1902

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Chronik



Januar
1. 1. Im Prado von Madrid wird eine Sonderausstellung mit Werken des griechisch-spanischen Malers El Greco (1541-1614) eröffnet. Die erstmalige Präsentation der zum Großteil in Vergessenheit geratenen Gemälde sorgt in der Kunstwelt für erhebliches Aufsehen.
5. 1. In Berlin wird fast 70 Jahre nach seiner Entstehung das Drama "Dantons Tod" von Georg Büchner (1813-1837) uraufgeführt.
7. 1. Der Kaiserliche Hof von China kehrt nach seiner Flucht vor den ausländischen Truppen in die Verbotete Stadt in Peking zurück. Zuvor hatte die Kaiserin-Witwe Tz'u Hsi sich öffentlich von dem Boxeraufstand distanziert und die Friedensbedingungen der Interventionsmächte anerkannt.
13. 1. In Berlin wird die "Freie Hochschule" eröffnet. Zu den Initiatoren dieser ersten Volkshochschule gehört der Schriftsteller und Philosoph Wilhelm Bölsche (1861-1939).
30. 1. In London wird ein Bündnisvertrag zwischen dem Vereinigten Königreich und Japan unterzeichnet. Es ist das erste diplomatische Abkommen zwischen einer europäischen und einer asiatischen Macht, das auf gleichberechtigter Grundlage geschlossen wird.
25. 1. Mit Abschluß des Postübereinkommens werden einheitliche Briefmarken eingeführt.

Februar
13. 2. Die kaukasische Stadt Schemacha wird durch ein Erdbeben vollständig zerstört. 1.000 Menschen sterben; die letzten Zeugnisse der mittelalterlichen Architekturschule der früheren Hauptstadt des Fürstentums Schirwan gehen verloren.
15. 2. Das erste Teilstück des Berliner Hoch- und Untergrundbahnsystems zwischen den Bahnhöfen Warschauer Straße und Zoologischer Garten wird der Öffentlichkeit übergeben. Bereits 1896 hatte die Firma Siemens & Halske mit den Arbeiten an dem umfangreichen Projekt begonnen.
15. 2. Die deutschen Schiffahrtgesellschaften Hapag (Hamburg) und Norddeutscher Lloyd (Bremen) schließen einen Kartellvertrag mit dem amerikanischen Morgan-Trust. In Absteckung der gegenseitigen Interessensphären verzichten die deutschen Gesellschaften darauf, britische Häfen anzulaufen, während die Morgan-Dampfer nicht mehr nach Deutschland fahren.

März
2. 3. In Tours beginnt der Kongreß zur Konstituierung der Französischen Sozialistischen Partei (PSF). Zu den führenden Köpfen der Partei zählen Jean Jaurès und Aristide Briand.
5. 3. Der österreichische Kaiser Franz Joseph I. verleiht dem Privatdozenten Sigmund Freud den Titel eines außerordentlichen Professors an der Universität Wien.
6. 3. Prinz Heinrich von Preußen, Bruder von Kaiser Wilhelm II., erhält im Rahmen seiner Reise durch die Vereinigten Staaten die Ehrendoktorwürde der Harvard-Universität. Zuvor wurde er von Präsident Theodore Roosevelt und führenden Vertretern der amerikanischen Wirtschaft empfangen.
10. 3. Tod der Frauenrechtlerin Jenny Hirsch (1829-1902) in Berlin.

April
8. 4. Rußland und China unterzeichen ein Abkommen über die 1900 während des Boxeraufstands von russischen Truppen besetzte Mandschurei. Rußland erkennt die Oberhoheit Chinas an und zieht seine Truppen zurück, im Gegenzug erhält es die Konzession für den Bau einer Eisenbahnlinie durch das umstrittene Gebiet.
10. 4. In Belgien beginnt ein von den Sozialisten organisierter Generalstreik für die Durchsetzung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts (für Männer). Bei Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften werden in verschiedenen Städten mehrere Menschen getötet.
15. 4. Der russische Innenminister Dmitri Sinjagin wird in Petersburg von einem anarchistischen Studenten ermordet. Das Attentat ist ein Auswuchs der landesweiten Proteste gegen das Zarenregime.

