Chronik 1907

JANUAR
  • 1. 1.
    In dem von Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow veröffentlichten "Silvesterbrief" ruft Kaiser Wilhelm II. zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und der Zentrumspartei auf. Er bekennt sich zu Deutschlands imperialistischer Politik.
  • 6. 1.
    In Rom gründet die Ärztin Maria Montessori(1870-1952) in einem Arbeiterstadtteil ihr erstes "Kinderhaus". Die "Montessori-Pädagogik" betont die Selbständigkeit des Kindes und lehnt jede Zwangsmaßnahme in der Erziehung und im Unterricht ab.
  • 8. 1.
    In München erscheint die erste Nummer der Kulturzeitschrift "März". Zu den Begründern des Blattes gehören der Verleger Albert Langen (1869-1909) sowie die Schriftsteller Hermann Hesse und Ludwig Thoma (1867-1921).
  • 14. 1.
    Bei einem Erdbeben in der britischen Kronkolonie Jamaika kommen mehr als 1.000 Menschen ums Leben. Die Hauptstadt Kingston wird fast vollständig zerstört. Die USA entsenden Militäreinheiten zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Hilfe bei der Versorgung der Betroffenen. Die Maßnahmen lösen diplomatische Proteste der Kolonialmacht Großbritannien aus.
  • 19. 1.
    In Persien wird der neue Schah gekrönt. Der 34jährige Mohammed Ali (1872-1925) ist der Sohn des am 8. Januar verstorbenen Mosaffar Od Din (1853-1907). Unter Ali wird die Hinwendung Persiens zu einer konstitutionellen Monarchie zunächst gestoppt.
  • 25. 1.
    Bei den Reichstagswahlen erhalten die Sozialdemokraten mehr Stimmen als bei der Wahl 1903. Trotzdem büßen sie aufgrund der Wahlkreisverteilung 38 ihrer vormals 81 Sitze ein. Der Wahlkampf war durch die Auseinandersetzung über die Weiterführung des Kolonialkriegs in Deutsch-Südwestafrika geprägt.
FEBRUAR
  • 2. 2.
    Tod des russischen Chemikers Dmitri I. Mendelejew (1834-1907) in St. Petersburg.
  • Uraufführung des Schauspiels "Die Jungfrau von Bischofsberg" von Gerhart Hauptmann in Berlin.
  • 8. 2.
    Im Fürstentum Moldau brechen Bauernunruhen aus, die bald auf ganz Rumänien übergreifen. Die Kleinbauern wenden sich gegen die Großgrundbesitzer und die jüdische Oberschicht. Vielerorts kommt es zu Judenpogromen. Bei der blutigen Niederschlagung des Aufstandes werden 11.000 Bauern getötet.
  • 9. 2.
    Mehr als 3.000 Frauenrechtlerinnen demonstrieren in London für die Einführung des Frauenwahlrechts. Als König Eduard VII. in seiner Thronrede nicht auf die Forderung eingeht, kommt es in der Woche darauf zu gewaltsamen Protestaktionen der militanten "Suffragetten".
  • 18. 2.
    Mehr als 50 polnischsprachige Gymnasiasten werden aus preußischen Gymnasien entlassen. Ihre Geschwister hatten sich im sogenannten Schulstreik geweigert, im Religionsunterricht der Grundschule deutsch zu sprechen. Die Entlassung wird mit mangelnder nationaler Zuverlässigkeit begründet. An dem "Schulstreik" beteiligten sich insgesamt über 70.000 Kinder.
  • 23. 2.
    Der Burengeneral Louis Botha (1862-1919) wird erster Premierminister der britischen Kolonie Transvaal. König Eduard VII. hatte 1906 für die Kolonie eine Verfassung erlassen, die eine "Selbstregierung" der Buren festschreibt.
MÄRZ
  • 5. 3.
    In Russland wird die zweite Duma eröffnet. Die Neuwahlen zu der im Juli 1906 aufgelösten Volksvertretung ergaben erneut eine starke Mehrheit der oppositionellen Parteien.
  • 7. 3.
