, die ihrerseits kein Getreide mehr nach Preußen verhandelten.

Diese Fruchtsperren wurden nicht nur von staatlicher Seite verhängt, auch einzelne Amtsbezirke versuchten ihre Kornvorräte in der Region zu halten und verhängten Fruchtsperren gegen die anderen Amtsbezirke, sodass der Handel mit Nahrungsmitteln auch innerhalb der jeweiligen deutschen Staaten teilweise zum Erliegen kam.

Neben den Exportverboten versuchten die deutschen Staaten gleichermaßen im Inneren der Krise Herr werden. Das Verbot des Branntweinbrennens aus Weizen und Kartoffeln, die Ausgabe verbilligten Getreides und Saatguts an die Bedürftigen sowie der gezielte Zukauf von Getreidefrüchten, insbesondere Roggen, gehörten zu den üblichen Mitteln.

Parallel zu der staatlichen Hilfe versuchten auch private Organisationen das Leid der hungernden Menschen zu lindern. Im bergischen Elberfeld taten sich 1816 rund 150 vermögende Bürger zu einem Korn- und Brotverein zusammen, der ausgestattet mit Aktienkapital im Ausland Getreide ankaufte und dies zu günstigen Konditionen an die Notleidenden verteilte. Auch in zahlreichen anderen Städten formierten sich Hilfsvereine, die verbilligtes Getreide ausgaben oder öffentliche Suppenküchen betrieben.

Die Hilfsmaßnahmen erreichten jedoch längst nicht alle Notleidenden, da viele sich auch das verbilligte Getreide nicht leisten konnten. Die Pfandhäuser verzeichneten großen Zulauf, die Bettelei stieg spürbar an. Auch Arbeitsvieh wie Pferde wurde geschlachtet und verzehrt, wodurch wirtschaftliche Verluste entstanden, die nicht wieder ausgeglichen werden konnten. Aus der Not heraus griffen die Hungernden zu wildwachsenden und oftmals ungenießbaren Kräutern, Gräsern und Wurzeln.

Der Nahrungsmangel machte den menschlichen Organismus besonders anfällig für Krankheiten wie den in Schlesien und Westfalen um sich greifenden „Hungertyphus“ und führte zu einer erhöhten Sterblichkeit. Selbst Krankheiten, die in der Regel nicht lebensbedrohlich waren, nahmen in dieser Situation oft einen tödlichen Verlauf. 1817 starben im bayerischen Isarkreis 13 Prozent mehr Menschen als durchschnittlich in den Jahren von 1811 bis 1821. Im Fürstentum Waldeck starben zwischen 1816 und 1834 im jährlichen Durchschnitt 2,41 Prozent der Gesamtbevölkerung. 1818 waren es als Folge der Hungerkrise 3,17 Prozent. Zusammen mit der krisenbedingt ebenfalls rückläufigen Geburtenrate schlug sich die Hungersnot vielerorts in einem negativen Bevölkerungswachstum nieder, verschärft noch durch eine krisenbedingte Auswanderungswelle.

Tumulte und gewalttätige Ausschreitungen, wie sie 30 Jahre später in den Krisenjahren 1846/1847 stattfanden, sind 1816/1817 nicht aufgetreten. Es ereigneten sich lediglich kleinere Protestaktionen gegen Händler auf Märkten oder gegen Getreideexporteure. Erst die Ernte des Jahres 1817 brachte die ersehnte Erleichterung.

Christopher Jütte
14. August 2015
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