Mai
1. 5. Reichskanzler Bernhard Graf von Bülow eröffnet in Düsseldorf die rheinisch-westfälische Gewerbeausstellung. Auf 40 Hektar Ausstellungsfläche präsentieren sich die bedeutendsten Industrieunternehmen der Region, darunter die Firma Krupp aus Essen mit einer Rüstungsfabrik.
8. 5. Beim Ausbruch des Vulkans Mont Pelé auf der französischen Antilleninsel Martinique wird die Hafenstadt St.-Pierre fast vollständig zerstört. 30.000 Menschen kommen ums Leben.
20. 5. Die USA entlassen Kuba offiziell in die Unabhängigkeit. Erster Präsident der Republik Kuba wird Tomás Estrada Palma. Die Vereinigten Staaten behalten sich jedoch weitgehende Rechte auf der Insel vor.
31. 5. Mit dem Friedensvertrag von Vereeniging endet der Burenkrieg. Die Vertreter der Südafrikanischen Republik (Transvaal) und des Oranje-Freistaats müssen die koloniale Oberhoheit Großbritanniens anerkennen.

Juni
10. 6. Tod der Frauenrechtlerin Auguste Schmidt in Berlin.
28. 6. Regierungsvertreter des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns und Italiens unterzeichnen in Berlin die vierte Erneuerung des 1882 geschlossenen Dreibunds.

Juli
9. 7. In Hagen wird das von Karl Ernst Osthaus gegründete Folkwang-Museum eröffnet. Es beherbergt neben Gemälden vor allem außereuropäisches Kunstgewerbe und völkerkundliche Exponate. Die von dem belgischen Architekten Henry van de Velde (1863-1957) entworfene Innenraumgestaltung gilt als eines der Hauptwerke des Jugendstils.
10. 7. Die französische Regierung ordnet die Schließung von rund 2.500 katholischen Ordensschulen an.
12. 7. Arthur James Earl of Balfour wird neuer Premierminister Großbritanniens, nachdem am Vortag der 72jährige Lord Salisbury aus Altersgründen um seine Entlassung gebeten hatte.

August
7. 8. Tod des Führers des liberalen Bürgertums und Mitbegründers der Nationalliberalen Partei Robert von Benningsen (1824-1902) in Springe bei Hannover.
9. 8. In London finden die Krönungsfeierlichkeiten für Eduard VII., König von Großbritannien und Irland, statt.
19. 8. Der Regisseur Max Reinhardt gründet die Schauspielbühne "Kleines Theater" in Berlin.
27. 8. König Viktor Emanuel III. von Italien trifft zu einem dreitägigen Staatsbesuch in Potsdam ein. Beim offiziellen Staatsempfang in Berlin bekräftigen Wilhelm II. und sein Gast ihre gegenseitigen Bündnisverpflichtungen.
31. 8. Tod der Schauspielerin Mathilde Wesendonck (1828-1902) in Traunblick bei Traunsee.

September
3. 9. Der 43. Genossenschaftstag in Bad Kreuznach schließt 99 Konsumvereine aus dem Allgemeinen Verband deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften aus, da deren sozialdemokratische Auffassungen den neutralen Statuten des Verbandes widersprächen.
5. 9. Tod des Arztes, Wissenschaftlers und Politikers Rudolf Virchow in Berlin.
8. 9. Das deutsche Kanonenboot "Panther" versenkt vor der Küste Haitis den Kreuzer "Crète à Pierrot". Der haitianische Kreuzer hatte eine Woche zuvor einen deutschen Dampfer gekapert und an Bord befindliches Kriegsmaterial beschlagnahmt.
13./14. 9. Die zweite Konferenz sozialdemokratischer Frauen findet in München statt. Clara Zetkin fordert gesetzliche Maßnahmen zum Schutz der Frauen-, Kinder- und der Heimarbeit sowie das Wahl-, Vereins- und Versammlungsrecht für Frauen.
15. 9. In der zu Rußland gehörenden polnischen Stadt Czenstochau werden bei einem Pogrom 15 Juden getötet.
29. 9. In Paris stirbt der französische Schriftsteller Émile Zola in seiner Wohnung an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Neben seinem literarischen Werk genießt Zola auch wegen seines Engagements in der Dreyfus-Affäre hohes Ansehen im In- und Ausland.