    An der Börse in der New-Yorker Wall Street bricht der Aktienmarkt zusammen. Es kommt zu einer bis ins nächste Jahr andauernden Wirtschaftskrise. Konservative Kräfte machen die Anti-Trust-Politik von Präsident Theodore Roosevelt für die Krise verantwortlich.
  • 11. 3.
    Der bulgarische Ministerpräsident Dmitri Petkov (1856-1907) wird in Sofia erschossen. Das Attentat fällt in eine Zeit starker sozialer und nationaler Unruhen in dem Balkanstaat.
  • 31. 3.
    Wilhelm II. erklärt den Kriegszustand in Deutsch-Südwestafrika offiziell für beendet, obwohl sich noch immer einzelne Stammesgruppen der Kolonialherrschaft widersetzen. In den seit 1903 andauernden Kämpfen sterben ungefähr 90.000 Herero und Nama sowie ca. 1.500 Angehörige der deutschen Kolonialtruppen.
APRIL
  • 1. 4.
    Der Nationalkongress der französischen Sozialisten lehnt "direkte Aktionen" und den Generalstreik als Mittel zur Durchsetzung sozialer und politischer Forderungen ab.
  • 10. 4.
    Tod des Politikers Ignaz Auer (1846-1907) in Berlin.
  • 12. 4.
    Das belgische Abgeordnetenhaus beschließt mit großer Mehrheit den Achtstundentag für Bergleute. Auf Verordnung von König Leopold II. wird das Gesetz jedoch wieder zurückgezogen.
  • 16. 4.
    An den Trauerfeier für Ignaz Auer nehmen über 20.000 Menschen teil. Die Grabreden halten August Bebel, Rosa Luxemburg, Victor Adler und Paul Singer.
  • 27. 4.
    Der Publizist Maximilian Harden deutet in der Zeitschrift "Die Zukunft" an, Phillipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, langjähriger Freund und Berater Wilhelms II., sei homosexuell. Harden will dem Prestige Wilhelms II. nachhaltig schaden.
MAI
  • 3. 5.
    Der deutsche Reichstag beschließt die Einrichtung eines Kolonialministeriums. Die Zustimmung zu dieser noch 1906 vom Parlament abgelehnten Institution ist durch die neuen Mehrheitsverhältnisse nach der Wahl vom Januar möglich. Erster Kolonialminister wird Bernhard Dernburg (1865-1937).
  • 8. 5.
    Während der Eröffnung der ersten "Öffentlichen Badeanstalt" am Berliner Wannsee gibt es zahlreiche Proteste gegen diese "Unsittlichkeit".
  • 11. 5.
    In Österreich beginnen die ersten Wahlen zum Reichsrat nach der Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts für Männer. Nach Beendigung der Stichwahlen am 24. Mai stellen die Sozialdemokraten die meisten Abgeordneten.
  • 12. 5.
    Tod des belgischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans (1848-1907) in Paris.
  • 13. 5.
    Auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), der wegen der angespannten innenpolitischen Lage in London stattfindet, setzen sich die von Lenin geführten Bolschewiki in allen Hauptpunkten durch. Die SDAPR stellt 65 Abgeordnete der Duma.
  • 25. 5.
    In Finnland tritt der erstmals nach allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen gewählte Landtag zusammen. Unter den gewählten Parlamentariern befinden sich 19 Frauen.
  • 31. 5.
    Eulenburg beantragt bei der Staatsanwaltschaft die Eröffnung eines Verfahrens gegen sich selbst, um die Bezichtigungen des Publizisten Harden zu widerlegen. Nach § 175 des Strafgesetzbuches sind homosexuelle Handlungen strafbar.
  • Wilhelm II. distanziert sich von seinem langjährigen Freund und Berater Eulenburg.
JUNI
  • 2. 6.
    Mit einem 3:1-Sieg über Viktoria 89 Berlin wird der Freiburger FC Deutscher Fußballmeister.
  • 10. 6.
    Der französische Chemiker Louis Jean Lumière (1864-1948) stellt die ersten Farbphotographien vor.
  • 11. 6.
    Eulenburg nimmt seinen Abschied.
  • 14. 6.
