Zwischen 1830 und 1880 war in der gesamten europäischen Literatur der Realismus die führende Stilrichtung. Innerhalb dieser Darstellungsform bildeten sich in den verschiedenen Staaten jedoch unterschiedliche Besonderheiten heraus. Im deutschsprachigen Raum wurde der Realismus erst nach 1848 zur Hauptströmung der Literatur. Vorläufer waren Dramen von Georg Büchner (1813-1837), Christian Dietrich Grabbe (1801-1835) oder Franz Grillparzer (1791-1872). Der literarische Realismus wollte in seinen Werken objektiv das reale Leben abbilden. Kennzeichnend waren dabei der Verzicht auf Idealisierung und eine genaue Wiedergabe des Geschichts- bzw. Wirklichkeitsbildes. Zu den vorherrschenden Darstellungsformen des Realismus zählten Roman und Novelle.

Im ersten Jahrzehnt nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 wurde die Literatur zum Hauptfeld der ideologisch-politischen Auseinandersetzung. Besonders der Roman diente den Schriftstellern als Mittel, um wirksam ideologische und politische Programmatiken zu vermitteln. Gesellschaftliche und technische Entwicklungen wie die Zunahme der Alphabetisierung und die preisgünstige industrielle Produktion von Büchern vergrößerten die Zahl von Buchlesern kontinuierlich. "Die Ritter vom Geiste" (1850/51) von Karl Ferdinand Gutzkow (1811-1878) oder "Soll und Haben" (1855) von Gustav Freytag (1816-1895) wurden in den 1850er Jahren zu Publikumserfolgen. Diese Zeit- und Gesellschaftsromane vermittelten programmatische Inhalte auf eine spannende und einfache Weise, die oft auch auf ein weniger belesenes Publikum anziehend wirkte.

Gleichzeitig entstanden zahlreiche Werke des poetischen Realismus, unter anderem von Theodor Storm (1817-1888), Gottfried Keller (1819-1890), Wilhelm Raabe (1831-1910) und Adalbert Stifter (1805-1868). Innerhalb dieser Stilrichtung verklärten die Schriftsteller die Realität auf poetische Weise, Not und Armut fanden zunächst keinen Eingang in die Literatur. Innerhalb des deutschsprachigen Raumes war der Realismus durch eine weniger gesellschaftskritische Haltung geprägt als in anderen Ländern. Zu den wichtigsten Gestaltungsmitteln zählten distanzierter Humor, die Neigung zu Resignation und eine subjektive Erzählperspektive. Charakteristisch für den poetischen Realismus waren kürzere Erzählformen und Novellen. Die Schriftsteller dieser Stilrichtung setzten sich in ihren Werken mit dem Alltag auseinander und stellten in diesem Rahmen individuelle Lebenserfahrungen sowie eine Verbundenheit mit dem Volk in den Mittelpunkt. "Der Grüne Heinrich" (1855) von Gottfried Keller oder "Der Hungerpastor" (1864) von Wilhelm Raabe sind literarisch bedeutende Beispiele des poetischen Realismus.

Swantje Greve
24. Oktober 2008

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