Oktober
11. 10. Der Deutsche Kolonialkongreß in Berlin, an dem erstmals alle deutschen Kolonialgesellschaften und -vereine teilnehmen, fordert in einer Resolution von der Reichsregierung ein größeres finanzielles Engagement für Projekte in Übersee.
16. 10. Wilhelm II. verweigert den im Rahmen ihrer Propagandareise durch Europa im Deutschen Reich weilenden Buren-Führern eine Audienz.
27. 10. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844-1923) tritt im Schauspielhaus Berlin erstmals in Deutschland auf.

November
1. 11. In einem geheimen Abkommen verpflichtet sich Italien gegenüber Frankreich zu strikter Neutralität. Da dies auch für den Fall eines Konfliktes zwischen Frankreich und Deutschland bzw. Österreich-Ungarn gilt, wird damit der erst im Juni erneuerte Dreibund in Frage gestellt.
Das neue Schauspielhaus von Frankfurt/Main wird mit der Aufführung von Friedrich Schillers "Wallensteins Lager" festlich eröffnet. Die Finanzierung des Theaterbetriebes übernimmt die "Neue Theater-Aktiengesellschaft", eine Gruppe finanzkräftiger und kulturell engagierter Bürger der Stadt.
2. 11. In Charlottenburg bei Berlin werden neue Gebäude der Hochschule der bildenden Künste und der Hochschule für Musik eingeweiht. Die im neubarocken Stil errichteten Bauten in der Hardenbergstraße kosteten insgesamt vier Millionen Mark.
9. 11. Wilhelm II. trifft zu einem zehntägigen familiären Besuch der britischen Königsfamilie auf Schloß Sandringham bei Norfolk ein.
22. 11. Tod des Industriellen Friedrich Alfred Krupp (1854-1902) in Essen.

Dezember
10. 12. In der Nähe der ägyptischen Stadt Assuan am Nil wird der größte Staudamm der Welt eingeweiht. An der Fertigstellung des Bauwerkes haben 25.000 Menschen vier Jahre lang gearbeitet. Der Stausee faßt bis zu 5,3 Milliarden Kubikmeter Wasser und soll fruchtbarem Ackerboden für 100.000 Bauern schaffen.
Der Historiker Theodor Mommsen erhält für seine bereits 1854-1885 herausgegebene "Römische Geschichte" den Nobelpreis für Literatur.
13. 12. Deutsche und britische Kriegsschiffe beschießen gemeinsam die venezolanische Hafenstadt Puerto Cabello. Die militärische Aktion soll den Forderungen nach Entschädigung für die Zerstörung deutscher und britischer Besitzungen in Venezuela durch den seit Jahren anhaltenden Bürgerkrieg Nachdruck verleihen.
14.12. Der Zolltarifentwurf wird vom Reichstag angenommen. Damit setzen sich die Interessen der Agrarier durch.

Außerdem:
Benedetto Croce (1866-1952): Philosophie des Geistes (Philosophische Abhandlung)
Claude Debussy (1862-1918): Pelleas und Melisande (Oper)
Arthur Conan Doyle: Der Hund von Baskerville (Roman)
André Gide (1869-1951): Der Immoralist (Roman)
Maxim Gorki: Nachtasyl (Schauspiel)

(am)

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