    Wilhelm II. besucht das Automobilrennen um den Kaiserpreis im Taunus. Er selbst hatte diesen Preis für mindestens 1.175 kg schwere Autos ausgeschrieben.
  • 15. 6.
    Die Zweite Haager Friedenskonferenz beginnt. Hauptstreitpunkte zwischen den Großmächten sind die Einführung eines internationalen Schiedsgerichtshofes und Rüstungsbeschränkungen.
  • 16. 6.
    Auf Erlass des Zaren Nikolaus II. wird die russische Duma erneut aufgelöst, nachdem die Polizei in der Nacht zuvor mehrere sozialdemokratische und sozialrevolutionäre Abgeordnete verhaftet hat. Zugleich wird ein neues Wahlgesetz erlassen, das den Konservativen bei Neuwahlen die Mehrheit sichern soll.
JULI
  • 1. 7.
    Der Dreibund zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien verlängert sich automatisch bis ins Jahr 1914, da keine der Mächte den Vertrag fristgemäß gekündigt hat.
  • In den USA treten verschärfte Einwanderungsbestimmungen in Kraft, mit denen die Niederlassung von Aussiedlern aus Übersee erschwert werden soll. Trotzdem erreicht die Zahl der Einwanderer in diesem Jahr mit 1,285 Millionen einen neuen Rekord.
  • 19. 7.
    Kronprinz Ni-Tschök (Yi_Ch'ok) (1874-1926) übernimmt das Amt des Kaisers von Korea. Unter seiner Regentschaft vollzieht sich die völlige Unterwerfung Koreas unter die Kontrolle Japans.
  • 28. 7.
    Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Eulenburg werden eingestellt. Eulenburg bleibt aber gesellschaftlich isoliert.
  • 31. 7.
    In der marokkanischen Hafenstadt Casablanca werden acht Europäer von fanatischen Moslems ermordet.
AUGUST
  • 5. 8.
    Frankreich und Spanien entsenden 6.000 Marinesoldaten nach Casablanca, um ihre dort ansässigen Landsleute vor Übergriffen christenfeindlicher Araber zu bewahren. Bei den blutigen Kämpfen gegen die Interventionstruppen kommen mehr als 1.000 Marokkaner ums Leben.
  • 18. 8.
    In Stuttgart beginnt der VII. Internationale Sozialistenkongress, der erste auf deutschem Boden. An der Eröffnungsveranstaltung nehmen über 50.000 Menschen teil. Zu den prominentesten der 884 Teilnehmer aus aller Welt gehören Rosa Luxemburg, Jean Jaurès und Wladimir I. Lenin. Vor allem die Debatten um die Haltung zum Krieg und zur Kolonialfrage sind von tiefen Differenzen zwischen den nationalen Delegationen geprägt.
  • 31. 8.
    Russland und Großbritannien unterzeichnen in St. Petersburg ein Abkommen über die Abgrenzung ihrer Interessensphären in Persien, Afghanistan und Tibet. Damit wird faktisch die "Entente cordiale" zwischen Frankreich und Großbritannien durch die Einbindung Russlands zur Tripelentente erweitert.
SEPTEMBER
  • 4. 9.
    Tod des norwegischen Komponisten Edvard Grieg in Bergen.
  • 7. 9.
    Tod des französischen Dichters René François Armand Sully-Prudhomme (1839-1907) in Chatenay Malabry (Haute-de-Seine).
  • 8. 9.
    Papst Pius X. (1835-1914) erlässt die Enzyklika "Pascendi dominici gregis", mit der er sich gegen die von "Modernisten" angestrebte Reform in der katholischen Kirche wendet.
  • 14. 9.
    In China eskaliert ein Aufstand gegen die herrschende Mandschu-Dynastie zu einem Gefecht zwischen Regierungstruppen und Rebellen. An der Spitze der Revolte steht die Geheimorganisation Kuomintang unter der Führung des Arztes Sun Yat-Sen (1866-1925). Ihre Ziele sind u.a. die Beseitigung der Monarchie und eine Bodenreform.
OKTOBER
  • 3. 10.
