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Bildende Kunst

In der Epoche von 1850 bis 1870 war die Bildende Kunst stark durch die Historienmalerei geprägt, die durch die Nationalbewegung einen Aufschwung erlebte. Die Maler dieses Genres bildeten wichtige Ereignisse und historische Persönlichkeiten ab, um die geschichtliche Bedeutung zu betonen. "Luther auf dem Weg nach Worms" (um 1860) von August Viereck (1825-1865), "Die Landung des Großen Kurfürsten auf Rügen 1678" von Hermann Kretzschmer (1811-1890), "Seni an der Leiche Wallensteins" (1855) von Karl von Piloty (1826-1886) oder "Friedrich und die Seinen bei Hochkirch" (1856) von Adolph Menzel brachten genau diese Absicht zum Ausdruck. Menzel malte eine ganze Reihe von Historiengemälden zur Geschichte Friedrichs des Großen, für die er große Anerkennung erwarb.

Im nationalbegeisterten 19. Jahrhundert gelangten Persönlichkeiten wie Ulrich von Hutten (1488-1523) zu großer Popularität, der Arminius, den Sieger der Varusschlacht gegen die Römer 9 n. Chr., als "Vaterlandsbefreier" feierte. Nicht nur der Maler Friedrich Wilhelm Martersteig (1814-1899) würdigte Hutten in einer Vielzahl von Gemälden. Daneben entstanden - aus Anlass der 100-jährigen bzw. 50-jährigen Jubiläen - zahlreiche Gemälde, die Szenen aus dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) und den Freiheitskriegen gegen Napoleon (1813-1815) darstellten. Die Künstler hofften, die Gemälde auf entsprechenden Kunstausstellungen vorteilhaft verkaufen zu können. Auch die Kriege gegen Dänemark 1864 und Österreich 1866 wurden schon unmittelbar nach Kriegsende als bedeutende historische Ereignisse verherrlicht. Zu den bekanntesten Schlachtenmalern der Zeit zählten Wilhelm Camphausen (1818-1885), Georg Bleibtreu (1828-1892) und Anton von Werner.

Die Mehrzahl der prominenten Maler der Epoche hatten ihre künstlerische Ausbildung in der Düsseldorfer und Münchner Malerschule sowie in Berlin erhalten. Die sozialen und geistigen Veränderungen in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts führten auch dort zu einem Wandel der künstlerischen Konventionen und Theorien. Vor allem von Frankreich ausgehend, kritisierten Maler zunehmend das klassizistische und romantische Kunstverständnis mit seinen historisierenden und idealisierenden Darstellungsformen. Auf der Pariser Weltausstellung 1855 stellte Gustav Courbet (1819-1877) seine Werke unter dem Titel "Le Réalisme" aus. Mit dieser Ausstellung wollte Courbet seiner Forderung nach Wahrheit, Zeitgemäßheit und sozialer Aussage Ausdruck verleihen, verbunden mit einer Ablehnung des Idealismus. Der programmatische Titel der Ausstellung wurde prägend für die gesamte Stilrichtung des Realismus, der zwischen 1830 und 1880 Hauptströmung der Bildenden Kunst war.

In Deutschland hatte der Realismus seine Vorläufer in der Kunst des Biedermeier und den darauf folgenden naturalistischen Tendenzen, unter anderem repräsentiert durch Rudolf von Alt (1812-1905) und Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865). Einer der ersten realistischen Maler in Deutschland war Adolph Menzel. Die schnell wachsenden Städte und die Errungenschaften der Zeit wie die fortschreitende Industrialisierung wurden in dieser vom Umbruch gezeichneten Epoche zentrale Herausforderung der Kunst und Kultur. Urbanisierung und Fabrikarbeit weckten auch das Interesse Menzels: Auf verschiedenen Bildern, wie beispielweise dem Gemälde "Pariser Wochentag" (1869), stellte Menzel detailreich das Großstadtleben in seiner Heterogenität dar. In seinem bekannten "Eisenwalzwerk" (1875) hielt Menzel technisch genau die industriellen Arbeitsschritte im Bild fest. Die Maler des Realismus machten den Alltag zum Thema ihrer Kunst und legten großen Wert auf eine wirklichkeitsgetreue Darstellung, frei von jeglichem Idealismus. Wilhelm Leibl (1844-1900), Hans Thoma (1839-1924) oder Carl Schuch (1846-1903) zählten in Deutschland zu den Verfechtern von Courbets Ideen.

Swantje Greve
28. Juli 2010

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