    Der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) fordert auf seiner Jahrestagung in Hamburg umfangreiche Sozialreformen für Arbeiterinnen, so den zehnstündigen Maximalarbeitstag. Der ADF war mit ca. 20.000 Mitgliedern eine der größten Frauenorganisationen des Deutschen Reiches.
  • 6. 10.
    Auf Initiative des liberalen Politikers Friedrich Naumann wird in München der Deutsche Werkbund gegründet. Der Zusammenschluss von Künstlern, Kunsthandwerkern, Industriellen und Wissenschaftlern soll eine Modernisierung der handwerklichen und industriellen Produktion bewirken und den Absatz deutscher Produkte auf internationalen Märkten fördern.
  • 12. 10.
    Das Reichsgericht in Leipzig verurteilt den sozialdemokratischen Rechtsanwalt Karl Liebknecht wegen "Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" zu eineinhalb Jahren Festungshaft. Den Anlass für die Verurteilung bildet die Schrift "Militarismus und Antimilitarismus", in der sich Liebknecht gegen den Kriegsdienst und den preußischen Militarismus wendet.
  • 18. 10.
    Auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz werden 13 Abkommen über die internationale Abrüstung und Schiedsgerichtsbarkeit verabschiedet. Über die eigentlichen Probleme der Flottenrüstung lehnte Kaiser Wilhelm II. jegliche Verhandlung ab.
  • 27. 10.
    Die Wahlen zur dritten Duma in Russland ergeben eine absolute Mehrheit der Konservativen und des reaktionären Landadels. Grund für die Verschiebung des Kräfteverhältnisses ist das vom Zaren erlassene neue Wahlgesetz, mit dem fast die Hälfte der zuvor Wahlberechtigten von der Abstimmung ausgeschlossen wurde.
NOVEMBER
  • 2. 11.
    Im Integritätstraktat von Kristiania (heute: Oslo) garantieren das Deutsche Reich, Großbritannien, Frankreich und Russland die Unantastbarkeit des Königreichs Norwegen. Schweden reagiert mit Verärgerung auf dieses Abkommen, da es seine Loyalität gegenüber den Unabhängigkeitsbestrebungen Norwegens stets beteuert habe.
  • 16. 11.
    Das ehemalige Indianer-Territorium Oklahoma wird als 46. Bundesstaat den Vereinigten Staaten von Amerika angegliedert.
  • 20. 11.
    Tod der Malerin Paula Modersohn-Becker in Worpswede.
DEZEMBER
  • 2. 12.
    Das Königreich Belgien übernimmt den Kongostaat aus dem Privatbesitz von König Leopold II. In den letzten Jahren war es wiederholt zu internationalen Protesten gegen die brutale Unterdrückung der Einheimischen durch belgische Soldaten und Beamte gekommen.
  • 8. 12.
    Der schwedische König Oskar II. (1829-1907) stirbt im Alter von 78 Jahren in Stockholm. Thronfolger wird sein Sohn Gustav V. (1858-1950).
  • 9. 12.
    Im Reichstag beginnt die Debatte um das Vereinsgesetz, dessen Entwurf die Regierung im November veröffentlicht hatte. Zu den Hauptstreitpunkten zählt die Frage, ob Frauen politischen Vereinen beitreten dürfen.
  • 17. 12.
    Tod des britischen Physikers William Thomson Lord Kelvin (1824-1907) in Nethergall.
AUßERDEM:
  • Friedrich Christian Delius: Romeo und Julia auf dem Dorfe (Oper)
  • Stefan George: Entrueckung aus "Der siebente Ring" (Gedichte)
  • Carl Hauptmann (1858-1921): Einhart der Lächler (Roman)
  • Selma Lagerlöf (1858-1940): Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgänsen (Kinderbuch)
  • Georges Méliès (1861-1938): 20.000 Meilen unter den Meeren (Film)
  • Sydney Olcott (1873-1949): Ben Hur (Film)
  • Rainer Maria Rilke: Neue Gedichte (Gedichte)
  • Oscar Straus (1870-1954): Ein Walzertraum (Operette)
  • Robert Walser (1878-1956): Geschwister Tanner (Roman)

Dorlis Blume/Andreas Michaelis
11. Juni 2015

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